Berlinale

Schlaflos am Potsdamer Platz

Seit Montagmorgen gibt es Tickets für die Berlinale – Wahre Cineasten nehmen für gute Karten eine unruhige Nacht in den Arkaden in Kauf

Foto: Reto Klar

Um acht Uhr früh ist es ruhig in den Potsdamer Platz Arkaden, der rote Teppich und die Berlinale Fahnen vor dem Online-Ticketschalter leuchten makellos rot, der Devotionalienstand ist noch verwaist. Vor den Ticketschaltern in der Mitte der Passage und am nördlichen Ende sieht es ein bisschen aus wie auf einem schlauchförmigen Campingplatz. Filmfreunde lagern etwas verschlafen auf bunten Picknickdecken und Isomatten, dazwischen Provianttaschen, Campingstühle, Tupperdosen, Thermobecher.

Wache Cineasten tüfteln über Programmheften, Laptops oder Smartphones gebeugt noch an ihrer endgültigen Berlinale-Planung. Hartgesottenere in der Nähe der Schalter versuchen noch, in ihre Schlafsäcke eingemummelt, etwas Schlaf zu bekommen. Wer hier übernachtet, muss ein echter Filmfan sein. Der Boden ist hart, das Licht grell und weil oben auf der Empore im Diner in der Nacht eine Liveübertragung des Superbowl lief, war es nicht gerade ruhig. Später dann die Putzkolonnen. Durchschlafen ging nicht.

Es ist die Ruhe vor dem Sturm. Um zehn Uhr beginnt der Vorverkauf für die Berlinale. Ab dann gibt es Tickets für alle Vorführungen im Friedrichstadt-Palast, im HAU, für das Kulinarische Kino und die Reihe Berlinale Goes Kiez, für die Veranstaltungen der Berlinale Talents sowie für den Berlinale Publikumstag am 21. Februar. Erst gegen neun Uhr, wenn die meisten Decken eingerollt werden und man aufrückt, formiert sie sich, die berühmt-berüchtigte Berlinale-Schlange, etwas kürzer als in den vergangenen Jahren um diese Zeit, dann stetig anwachsend.

Cineasten jeden Alters, Rentner und Studenten, einzeln und in Grüppchen. Besonders wer auf Premieren möchte, hat die Nacht in den Arkaden verbracht. Gegen 9.30 Uhr eilt Festival-Chef Dieter Kosslick kurz mit einem Fernsehteam vorbei, um seine treuesten Filmfans aus den Schlafsäcken zu scherzen und rauscht wieder ab. „Der liebt die Berlinale-Schlange“, sagen einige, „wahrscheinlich gibt es deswegen nur immer Karten für drei bis vier Tage im Voraus.“

Es gibt viele Wege an Karten zu kommen. Im Vorverkauf täglich von 10–20 Uhr in den Potsdamer Platz Arkaden, an Eventim-Theater-Kassen, im Kino International, im Haus der Berliner Festspiele, in der Audi City am Kudamm oder online (www.berlinale.de). Und für Kurzentschlossene mit Glück direkt an den Tageskassen der jeweiligen Kinos.

Eine Tortur, die sich auszahlt

Für Theresa (31) aus Neukölln ist es die erste Nacht in einer Berlinale-Schlange. Sie ist „erst“ seit Mitternacht da und trotzdem ganz weit vorn. Über die Onlineplattform spontacts.com hat sie Leute gefunden, mit denen sie sich hier verabredet hat, und ist froh darüber. „Meine Freunde sind nicht so filmverrückt und alleine hätte ich das nicht gemacht“, sagt sie.

Die Gesundheitsmanagerin ist gerade auf Jobsuche und hat Zeit. Seit 2011 geht sie regelmäßig zu dem Festival, aber in diesem Jahr möchte sie Wettbewerbsfilme sehen und auch Premieren erleben, dafür müsse man dann halt so eine Nacht in der Schlange auf sich nehmen. „Sonst würde ich das nicht machen“, sagt sie. „Das ist schon eine Tortur.“ Der Boden hart, das Licht grell – schlafen schwierig.

Es sei ihr immerhin für drei Stunden gelungen, obwohl sie (Anfängerfehler) keine Isomatte dabei hat. Dafür hatte sie genügend Snacks und Getränke eingepackt. „Die Stimmung hier ist entspannt bis routiniert“, sagt sie. „Die sehen alle aus, als wären sie komplett vorbereitet.“ Dabei sei für die Detailarbeit in der Warteschlange reichlich Zeit. Theresa möchte unter anderem „Hail, Ceasar!“ mit George Clooney, den neuseeländischen Film „Der Patriarch“ und „Maggie’s Plan“ mit Julianne Moore sehen und zu einigen Talent-Talks. Ihr Einsatz wird belohnt, sie bekommt ihre Tickets.

Unbedingt zur Premiere

Roman (20) sitzt etwas blass auf einer Leodecke und kramt in seinem schwarzen Rucksack, eine bunt gestreifte Decke liegt noch zum Kissen gerollt daneben. Er ist seinem Ziel ganz nah. Vor ihm sitzt nur noch eine Gruppe Frauen auf ihrem provisorischen Nachtlager.

Romans Schwester Elisa (17) ist Kaffee holen. „Wir sind seit Sonntag 22 Uhr hier“, sagt Roman, er will am Donnerstag unbedingt zur Premiere von „Hail, Caesar!“ in den Friedrich-stadt-Palast und dort die Live-Übertragung der Eröffnungsgala mit George Clooney und Scarlett Johansson sehen. 2010 war er schon einmal die halbe Nacht hier, weil er die Weltpremiere von Martin Scorseses „Shutter Island“ sehen wollte, und hatte, obwohl er seit fünf Uhr morgens ausharrte, keine Tickets mehr bekommen. In diesem Jahr geht er auf Nummer sicher. Dann eben eine schlaflose Nacht in den Potsdamer Platz Arkaden. „Zwölf Stunden vorher da zu sein, ist schon normal“, sagt der Spandauer, der noch ein wenig frei hat, bevor er zur Bundeswehr geht. Er hat sogar auch wieder etwas schlafen können. Die mitgebrachte Verpflegung war allerdings schnell weg, sagt er, aber McDonald’s sei rund um die Uhr geöffnet. Elisa kommt mit dem Kaffee. Für sie wird es der erste Berlinale-Besuch. Am Ende sind die Geschwister sehr müde, aber glücklich: Sie haben ihre Tickets bekommen.

Akribische Planung

Martina (62) aus Charlottenburg sitzt vorn in der Schlange in ihrem Campingstuhl und liest. Schlafsack und Isomatte hat sie schon ins Auto gebracht, damit die Wartenden am Morgen zusammenrücken können. Die TV-Studioregisseurin im Ruhestand ist Berlinale-Profi und plant akribisch vor. Ihre achte Berlinale-Ticket-Nacht absolviert sie routiniert, bleibt entspannt.

Ihre Kartenwünsche hat sie als Tagesplaner sortiert auf Din-A4-Blättern parat. Diese Übersicht braucht sie, will sie doch etwa 22 Tickets kaufen. „Hier bekommt man heute schon alles für den Friedrichstadt-Palast, das Kiezkino, das Kulinarische Kino und die Specials, nicht zu vergessen den Publikumstag am Schluss“, zählt sie auf. Zwei Filme pro Tag will sie mindestens sehen, vier Filme sind ihr Maximum, schon wegen der Fahrzeiten dazwischen.

Die Cineastin kommt, um besondere Filme zu sehen, die es nicht immer ins Kino schaffen, und Originalversionen. Sie geht nicht zu Premieren und braucht keinen Starrummel. Deshalb ist sie sicher, alle Karten zu bekommen, die sie möchte. Besonders freut sie sich auf den Wettbewerbsfilm „Jeder stirbt für sich allein“ nach dem Roman von Hans Fallada und auf „Where to invade next“, die neueste Provokation von Michael Moore, die in der Panorama-Reihe gezeigt wird. Geschlafen wird erst, wenn sie mit ihrer „Beute“ zu Hause ist – und nach einem Gläschen Sekt.

Meryl Streep erleben

Barbara (44) aus Adlershof hat Übung mit der Berlinale-Schlange. Seit 13 Jahren schlägt sie sich die Nacht vor dem Start des Ticketverkaufs in der Warteschlange um die Ohren. Mit Schlafsack, Picknickdecke, Kissen, Proviant und fertigem Programm harrt sie weit vorn am Schalter aus.

Nur Feinabstimmungen mit Freunden und alten Bekannten, die man hier immer wieder trifft, gibt es noch. „So kann man sich gegenseitig aushelfen, wenn jemand mehr als zwei Tickets pro Film braucht“, erzählt sie. Damit genug Karten für Mädelsausflüge zusammenkommen, war die Zahntechnikermeisterin schon um 21 Uhr mit zwei Freundinnen vor Ort. Die Nacht sei schnell vergangen, meint sie. Einige Stunden haben sie auf dem iPad Superbowl geguckt, ein wenig geschlafen. In der Gruppe achte man aufeinander und könne auch mal auf Toilette gehen.

Acht Filme möchte Barbara sehen, darunter den Eröffnungsfilm, ein paar Premieren sowie einige Talks in der Berlinale-Talent-Reihe besuchen, besonders wenn dort Meryl Streep spricht. „Mich interessiert vor allem der Blick hinter die Kulissen, ich will wissen, wie Filme gemacht werden“, sagt sie.

Stars will sie trotzdem sehen, also beispielsweise Julianne Moore, Don Cheadle, Colin Firth, Jude Law und Michael Ballhaus. „Das Warten lohnt sich!“, sagt sie später am Telefon. „Ich habe alle Tickets bekommen!“