Asyl in Berlin

Die stete Ungewissheit im fremden Land

Die syrische Familie Alaya muss zum Landesamt für Gesundheit und Soziales. Doch anstehen und warten muss sie nicht.

Die syrische Flüchtlingsfamilie Loris und Rafaat Alaya mit Tochter Teresa

Die syrische Flüchtlingsfamilie Loris und Rafaat Alaya mit Tochter Teresa

Foto: Reto Klar

Draußen scheint an diesem Tag die Welt unterzugehen. Tief Heini zieht über die Stadt. Sprühregen, Sturmböen. Aber nicht nur das Wetter sieht nach Elend aus. Um 7.30 Uhr warten vor dem Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) bereits zahllose Menschen, die an diesem Mittwoch einen Termin haben und seit Wochen schon auf diesen einen Tag warten. Darunter Familie Alaya, die vor knapp drei Monaten aus Syrien nach Deutschland gekommen ist.

Eigentlich bedeutet das Wort „Termin“ einen tages- und uhrzeitgebunden Zeitpunkt. In der Flüchtlingspolitik ist das allerdings etwas anders. Denn ob die Asylsuchenden an dem ihnen zugewiesenen Tag überhaupt eine Nummer ziehen, geschweige denn, das Gebäude betreten können, ist keinesfalls sicher. Immer noch gilt: Wer zuerst kommt, hat die besseren Karten. Daher warten manche schon nachts vor dem Landesamt, um vorn in der Schlange zu sein. Und um nicht wieder weggeschickt zu werden, wenn es „Feierabend“ heißt.

Die Familie Alaya hat Glück, sie haben eine „Terminkarte“

Über 5000 Altfälle, deren Asylverfahren schleppend verlaufen, sollen noch unbearbeitet sein. Vor allem, weil Folgetermine nicht wahrgenommen werden können. Zudem können Sachbearbeiter im Landesamt nicht mehr als 250 Anträge täglich bearbeiten.

Loris Alaya, 22, ihr Mann Rafaat, 25, und ihre Tochter Teresa, 1, haben Glück. Sie müssen an diesem grauen Mittwoch nicht warten. Eine ehrenamtliche Helferin und Freundin hat der Familie im Vorfeld eine „Terminkarte“ organisiert. Von einem Sachbearbeiter habe sie diese bekommen. Dass so etwas möglich ist, wissen nur wenige.

Deshalb sind hilfsbereite Menschen, die sich der Menschen annehmen, so wichtig für Geflüchtete. Sie sehen Möglichkeiten, die die Flüchtlinge nicht erkennen. Denn es sind versteckte Informationen – in einer fremden Sprache. Keine Chance für die Alayas. Eigentlich.

Dadurch müssen sie nicht anstehen, sie kommen direkt ins Amt

Auf dieser Terminkarte, einem DIN-A-4-Bogen, den die Familie protestantischen Glaubens mit all den anderen Papieren in einer Klarsichtfolie mit sich trägt, steht in Druckbuchstaben, dass sie unbedingten Zugang ins Lageso haben an jenem Tag. Sie dürfen durch einen anderen Eingang, direkt in eines der oberen Stockwerke. Kein Anstehen, keine Nummer.

Und tatsächlich. Die Alayas können an der langen Schlange vorbei, die mittlerweile zwar von Zelten überdacht ist, was das endlose Warten aber auch nicht erleichtert. Vorbei auch an den Securityleuten, die soeben einen jungen Mann zum Haupteingang zurückschickt haben. Bei Loris und Rafaat Alaya klappt dagegen alles so einwandfrei, dass sie einen versteckten Haken vermuten. Sie versuchen, ihre Freude zu verbergen. Immerhin wissen sie nicht, wie es für sie an diesem Tag und auch in naher Zukunft weitergehen wird. Gedanklich bloß nicht ausruhen, scheinen sie sich innerlich zu ermahnen.

Gute Ergebnisse, aber nichts ist abgeschlossen

Man fühlt sich schlecht, fast schon etwas schuldig beim Anblick der Menschen in der Schlange, an denen man mit der Terminkarte einfach so vorbeigelangt – direkt in den Aufzug nach oben.

Aneinandergedrängt, den Blick nach vorne gerichtet, stehen die anderen stundenlang da. Immer in der Hoffnung, dass die Schlange vor ihnen endlich kürzer wird. Auch Loris Alaya hat ein ungutes Gefühl, wenn sie jene Menschen sieht, die nicht so viel Glück hatten wie sie bislang. Sie weiß die Hilfe sehr zu schätzen. Schon jetzt würde sie gern etwas zurückgeben.

Das zeigt sie auch kurz zuvor in Haus M. Dort, wo Härtefälle beantragt werden können, vermittelt sie kurzerhand zwischen Arabern und Schwestern der Charité bei der Aufnahme. Alaya schießen Tränen in die Augen, als ihr eine fremde Frau von ihrer Situation auf Arabisch erzählt. Die Mutter hält ihr Baby im Arm, das mit Downsyndrom zur Welt kam. Sie kommen aus einer Unterkunft ohne Rückzugsmöglichkeit. Jetzt habe sie Angst vor Eskalation, denn ihr Kind mache ständig Geräusche, sei unruhig, sagt die Frau. Das wirke sich auf die anderen Bewohner aus. Loris sagt später, ihrer Familie gehe es im Gegensatz zu vielen anderen fast schon gut.

Hostelgutscheine, Berlinpass und Geld für Winterkleidung

Im vierten Stock von Haus A müssen die Alayas dann doch noch warten. Bald allerdings geht es doch wieder schneller, als erwartet. Um kurz vor elf Uhr kommen Loris und Rafaat Alaya mit neuen Hostelgutscheinen, dem Berlinpass, mit Geld für Winterkleidung und etwas Taschengeld aus einem der Räume.

Die Familie darf wider Erwarten noch weitere fünf Tage in der Wohnung bleiben, in der sie seit zwei Monaten und 20 Tagen wohnt. Das hat die Intervention der ehrenamtlichen Helferin und der Hostelbetreiber möglich gemacht. Trotz all dieser guten Ergebnisse ist noch lange nichts abgeschlossen. Das Verfahren von Familie Alaya läuft nach wie vor. Am kommenden Montag müssen die drei Syrer erneut zum Lageso. Dort wird dann ganz konkret besprochen, wie es mit ihnen weitergehen wird. Danach bricht ihr vierter Monat an, in dem sie registriert in Deutschland leben.

Ziemlich sicher ist, dass sie dann in den sogenannten Transfer ihres Asylverfahrens kommen. Damit sind sie freier als jetzt, da sie laut Gesetz dann nicht mehr verpflichtet sind, sich in einer Erstaufnahme aufzuhalten. Dann dürfen sie sich eine eigene Bleibe suchen. Die Miete für eine normale Wohnung wird übernommen, nur finden müssen sie eine. Freudig sagt Loris Alaya, dass sie vielleicht bald einen Ein-Euro-Job machen kann. Zum Beispiel als Helferin in Flüchtlingsheimen. Sie sehnt sich nach einer Beschäftigung. Das Geld sei ihr dabei ganz egal, sie wolle sich nur nicht mehr so nutzlos fühlen, sagt sie.

Die Wartenden mussten weggeschickt werden – wegen des Sturms

Als die Familie das Landesamt verlässt, ist der Himmel an manchen Stellen aufgerissen. Es ist still geworden vor dem Gebäude. Heute früh wirkte das alles noch tumultiger, dabei sind gerade mal drei Stunden vergangen. Wo sind die Menschen hin? Die Zelte sind leer. Zwei Securitymänner sagen, alle seien gegen neun Uhr von der Polizei wegen einer Sturmwarnung weggeschickt worden. Der Sturm hält sich am Ende in Grenzen. Das Asylverfahren so vieler Menschen, die im Gegensatz zu den Alayas keine Helfer an ihrer Seite haben, ist also erneut einfach aufgeschoben. Bis zum nächsten Termin.

Die Berliner Morgenpost begleitet Familie Alaya auf ihrem Weg in ein neues Leben. In loser Folge werden wir hier über sie berichten.