Bio-Boom

Berlin isst gesund - Hier boomen die Bioläden

Bio-Supermärkte wachsen in Berlin zweistellig – Obst und Gemüse aus der Region, aber auch Bio-Fleisch wird gerne gegessen.

Berlin.  Freilandeier vom Patenhuhn, Filet vom Havelländer Apfelschwein, Kohlrabi vom persönlichen Spreewald-Bauern: In wohl kaum einer anderen Stadt wird so viel Bio gegessen wie in Berlin – so geht das schon seit Jahrzehnten und der Trend hält an. Bioketten melden zweistellige Wachstumsraten.

Die Bio Company, mit knapp 50 Läden in der Region Marktführer, hat jetzt ein Umsatzplus von 17,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr bekannt gegeben. Das Unternehmen setzte 134 Millionen Euro um, 2014 waren es noch 114 Millionen Euro. Auch der Mitbewerber Alnatura, der in Berlin 13 Läden betreibt, wächst zweistellig – allerdings „nur“ mit einem Plus von zehn Prozent, wofür das Unternehmen seinen Partner DM mitverantwortlich macht. Die Drogeriekette räume Alnatura-Produkte aus den Regalen, weil sie eine eigene Bio-Produktlinie etablieren will, heißt es bei der Ladenkette. DM äußerte sich dazu auf Nachfrage nicht

Zehn Prozent Wachstum im Jahr

Denn’s, mit 200 Filialen deutschlandweit die größte Kette, nannte für 2014 einen Gruppen-Umsatz von 710 Millionen Euro (inklusive Großhandel). Dem Informationsportal Statista zufolge stiegen die Umsätze in den Supermärkten von 187 auf 233 Millionen Euro. Zahlen für 2015 gibt es noch nicht. „Durch die deutschlandweite Expansion werden wir unsere Prognose übertreffen“, sagt Unternehmenssprecherin Antje Müller.

Der Biobranche geht es gut: Dem Bundesverband Naturhandel zufolge hat der Naturkost-Facheinzelhandel 2015 ein Umsatzvolumen von 3,04 Milliarden Euro erwirtschaftet, ein Plus von 11,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr. In den vergangenen zehn Jahren habe das durchschnittliche Wachstum der Branche zehn Prozent betragen, so der Verband.

Auch Discounter setzen auf Bio

Die Fachzeitschrift „BioHandel“ beklagt jedoch die nachlassende Wachstumsdynamik. Nur noch 93 Öffnungen stünden 84 Schließungen gegenüber. Ohne die 30 neu eröffneten Filialen von Denn’s wäre die Bilanz negativ ausgefallen, schreibt „BioHandel“. Überhaupt gerate das Geschäft mit Bio-Lebensmitteln immer stärker in die Hände der Ketten, sei es nun DM, Edeka, Rewe oder Aldi und Co., die allesamt eigene oder fremde Biomarken in ihren Portfolios führen.

In Städten wie Berlin tobe ein Verdrängungswettbewerb, heißt es in der Zeitschrift. Vor allem die traditionellen Bioläden, die nicht mit der Zeit gegangen sind, haben es schwer. War in den 80er-Jahren die Tante-Emma-Atmosphäre mit Körnersäcken, Müslimischung, Räucherstäbchen und Jutebeutel noch Teil des alternativen Lebensstils, so wollen die Kunden heute in der lichtdurchfluteten Atmosphäre eines Supermarktes aus einer Vielzahl von Öko-Produkten selbst auswählen.

Läden müssen mit der Zeit gehen

Stefanie Neumann, Sprecherin von Alnatura, glaubt anders als „BioHandel“ nicht an einen Verdrängungswettbewerb. Die Nachfrage nach Bioprodukten wachse weiter zweistellig. Auf diesem Markt sei noch viel Platz. Allerdings müssten die Läden mit der Zeit gehen, sagt die Alnatura-Sprecherin, und sich den gewandelten Wünschen der Kundschaft anpassen.

Das ist den Urgesteinen der Berliner Bioläden nicht gelungen: 1971 wurde unter dem Namen „Peace Food“ der erste deutsche Bioladen in Berlin eröffnet. Mitte der 70er-Jahre wurde das Geschäft an der Pallasstraße in Schöneberg von einer Yoga-Schule übernommen, die eine spezielle vegetarische Ernährung predigte. Seit dem Sommer 2000 war der Laden unter dem Namen „Lebensbaum Naturwaren Laden“ an der Winterfeldtstraße zu finden. Im Zuge der Rinderseuche BSE, Anfang Januar 2001 traten wegen der BSE-Krise die damalige Bundesgesundheitsministerin Andrea Fischer und ihr Kollege aus dem Landwirtschaftsressort, Karl-Heinz Funke, zurück. Insgesamt gab es zu diesem Zeitpunkt zehn amtlich bestätigte BSE-Fälle in Deutschland. Damals verdoppelte sich die Kundschaft. Bis zu 15 Angestellte waren im „Lebensbaum“ beschäftigt, wie die Berliner Morgenpost berichtete. Doch im Jahr 2007 war Schluss. Ein paar Häuser weiter hatte ein Bio-Supermarkt aufgemacht. Auch die fast gleich alte Sesammühle an der Knesebeckstraße überlebte den Konkurrenzkampf nicht, wie sich Zeitzeugen erinnern.

Bio Company startet 1999 in Wilmersdorf

Zu dieser Zeit waren die ersten Bio-Supermärkte entstanden: Eine anthroposophisch orientierte Krankenschwester gründete die Bio Company im Jahr 1999 mit einem Laden an der Wilmersdorfer Straße. Sie habe keine Kette geplant, erinnert sich eine Unternehmenssprecherin. Die Frau holte den heutigen Geschäftsführer Georg Kaiser an Bord und wanderte wenig später nach Portugal aus. Kaiser übernahm die Firma und baute sie zu einem Filialbetrieb aus. Der Mitbewerber Alnatura eröffnete 2007 in Charlottenburg seine erste Berliner Filiale.

Berlin ist für die Bio-Supermärkte ein wichtiger Markt – für die Bio Company und LPG als regionale Anbieter allemal. Aber auch für die überregionalen Ketten. „Berlin hat Vorbildcharakter für den gesamten Unternehmensverbund. Trends und Entwicklungen zeigen sich in der Hauptstadt oft früher, sie ist dynamisch und offen für Neues“, sagt Antje Müller, Sprecherin von denn’s. Auch für Alnatura ist Berlin ein wichtiger Markt. „Hier verzeichnen wir die stärkste Nachfrage in Deutschland“, sagt eine Sprecherin. Drei weitere Filialen will ihr Unternehmen in Kürze öffnen. Filiale Nummer 100 gehe im März an der Friedrichstraße an den Start.

Neuer Trend: Convenience-Food

Geändert habe sich in der Branche im Laufe der Jahre wenig, heißt es bei Alnatura. Den Kunden gehe es um Natur-, Umwelt- und Menschenschutz. Allein die Formate hätten sich gewandelt: Vegan und Vegetarisch seien ein wachsender Trend. Das bestätigt auch denn’s. Dort erwartet man auch Steigerungen beim Convenience-Food, dem „bequemen Essen“ von vorgefertigten Lebensmitteln wie Dosensuppen, Pasta aus dem Kühlregal oder mundgerecht vorbereitetem Obst, Salat und Gemüse.

Vor einigen Jahren wäre das in der Biobranche noch genauso undenkbar gewesen – ebenso wie asphaltierte Kundenparkplätze vor der Ladentür. Der Trend nach Convenience Food „ist vor allem in Großstädten gefragt“, sagt Antje Müller. Auch auf Regionalität legen die Kunden wert. „Wir möchten zukünftig noch weitere regionale Produkte aus Berlin, aber auch aus Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern anbieten“, heißt es bei denn’s.

Unterstützung für andere Tierhaltung

Auch die Bio Company spielt die regionale Karte. Das Unternehmen setzt auf ein Netz von Partnern aus Berlin und Brandenburg, ist Mitglied der BioBoden-Genossenschaft, die Anbauflächen für Bio-Landbau sichern will, und hat die Fleischerei Biomanufaktur Havelland aus der Insolvenzmasse eines anderen Unternehmens übernommen. Ihr Umsatz ist im vergangenen Jahr um 36 Prozent auf 7,5 Millionen Euro gewachsen. Ferner kooperiert sie mit dem ältesten Demeter-Hof Deutschlands, dem 1928 gegründeten Gut Marienhöhe bei Bad Saarow.

Doch es gibt ein Problem in der erfolgsverwöhnten Branche: „Die Nachfrage nach Bio-Lebensmitteln in Berlin ist nach wie vor höher als das Angebot aus der Region Brandenburg“, sagt Georg Kaiser, Geschäftsführer der Bio Company. Er fordert von der Politik, junge Bio-Landwirte zu unterstützen und der Agrarindustrie Grenzen aufzuerlegen. „Eine Form der großindustriellen Produktion, die es mittlerweile auch im EU-Biobereich gibt, lehnen wir entschieden ab“, erklärt Kaiser, der sich damit bei großen Bioproduzenten keine Freunde macht.

Fachhandel fordert Agrarwende

Deshalb hat das Unternehmen auch in einem Spendenaufruf das brandenburgische Volksbegehren gegen Massentierhaltung unterstützt und das erfolgreich: Knapp 104.00 Bürger unterzeichneten die Forderungen des Aktionsbündnisses Agrarwende. Die Initiative fordert neben einem Fördergeldstopp für große Mastställe und ein Klagerecht gegen Massenhaltung.

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.