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Gefahr der Krankheitsübertragung bei Flüchtlingen gering

Viele Asylsuchende haben einen langen Weg hinter sich und kommen krank in Berlin an. Die ärztin Miriam Stegemann behandelt sie.

Ein Flüchtling – wartend in der Kälte und im Regen. Die meisten Erkrankungen von Asylsuchenden betreffen fieberhafte Erkältungen

Ein Flüchtling – wartend in der Kälte und im Regen. Die meisten Erkrankungen von Asylsuchenden betreffen fieberhafte Erkältungen

Foto: Kay Nietfeld / dpa

Der Weg vieler in Deutschland ankommender Asylsuchender war lang, anstrengend und entbehrungsreich. Dementsprechend sind viele von ihnen krank. Einige Berliner Krankenhäuser sind gewissermaßen Paten für verschiedene Standorte von Berliner Flüchtlingsunterkünften. Ihre Ärzte diagnostizieren, behandeln und klären, welche Impfungen nötig sind. Eine dieser Ärztinnen ist Miriam Stegemann von der Medizinischen Klinik der Charité mit Schwerpunkt Infektiologie und Pneumologie in Wedding. Sie erklärt, welchen gängigen und eher exotischen Krankheiten sie begegnet und welche Ansteckungsgefahr für Außenstehende besteht.

Berliner Morgenpost: Welche Krankheiten stellen Sie bei Flüchtlingen fest, die in Berlin ankommen?

Miriam Stegemann: Es gibt einige Krankheiten, wie wir sie auch hier bei uns typischerweise finden, die aber durch die Fluchtumstände, also durch eine unzureichende Versorgung und Unterbringung in engen räumlichen Verhältnissen, häufiger auftreten. Bei den Menschen, die wir im Rahmen von „Charité hilft“ an den Standorten in der Turmstraße, Glockenturmstraße (Olympiagelände) und Bundesallee medizinisch versorgen, stellen wir vor allem fieberhafte Erkrankungen der oberen Atemwege fest, also grippale Infekte. Oft ist Unterkühlung die Ursache. Außerdem treten parasitäre Hauterkrankungen wie Krätze, Pilzinfektionen sowie Hautkrankheiten durch Läuse auf. Die schlechten hygienischen Verhältnisse auf dem Fluchtweg machen sich bemerkbar. Wir finden auch Magen-Darm-Infektionen, weil die Menschen kein sauberes Wasser und keine hygienisch einwandfreien Lebensmittel zur Verfügung hatten. Außerdem behandeln wir häufig Windeldermatitis bei Babys, Mund-Soor, aber auch nicht infektiöse Krankheiten wie Wunden, die sich die Ankommenden bei ihrer Flucht zugezogen haben, beispielsweise Prellungen und Brüche. Außerdem leiden einige unter schwerer körperlicher Erschöpfung und Dehydrierung aufgrund von Wassermangel. Wir finden natürlich auch bei uns übliche chronische Krankheiten, die sich durch fehlende Medikamente auf dem Fluchtweg verschlimmert haben, zum Beispiel Diabetes, Bluthochdruck und Depressionen. Das ist das, was wir bei der ärztlichen Erstversorgung erkennen und wo wir eine Behandlung einleiten können. Wenn Krankheiten in der Unterkunft nicht behandelbar sind oder wir eine eingehendere Diagnostik brauchen, überweisen wir die Patienten in die Charité oder in umliegende Krankenhäuser.

Können Sie alle diese Krankheiten schnell erkennen?

Nicht immer. Einige Krankheiten gehen ja mit unspezifischen Symptomen einher, zum Beispiel Muskel- und Gliederschmerzen. Dahinter können alle möglichen Ursachen stecken – hier verbreitete wie auch eher exotische. Bei uns seltene Erkrankungen, die wir bei Flüchtlingen finden, sind etwa Malaria, Typhus, Hauterkrankungen durch Läuse, Leptospirose, eine Infektionskrankheit der inneren Organe, die von Tieren übertragen wird, sowie viszerale Leishmaniose, eine Erkrankung der inneren Organe durch parasitäre Einzeller.

Was können Sie zur Gefahr der Ausbreitung von Infektionskrankheiten sagen – in das unmittelbare Umfeld der Notunterkünfte, aber auch in die allgemeine Bevölkerung?

Es gibt dazu bisher wenig verlässliche Zahlen. Die aktuellen Untersuchungsergebnisse des Robert-Koch-Institutes (RKI) zeigen, dass derzeit bei Asylsuchenden vor allem durch Impfungen zu vermeidende Krankheiten und Magen-Darm-Infektionen im Vordergrund stehen. Auch aus der praktischen Erfahrung können wir sagen, dass die Gefahr der Ausbreitung von Infektionskrankheiten in die allgemeine Bevölkerung wahrscheinlich sehr gering ist. Das RKI sieht derzeit weiterhin keine erhöhte Infektionsgefährdung der Allgemeinbevölkerung durch Asylsuchende. Das betrifft sowohl die in Deutschland verbreiteten Infektionskrankheiten, wie auch die hier seltenen. In einzelnen Fällen ist aber eine Übertragung durch die beengten Lebensverhältnisse möglich. Aber die Gefahr ist nicht groß, zumal einige dieser Krankheiten von Insekten weitergetragen wird, die es in Deutschland gar nicht gibt. Das betrifft zum Beispiel die Malaria, die übertragenden Mücken leben hier so gut wie gar nicht. Die Gefahr, dass schwere Krankheiten übertragen werden, halte ich insgesamt für gering. Eine große Bedeutung hat die frühzeitige Erkennung von Erkrankungen bei Menschen, die in den Gemeinschaftsunterkünften leben. Dies ist leichter möglich, wenn den Menschen von Anfang an ein uneingeschränkter Zugang zum Gesundheitswesen ermöglicht wird.

Es ist auch davon die Rede, dass es viele Tuberkulosefälle unter Flüchtlingen gebe. Können Sie diese Fälle erkennen?

Nicht immer. Allerdings erhalten Asylsuchende vor oder unmittelbar nach Aufnahme in Gemeinschaftsunterkünfte eine Erstaufnahmeuntersuchung gemäß §62 Asylgesetz (AsylG) und es wird gemäß §36 Abs. 4 Infektionsschutzgesetz (IfSG) auf das Vorliegen einer ansteckungsfähigen Lungentuberkulose untersucht. Durch Röntgen-Screening-Untersuchungen werden erwartungsgemäß Fälle mit Lungentuberkulose gefunden. Im Rahmen unserer Tätigkeit in den Unterkünften ist es schwieriger, diese Fälle zu identifizieren. Bei Verdachtsfällen leiten wir natürlich weitere Untersuchungen in der Klinik ein. Aber es kann sein, dass die Tuberkulose erst einmal unentdeckt bleibt, weil es lange Zeit keine auffälligen Symptome gibt. Aber wir werden schon hellhörig, wenn wir von anhaltendem Husten und Gewichtsverlust hören. Dann veranlassen wir weitere Untersuchungen. Aber auch hier schätze ich die Gefahr für andere als eher gering ein. Aber man müsste dazu wissenschaftliche Studien machen, um das sicher zu klären.

Wenn es eine nennenswerte Zahl an Krankheitsübertragungen gäbe, würde das auffallen?

Davon gehe ich aus. Das Robert-Koch-Institut hat ja bereits erste Daten veröffentlicht.

Was kann man zusätzlich tun, um eine Ausbreitung zu verhindern?

Das Personal in den Gemeinschaftsunterkünften sollte die Augen offen halten und darin geschult sein, worauf man bei medizinischen Problemen achten muss.

Werden die Flüchtlinge geimpft?

Ja, die Charité impft seit 1.3.2016 im Rahmen der Erstaufnahmeuntersuchung nach §62 Asylgesetz in der Erstregistrierungsstelle Bundesallee 171. Auf dem Gelände des Lageso in der Turmstraße wurde im vergangenen Jahr eine Impfstelle aufgebaut, die von der Kassenärztlichen Vereinigung betrieben wird. Die Ständige Impfkommission am RKI gibt regelmäßig Impfempfehlungen heraus, auch für die Gruppe der Flüchtlinge. Die Dokumentation der Impfungen ist wichtig, damit später weitere Impfungen einer Impfserie richtig durchgeführt werden können. Die Immunisierung erfordert ja bei manchen Krankheiten über mehrere Injektionen. Die Asylsuchenden haben oft keinen Impfnachweis oder gar keinen Impfschutz. Das liegt oft daran, dass sie aus Regionen kommen, in denen die medizinischen Strukturen durch Krieg oder fehlende Ressourcen zerstört sind.

Wogegen werden die Asylsuchenden geimpft?

Gegen das übliche Spektrum: Masern, Mumps, Röteln, Keuchhusten, Windpocken, Tetanus, Diphtherie, Polio.

Gibt es aus ärztlicher Sicht einen Rat an die Behörden, was besser gemacht werden könnte?

In allen größeren Unterkünften müssen medizinische Strukturen vorhanden sein, zu denen Menschen hingehen können, die ansonsten noch keinen Zugang zu unserem regulären Gesundheitssystem haben – unter anderem, weil sie noch nicht registriert sind. In den letzten Monaten hat sich die medizinische Versorgung der Flüchtlinge deutlich verbessert. Durch eine raschere Registrierung können Flüchtlinge schneller in bestehende medizinische Strukturen übergeleitet werden. Die Früherkennung der Erkrankten ist zentraler Bestandteil der Kontrolle von Infektionserkrankungen, was Robert Koch schon vor über 100 Jahren lehrte. Und haben die Flüchtlinge Zugang zum normalen Gesundheitssystem, dann könnten auch Ressourcen zur Versorgung in den Unterkünften eingespart und für den Ausbau der bewährten allgemeinen Gesundheitsstrukturen investiert werden.

Mehr zum Thema beim Robert Koch-Institut und beim Deutschen Ärzteblatt.