Flüchtlinge in Berlin

Wie eine Flüchtlingsfamilie in Berlin ankommt

Flüchtlingsfamilie Alaya lebt in der eigenen Wohnung in Charlottenburg. Doch die Sorge um Verwandte in Syrien ist groß.

Loris und Rafaat Alaya mit ihrer Tochter Teresa in ihrer Charlottenburger Wohnung

Loris und Rafaat Alaya mit ihrer Tochter Teresa in ihrer Charlottenburger Wohnung

Foto: Amin Akhtar

Auf dem Klingelschild an ihrer Wohnung in Charlottenburg steht ihr Name. Eine Selbstverständlichkeit, aber für Familie Alaya ist es ein Triumph.

Rückblick: Pünktlich zu Weihnachten, ein bisschen wie ein Geschenk, kommt er mit der Post. Der lange ersehnte Bescheid. In diesem Brief vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) steht: „In dem Asylverfahren von des/der … Rafaat, Loris, Teresa Alaya … ergeht folgende Entscheidung: Die Flüchtlingseigenschaft wird zuerkannt.“

Das ist sie also endlich, die Erlaubnis für die syrische Flüchtlingsfamilie, die kommenden drei Jahre zu bleiben. Das Deutsch, das man in dem Papier liest, klingt kryptisch. So wie man es aus bürokratischen Briefen gewohnt ist. Im Anhang ist der Bescheid auf Arabisch übersetzt. Die junge Familie versteht offensichtlich die Essenz der Nachricht. Sie strahlt.

Herantasten an die deutschen Traditionen

Je länger sie in der Charlottenburger Zweizimmerwohnung leben, desto mehr fühlen sie sich angekommen. Irgendwie. Zumindest sind sie einen großen Schritt weiter als noch vor einigen Monaten bei ihrer Ankunft in Berlin – mit Hoffnung, aber keiner Perspektive.

Viele Erinnerungen verbinden die jungen Eltern mit Weihnachten. Sie feiern mit ihrer einjährigen Tochter Teresa Heiligabend bei deutschen Freunden. An einem der anderen Feiertage klingeln die christlich-orthodoxen Syrer bei ihren Nachbarn, bringen ihnen Schokolade, schlagen vor, ob sie nicht eine Weile zusammensitzen wollen. Ein Nachbar ist verwundert, weist sie freundlich daraufhin, dass das hier in Deutschland etwas anders sei.

Loris und Rafaat Alaya sind es aus ihrer Heimat gewohnt, auch mit ihren Nachbarn zu feiern. In Berlin, wo sich manche im Treppenflur noch nicht mal grüßen, bleibt man lieber unter sich. Die Alayas sind kurz irritiert und müssen im Nachhinein über ihre Unwissenheit lachen. „Wir können noch viel lernen“, sagen sie später.

Die Tochter bekommt einen Zahn

Auch Silvester feiert die Familie bei Freunden. Vom Balkon im sechsten Stock des Hauses können sie das Feuerwerk bestaunen. Von nicht überwundenen Traumata, schließlich sind sie Kriegsflüchtlinge, erwähnen sie nichts. Viel nervenaufreibender scheint in diesen Tagen Teresa zu sein. Sie bekommt einen Zahn. Die jungen Eltern wechseln sich ab: Einer kann tanzen, während der andere das Kind beruhigt.

Mittlerweile stehen für die Familie Tag für Tag Termine an. Landesamt für Gesundheit und Soziales, Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, Ausländerbehörde, Agentur für Arbeit. Strom, Internet, Kindergarten. Alles muss extra beantragt werden, genau wie Vorhänge oder andere Einrichtungsgegenstände. Ähnlich wie das Hartz-IV-Empfänger tun müssen. Das Bürokratische scheint kein Ende zu nehmen. Auch jetzt können sie sich wieder glücklich schätzen, deutsche Freunde zu haben, die ihnen helfen. Übersetzen, begleiten, vermitteln. Ihre privaten Flüchtlingslotsen. Die Alayas sagen immer wieder Danke.

Der Traum vom Intensivkurs an der Universität

Stück für Stück erledigen sie anstehende Aufgaben. Teresa kommt in einen Kindergarten. Sie liebt es, mit anderen Kindern zusammen zu sein, sagen ihre Eltern. Sie gehen weiter zum Deutschkurs. Loris macht sich gut. Noch versteht sie die Sprache besser als sie sie spricht. Lieber spricht sie auf Englisch. Wahrscheinlich auch aus Gewohnheit. Immerhin hat sie einen Bachelor in Englischer Literatur. Nun hat sie sich an der Universität Potsdam bei einem speziellen Programm beworben. Flüchtlingen wird angeboten, für ein Jahr Intensivsprachkurse zu besuchen, um danach mit einem Zertifikat selbst zu unterrichten. Das könnte ihre erste richtige Aufgabe sein, Englischlehrerin. Während Loris Alaya davon erzählt, überschlägt sich ihre Stimme.

Denn da gibt es kaum ein größeres Bedürfnis, als dass sie sich endlich wieder mit Dingen beschäftigen können, etwas lernen und Geld verdienen. Loris Alaya ist 23 Jahre alt, Rafaat 26. Zu Hause war er schon Zahnarzt. Hier kann er damit nichts anfangen. Noch. Auch diese Dinge müssen geklärt werden. Ein wichtiges Dokument liegt an einem Ort in Syrien, an den derzeit niemand kommt. Abgesehen von ihrer jeweiligen Ausbildung würden sie jede Arbeit machen. Sprachmittler, irgendwo aushelfen, putzen.

Wenn sie über diese Dinge nachdenken, sind sie in ihrem eigenen Leben, da zählt nur der Moment, ihr eigener kleiner Alltag in Berlin. Doch irgendwann taucht wieder die Sorge um Rafaats Vater und seine 17-jährige Schwester auf. Sie sind die Einzigen, die zurückgeblieben sind, weil sie mussten, denn das junge Mädchen ist an Diabetes erkrankt, war dadurch nicht in der Lage, die Flucht anzutreten. Nun warten sie auf ein Visum, um in die Türkei einreisen zu dürfen.

Wenn er mit der Familie telefoniert, weint der Vater

Sie versuchen, sooft es geht, mit ihnen zu telefonieren. Dabei müssen sie häufig weinen. Auch Rafaats Vater muss das manchmal. „Wenn dieser 60 Jahre alte Mann weint, ist das wirklich hart“, sagt Loris Alaya betrübt. Dabei schießen ihr selbst die Tränen in die Augen. Teresa soll bald getauft werden. Ihnen ist es wichtig, dass das Mädchen endlich offiziell in die Gemeinde eintritt. Dass der eine Teil ihrer Familie wahrscheinlich nicht dabei sein kann, macht sie traurig. Daher würden sie sich umso mehr freuen, wenn Deutsche zur Taufe kommen und mit ihnen feiern würden.

Die Alayas sind endlich in Sicherheit, haben viel geschafft und hinter sich gelassen. Die junge Familie hat viel Grund, sich zu freuen. Nur will es nicht immer gelingen. Die Angst um die Zurückgebliebenen ist groß. Und doch geben sie die Gedanken an das Gute nicht auf. Ohne ihren Optimismus und die große Hoffnung wären sie sicher auch nicht dahin gekommen, wo sie heute sind. Das sagen sie sich immer wieder. Sobald es geht, wollen sie zurückgeben, was ihnen in den vergangenen Monaten gegeben wurde.

Die Berliner Morgenpost begleitet die Familie Alaya seit ihrer Ankunft in Berlin und berichtet über ihren Weg