Flüchtlingsfamilie

Endlich wieder Weihnachten ohne Krieg

Nach ihrer Flucht aus Syrien freut sich Familie Alaya jetzt auf ein friedliches Fest in Berlin.

 Doris (2.v.r.) und Rafaat (r.) Alaya freuen sich auf das Weihnachtsfest mit Tochter Teresa und Großmutter Nowal

Doris (2.v.r.) und Rafaat (r.) Alaya freuen sich auf das Weihnachtsfest mit Tochter Teresa und Großmutter Nowal

Foto: Joerg Krauthoefer

Die Lichter auf dem Mittelstreifen des Kurfürstendamms erinnern Loris Alaya an Damaskus während der Weihnachtszeit. Bevor der Krieg in Syrien ausgebrochen ist, hat es in diesen Tagen überall so geblinkt, geglänzt und war schön kitschig.

Zusammen mit anderen der Stadt haben sie und ihr Mann Rafaat jedes Jahr den sogenannten Friedensbaum geschmückt, einen mehrere Meter hohen Baum mitten auf einem Platz in Damaskus. Aber dann kam der Krieg – keine Lichter, keine Besinnlichkeit, kein Fest mehr.

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Familie Alaya erinnert sich gerne an so etwas wie Weihnachten zurück. Solche Gedanken können einem ja durchaus über schlechte Zeiten hinweg helfen. „Schau mal“, sagt Loris und zeigt Fotos auf ihrem Handy, da konnten sie noch glücklich in der Heimat leben. Immer wieder scheint das junge Pärchen subtil damit sagen zu wollen: ‚Wir hatten auch mal ein zivilisiertes, unabhängiges, in Teilen sogar luxuriöses Leben.‘

Und natürlich werden sie das wohl wollen. Denn es ist schließlich auch eine Frage des Stolzes. Wenn man über Monate nur annehmen kann und kaum etwas geben, muss man in manchen Situationen wieder etwas Abstand gewinnen, um sich autark zu fühlen.

Erstes Wiedersehen mit der Mutter in Deutschland

„Wir hatten ein Haus mit 23 Räumen“, sagt Rafaat Alaya mit funkelnden Augen. Auf einem der Fotos aus diesem Haus, das komplett zerbombt wurde, stehen der heute 25-Jährige und seine Frau vor einem geschmückten Tannenbaum. Loris Alaya ist darauf sehr ausdrucksstark geschminkt. Sie trägt ein ziemlich kurzes Kleid. Ganz anders als in den vergangenen Monaten auf der Flucht und in Berlin. Wortlos zeigt sie an sich herunter und muss lachen. „Rafaats Mutter ist gerade aus Saarbrücken zu Besuch. Sie war fast etwas erschrocken darüber, wie ich so ganz ohne Schminke und hübsche Kleider aussehe.“ Das letzte Mal hatte Nowal ihre Schwiegertochter zu Hause in Syrien gesehen.

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Aber am Ende sei ihr das egal. „Es ist das erste Weihnachten nach vier Jahren, das wir ohne Krieg feiern können“, sagt sie. Bei ihnen – sie sind arabische Christen – war das Fest immer etwas Besonderes. Es wurde mit Angehörigen, Nachbarn, den engsten Freunden groß, laut und am besten lange gefeiert. So wie es eigentlich auch der Großteil in Deutschland tut: Am 24. wird gegessen, meist Kubbeh, gebratene Bällchen aus Bulgur und Lamm oder Rind, nachdem sie die 40 Tage zuvor auf alles Tierische verzichten mussten. Der Glaube will es so. Es wird „Merry Christmas“ auf Arabisch gesungen und um Mitternacht in die Kirche gegangen. „An den Feiertagen geht es vor allem darum, Freude und Liebe miteinander zu teilen“, sagt die 22-Jährige.

„Uns haben nur gute Menschen umgeben, und das von Anfang an“

Liebe gab es die ganze Zeit über in ihrem Leben, doch Freude hat sich seit Kriegsbeginn in ihrer Heimat etwas limitiert. Umso glücklicher ist die Familie, die vor gut fünf Monaten aus Syrien nach Berlin geflohen ist, dass sie mittlerweile in einer kleinen, sehr gemütlichen Altbauwohnung in Charlottenburg wohnen kann. „Unser kleines Reich“, sagt Loris Alaya. Während ihrer Zeit in der Stadt hatten sie bislang großes Glück. „Uns haben nur gute Menschen umgeben, und das von Anfang an.“

Trotzdem hätte sie eine wesentliche Sache in den vergangenen Monaten gelernt, berichtet Loris Alaya: „Es gibt solche und solche Typen von Menschen, die helfen.“ Ein paar seien ihnen auf ihrem langen Weg bis heute begegnet, die ihnen zwar geholfen hätten, „aber sie haben uns eine Demut auferlegt, dass wir uns fast schlecht gefühlt haben“, sagt Loris Alaya. Zu sehr eingenommen hätten sie die Familie und nicht richtig frei konnten sie sich fühlen – sofern sie so etwas wie Freiheit in Deutschland bislang überhaupt fühlen konnten.

Berliner Familie bietet Hilfe an, ohne aufdringlich zu sein

BWL-Student Victor und seine Mutter Christine Hochheiden zählen zu den Menschen, die den Alayas einfach nur Möglichkeiten anbieten, ohne dabei aufdringlich zu sein. Sie haben die Familie am Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) kennengelernt, als sie dort bei der Versorgung der Flüchtlinge geholfen haben. „Damals habe ich die Alayas gesehen und sie ganz intuitiv sofort für sympathisch befunden“, erinnert sich Christine Hochheiden. Seither seien sie befreundet. Und wenn sie denn helfen können, seien sie immer für die Familie da. Loris bemerkt: „Victor und Christine wollen sich damit nicht selbst verwirklichen wie andere, sondern uns die Möglichkeit geben, unser eigenes Leben zu leben.“

Vor einer Woche hat Victor Hochheiden Loris, Rafaat und Teresa Alaya zum Weihnachtsbasar an seiner Hochschule eingeladen. Die Idee vor Ort war, dass verschiedene Nationalitäten ihre Art Weihnachten zu feiern vorstellen. Die Berliner Hochschule soll eine derjenigen mit den meisten Partneruniversitäten weltweit sein – dementsprechend viele verschiedene Kulturen studieren dort. Laut Victor Hochheiden überlege die Leitung, ab nächstem Jahr die Aufnahmebedingungen für Flüchtlinge etwas anders zu gestalten. „Denn die wenigsten von ihnen tragen schließlich beglaubigte Zeugnisse auf der Flucht mit sich“, sagt der Berliner.

Ein Weihnachtsmann im Miniaturformat

Während Loris Alaya an diesem Tag Interessierten über die Weihnachtstradition bei sich zu Hause erzählt, räumt sie gleichzeitig den Fehlglauben aus der Welt, dass es in Syrien ausschließlich muslimisch geprägte Menschen gibt. Während sie spricht, werden ihre Augen manchmal feucht. Manchmal lacht sie auch über die Fotos, die sie von sich aus einer vergangenen Zeit herumzeigt. Es wirkt fast so, als könnte sie dann selbst nicht ganz glauben, dass sie mal genau dieses Leben gelebt hat.

In diesem Jahr wird ihr Weihnachten ohne den Großteil der Familie stattfinden. Auch wenn sie das melancholisch stimmt, haben sie zumindest einander und sind gesund. Heiligabend werden sie bei deutschen Freunden verbringen. Aber das kennen sie ja auch von zu Hause: den 24. Dezember mit Freunden. Die einjährige Teresa ist gut vorbereitet, schon an diesem Tag trägt sie ein Weihnachtskostüm und sieht damit aus wie ein Weihnachtsmann in Miniaturformat.