Eric Schweitzer

„Wir haben uns die Erfolge hart erarbeitet“

Der Unternehmer Eric Schweitzer gibt nach zwölf Jahren die Präsidentschaft der Berliner Industrie- und Handelskammer ab

Eric Schweitzer, IHK Praäsident und Co-Geschäftsführer von Alba: Es gibt nach zwölf Jahren das Ehrenamt des IHL-Präsidenten ab.

Eric Schweitzer, IHK Praäsident und Co-Geschäftsführer von Alba: Es gibt nach zwölf Jahren das Ehrenamt des IHL-Präsidenten ab.

Foto: Amin Akhtar

Der Unternehmer Eric Schweitzer will die Präsidentschaft über die Industrie- und Handelskammer (IHK) Berlin nach zwölf Jahren weitergeben. Als seine Nachfolgerin hat er Beatrice Kramm vorgeschlagen. Die Vollversammlung der Kammer wird darüber am 14. März entscheiden. Die Berliner Morgenpost traf Schweitzer und sprach mit ihm über die Höhen und Tiefen seiner Präsidentschaft, aktuelle wirtschaftspolitische Fragen und über die Herausforderungen, denen sich seine voraussichtliche Nachfolgerin stellen muss.

Berliner Morgenpost: Herr Schweitzer, Sie haben einmal den folgenden Satz als Ihr Motto bezeichnet: „Bei allem was man tut das Ende zu bedenken – das ist Nachhaltigkeit“. Wie nachhaltig waren Ihre zwölf Jahre als Präsident der Industrie- und Handelskammer Berlin?

Eric Schweitzer : Mein Ansatz war immer: Ich bin Berliner. Ich liebe diese Stadt. Wenn jeder Berliner an der Stelle, an der er ist, mit seinen Möglichkeiten, die er hat, etwas für das Gemeinwesen tut, was über die Steuerzahlung hinausgeht, dann geht es dieser Stadt viel besser. Insofern hoffe ich, dass mein Wirken als IHK-Präsident ein Stück weit dazu beigetragen hat.

Als Sie anfingen, ging es der Stadt schlecht.

Das Kernproblem dieser Stadt war damals, dass sie für ihre Größe eine viel zu geringe Wirtschaftsleistung hatte. Das sah man am Einkommen, an den Arbeitslosenzahlen, an sozialen Problemen. Viele Probleme einer Stadt lassen sich mit einer florierenden Wirtschaft und den damit einhergehenden Einnahmen einfacher lösen.

Ist die Problemlösung nicht Sache der Politik?

Es ist nicht richtig, dass man in Berlin alles Gute und Schlechte an den Senat delegiert. Für mich war wichtig, selbst etwas einzubringen. Und ich glaube, die IHK als relevanter Teil dieser Stadt hat in dieser Zeit eine Menge bewegt. Wenn man die Zahlen von 2004 mit denen von 2015 vergleicht, hat sich Berlin deutlich besser entwickelt.

… auch besser als Sie es erwartet haben?

Als Unternehmer ist man immer Optimist. Ich habe damals gesagt, dass Berlin groß und stark wird. Man wusste nicht, was das konkret heißt. Aber ich war immer davon überzeugt, dass die wirtschaftliche Lage deutlich besser wird. Und tatsächlich wächst der Erfolg stetig: Gegenüber 2004 haben wir 300.000 mehr sozialversicherungspflichtige Beschäftigte, ein BIP-Wachstum von 21 Prozent, wir haben heute 30 Millionen Übernachtungen und 30 Millionen Fluggäste pro Jahr, und wir haben deutlich höhere Exportquoten in der Industrie.

Wie haben Sie die Jahre nach 2004 erlebt?

2004 war die gefühlte Depression in der Stadt extrem groß. Viele haben gesagt, die Stadt wird nie von allein auf die Beine kommen. Noch mehr haben gesagt, die Berliner können feiern und Geld ausgeben. Aber arbeiten können sie nicht. Und die Regierung war – gelinde gesagt – nicht wirtschaftsfreundlich aufgestellt. Wenn man heute auf Berlin schaut, egal von wo in der Welt, ist Berlin nicht nur trendy und hip für die Szene, sondern auch für Start-ups, Unternehmen und Fachkräfte, die hier herkommen wollen.

Ist das ausschließlich das Verdienst der Wirtschaft?

Zumindest ist die Wirtschaft ein Vater des Erfolgs. Aber natürlich braucht es auch die richtigen politischen Rahmenbedingungen, damit sich die Wirtschaft gut entwickeln kann. Und nicht zuletzt spielt der Austausch von Wirtschaft und Wissenschaft eine wichtige Rolle. Heute gehört Berlin zu den Städten, die sowohl aus wirtschaftlicher wie aus wissenschaftlicher Sicht für junge Menschen interessant sind – und das nicht nur wegen unserer beiden Exzellenzuniversitäten. Zurückblickend haben wir also durchaus etwas bewegt.

Wird diese Entwicklung nachhaltig sein, oder ist das ein Trend, der sich wieder umkehren kann?

Ich glaube, dass die positive Entwicklung unserer Stadt nachhaltig ist – egal ob beim BIP, bei den sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätzen oder im Tourismus. Schließlich haben wir uns die Erfolge hart erarbeitet. Natürlich gibt es aber keine Garantie, dass das von alleine so weitergeht. Deshalb geht mit dem Erfolg auch Verantwortung einher. Eigentlich müssen wir heute also mit einem Luxusproblem umgehen: Die Stadt wird größer und interessanter. Dieses Wachstum richtig zu organisieren, ist unsere nächste große Verantwortung.

Was war Ihre größte Herausforderung als IHK-Präsident?

Die größte Herausforderung war, bei den politisch Verantwortlichen aller Parteien die Einstellung dahingehend zu ändern, dass wirtschaftlicher Erfolg die Voraussetzung für das Lösen vieler anderer Probleme ist. Ich wollte aber auch das Bewusstsein dafür schaffen, dass dieser wirtschaftliche Erfolg nicht von selbst kommt. Eine Voraussetzung dazu ist beispielsweise eine starke Wissenschaft.

… die sich mit der Wirtschaft nicht gemeinmachen wollte …

Ja, als ich anfing, gab es noch diesen Gegensatz zwischen Wissenschaft und Wirtschaft. Teile der Wissenschaft wollten sich nicht ökonomisieren lassen von vermeintlichen Profitinteressen raffgieriger Unternehmen. In der Einsicht, dass eine starke Wissenschaft der Humus einer wirtschaftlichen Prosperität ist, sind wir dramatisch vorangekommen. Diese Erkenntnis hat sich auch in Politik und Verwaltung durchgesetzt.

Haben Sie ein Beispiel?

Nehmen Sie die geplante Nachnutzung des Flughafens Tegel: Die Idee eines Wissenschafts- und Industrieparks mitten in der Stadt kam von der IHK. Über alle Parteien hinweg hat diese Idee Akzeptanz gefunden.

Zur Zukunft von Tempelhof hatten Sie eine andere Meinung?

Die hat über einige Jahre hinweg zu einer innigen Freundschaft mit dem damaligen Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit geführt (schmunzelt). Heute wissen alle: Es gab damals schlichtweg kein Konzept für eine Nachnutzung. Große Chancen wurden vertan.

Sie hatten zu Beginn Ihrer Amtszeit auch gefordert, dass sich der Senat aus unternehmerischer Tätigkeit zurückziehen solle. Jetzt sehen wir einen starken Trend zur Rekommunalisierung.

Ich bin ein tief ordnungspolitisch denkender Mensch. Wettbewerb führt in Märkten zu besseren, effizienteren Lösungen. Andererseits bin ich beim Thema Wohnen der Meinung, dass wir, wenn wir keine Gentrifizierung wie in Paris wollen, eine gesunde Mischung aus öffentlich und privat finanzierten Wohnungen brauchen.

Zu Beginn Ihrer Amtszeit hatten Sie einen sozialistischen Wirtschaftssenator als Counterpart, heute eine Senatorin der CDU. Wie zufrieden sind Sie mit dem Senat?

Alle Organisationen dieser Stadt haben Wahlergebnisse zu respektieren. Aufgabe der Politik ist es, aus Wahlergebnissen stabile Regierungen zu bilden. Unsere Aufgabe ist es hinterher, die besten Voraussetzungen für wirtschaftliche Tätigkeit zu schaffen. Der aktuelle Senat macht seine Arbeit nicht schlecht. Auch in dieser Bewertung hilft mir mein klares Wertesystem: Ich bin ein pragmatisch denkender, aber kein ideologischer Mensch.

Ihre Wunschkonstellation für den September?

dass Alba Berlin deutscher Meister wird (lacht).

Anderes Thema: die Flüchtlingsfrage. Was muss geschehen, dass die Integration der Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt gelingt?

Bei aller berechtigter Unzufriedenheit mit dem Lageso oder der Unterbringung der Geflüchteten muss man konstatieren, dass die Strukturen dieser Stadt insgesamt nicht auf die Aufnahme von so vielen Menschen ausgelegt waren. Wir stehen weiterhin erst am Anfang eines langen Prozesses: Nach der Registrierung und Unterbringung kommt nun die eigentliche Integration durch Sprache, Ausbildung und Arbeit.

Was können wir da aus Erfahrungen der Vergangenheit lernen?

In der Vergangenheit waren nach einem Jahr zehn Prozent in den Arbeitsmarkt integriert, nach fünf Jahren 50 Prozent und nach 15 Jahren 70 Prozent. Die Integration der Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt wird fünf bis zehn Jahre benötigen. Das ist ein langer Weg und ein komplexes Thema: Der Kern der Integration ist die Sprache. Das ist in jedem anderen Land auch so. Die Indus­trie- und Handelskammern und die deutsche Wirtschaft engagieren sich da stark.

War man da anfangs zu optimistisch?

Ja. Es erinnert mich an die Wiedervereinigung. Als die Mauer fiel, waren alle mit Deutschlandfahnen unterwegs. Ein paar Jahre später gab es einige in Ost und West, die die Mauer gerne wieder aufgebaut hätten. Jetzt, nach 25 Jahren, sind wir ein Land geworden.

Stimmen Sie der Kanzlerin zu, wenn sie sagt: „Wir schaffen das“?

Dieses Land wird diese Herausforderungen bestehen, aber es wird eine große Kraftanstrengung erfordern. Man braucht da Zuversicht und Geduld. Erst ist die Freude groß, dass man helfen kann. Aber dann kommen die Mühen der Ebene.

Warum geben Sie Ihre Präsidentschaft vor dem Ende der regulären Amtszeit auf?

Ich bin hauptamtlich Unternehmer – und sowohl die IHK Berlin als auch der DIHK sind Ehrenämter. Es gibt einen sehr guten Vorschlag für die Nachfolge. Wenn die Vollversammlung zustimmt, bekommen wir mit Beatrice Kramm eine sehr gute Präsidentin.

Wie sehen Ihre Pläne nach dem 14. März aus?

Mein Abschied ist ja irgendwie nur ein halber Abschied. Denn ich setze mich nicht zur Ruhe, sondern arbeite weiter und habe auch weiter beim DIHK ein Ehrenamt. Ich habe ein sehr emotionales Verhältnis zu dieser Stadt und lebe hier gerne. Und ich werde die IHK und die Berliner Wirtschaft weiter begleiten – nur nicht mehr an erster Stelle.