Biohof in Brandenburg

Wo kommen eigentlich unsere vielen Bio-Eier her?

Beim Osterfest spielen sie die Hauptrolle: die Eier. 231 Eier hat jeder Deutsche durchschnittlich im letzten Jahr gegessen – meist aus Freilandhaltung. Wir haben einen Biohof in Brandenburg besucht.

Foto: Amin Akhtar

Bernd Veddern klopft vorsichtig an eine weiße Tür und lauscht. Ein Rumoren ist dahinter zu hören, vielstimmig. Es klingt fast wie Gesang. „Wir gehen jetzt in den Wintergarten“, sagt er leise und schiebt behutsam die Tür auf. Sonnenlicht fällt in dicken Strahlen durch die staubige Luft. Es riecht nach Kräutern. Mindestens 50 Augenpaare schauen Veddern aufmerksam an. Gack? sagt das vorderste Huhn, macht einen Schritt vor und dreht sich dann eilig um. Ihre Mithennen folgen und weichen als gackernde Federwolke vor den Besuchern zurück.

Bernd Veddern, ein kräftiger Mann mit freundlichem Lächeln, sagt entschuldigend „och“ zu den Hühnern und zu uns: „Die sind Fremde nicht gewohnt“. Als er Haferkörner aus einem blauen Eimer ausstreut, beruhigt sich das Federvolk und beginnt, emsig zu picken.

Veddern ist Herr im Hühnerstall, gewissermaßen. Er kam vor zwei Jahren als Experte für ökologische Hühnerhaltung nach Petznick, als die Agrarökonomin Christina von Haaren die Bio-Landei GmbH in Petznick gründete. Der kleine Ort liegt in der Uckermark, wo die von Haarens seit den 90er Jahren ökologische Landwirtschaft betreiben.

Normalerweise bekommen die Hühner nur Menschen in blauen Overalls zu sehen, sagt Bernd Veddern. Das Blau sei eine vertrauensbildende Maßnahme, denn Blau ist aus Hühnersicht nicht sehr aufregend. Im Gegensatz zur Reizfarbe Rot. Hühner, so Veddern, brauchen ein bisschen, um Vertrauen zu entwickeln. „Und sie sind Gewohnheitstiere.“ Da sind sie nicht anders als Menschen.

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Der Eierkonsum nimmt zu

Menschen wiederum haben zum Frühstück gern ein Ei. Oder auch zwei. 231 Eier hat jeder Deutsche im Jahr 2014 verbraucht, so das statistische Bundesamt. Das waren 23 mehr als noch vor zehn Jahren. Und zu Ostern kaufen sie noch ein paar Eier mehr als sonst. Aber wo kommen die eigentlich alle her? Lange war das uns, den „Verbrauchern“, ziemlich egal, bis hässliche Bilder aus Legebatterien und immer mehr Eier-Skandale die Menschen aufschreckten. Seit 2010 sind die Legebatterien in Deutschland verboten. Doch woher die Eier jetzt herkommen, wissen die meisten nicht so genau.

Deswegen sind wir jetzt hier. In einem ökologischen Legehennenbetrieb, wie sie momentan an vielen Standorten in Deutschland entstehen. Der Grundsatz der modernen Hühnerhaltung lautet in etwa: Sei gut zum Huhn, dann ist es gut zu dir. Das klingt nach kitschigen Bauernhöfen wie aus der Werbung. Nur dass in Petznick nicht zehn Hühner herumpicken. Sondern 29.900 Hennen und 100 Hähne.

Ist das nicht irre laut? Diese Frage hatten wir uns auch gestellt, aber dann wären wir an der Hühnerfarm beinahe vorbeigefahren. Sie beginnt am Ortsrand als Hügel. Darauf: Hühner bis zum Horizont. Aber die sieht man nur, wenn man genau hinschaut. Sie verteilen sich auf zwölf Hektar Land. Selbst am Zaun ist es leise, die Hühner picken und gurren ein bisschen und gucken neugierig, wer da kommt. Irgendwo in der Ferne kräht ein Hahn. Der Wind rauscht im Wald nebenan.

Große Hühnerhöfe wie diese sind eine Antwort auf das Eierbedürfnis der Deutschen. Nur rund zwei Drittel der hierzulande verbrauchten Eier werden auch hier produziert, ein Drittel kommt aus dem Ausland, darunter auch „Käfig-Eier“, die aber zunehmend weniger gefragt sind. Aus deutschen Ladenregalen sind sie fast verschwunden, Bodenhaltung ist Mindest-Standard in vielen Supermärkten. Und immerhin neun Prozent der verkauften Eier kommen mittlerweile aus ökologischer Haltung. Verbraucher wollen heute nicht nur gut essen, sondern auch sicher sein, dass die Nahrungsmittel umwelt- und tierfreundlich produziert werden. Lässt sich das machen, in diesen Mengen?

Biohöfe werden streng kontrolliert

Christina von Haaren meint: Ja. Bernd Veddern und sie haben mittlerweile sogar einen zweiten Betrieb im Nachbardorf Mittenwalde eröffnet. Beide Höfe haben das Zertifikat des ökologischen Anbauverbandes Biopark, das streng regelt, wie die Öko-Hühner gehalten und gefüttert werden. Das Futter darf keine genmanipulierten Pflanzen enthalten und muss ohne Chemie angebaut sein. Mindestens 60 Prozent müssen aus eigenem Anbau stammen. Und so weiter. Abnehmer der Eier ist ein Großhändler für Bioprodukte, der wiederum Ansprüche stellt.

Die strengen Vorschriften der Hühnerbauern bedeuten für die Hühner: Freiheit. In Petznick hat jede Henne 4,2 Quadratmeter Freifläche, auf der emsiges Picken, Scharren und Flattern herrscht. Am Rand wird im Sand gebadet, der eigens dazu aufgeschüttet wurde. Das Sandbad ist wichtig für die Gefiederpflege.

Die „Herde“, wie Veddern sie nennt, lebt aufgeteilt in zehn Sektionen. Sie sind mit Zäunen umfriedet, damit nicht einzelne Hühner buchstäblich an den Rand gedrängt werden. Die sprichwörtliche Hackordnung auf dem Hühnerhof gibt es tatsächlich, wenn auch weniger brutal, als das Wort klingt. „Hühner sind soziale Tiere“, sagt Bernd Veddern, der als Landwirt im Emsland jahrelang Erfahrung mit großen Hühnerherden sammelte, bevor er als Experte in die Uckermark kam. Dass Hennen tatsächlich aufeinander einhacken und sich Federn ausreißen, sagt er, „kommt eigentlich nur vor, wenn sie sich langweilen“. Hühnerhaltung, lernen wir, ist auch Hühner-Unterhaltung.

Dies ist die Aufgabe der 100 Hähne. Sie sollen in der Herde für Ordnung sorgen, sagt Veddern, und die Hennen beschützen. Vor Greifvögeln etwa, von denen es in der waldreichen Uckermark viele gibt. „Wir bilden uns zumindest ein, dass es die Hennen zufriedener macht, wenn sie mit Hähnen zusammenleben“, fügt Christina von Haaren hinzu und schaut ein bisschen verschmitzt.

Auf Pflaumenbäumen sitzen

„Hühnerhotel“ haben sie den Petznicker Hühnerhof genannt, als sie vor zwei Jahren zur Eröffnung Medien und Nachbarn einluden. Das Programm klingt in der Tat wie ein Wellness-Hotel. Auf dem Freigelände spenden kleine Häuschen den gefiederten Gästen Schutz und Schatten. 300 Pflaumenbäumchen wachsen gerade heran, unter denen kommende Hühnergenerationen sitzen können. Der „Wintergarten“ ist eine offene Zone zwischen Stall und Feld, die vor Sonne, Regen und Wind schützt – oder lädt einfach zum Beisammensein ein. Hühner können, wenn man sie lässt, eine Art Freundschaften schließen. „Jede Herde ist anders“, sagt Veddern, der sich für seine Tiere begeistern kann.

Christina von Haaren ist an sich keine Frau, die Tiere romantisiert oder das Landleben überhaupt. Sie hat die Prokura im Hühnerhof, ist studierte Agrarökonomin. Und überzeugte Anhängerin des ökologischen Landbaus. Wenn man sie fragt, was die Idee hinter dem Hühnerhof war, sagt sie trocken: „Der Mist“. Auf 2100 Hektar betreiben die von Haarens Ackerbau, zu zwei Dritteln ökologisch. Doch Bio-Dung ist teuer, sagt sie. „Wir haben ihn jahrelang von weither auf unsere Felder bringen lassen. Nun produzieren wir ihn selber, sparen Transportkosten und schonen die Umwelt.“

Der Hühnerhof rechne sich einfach, sagt Christina von Haaren. Aber inzwischen ist es mehr als das. Als sie das erste „Hühnerhotel“ eröffnete, hat auch sie noch einmal allerlei über Hühner dazugelernt. Zum einen über die komplizierte Genehmigungspraxis, aber auch ganz konkretes Wissen der ökologischen Tierhaltung. Zum Beispiel, wie man mit technischen Mitteln Krankheiten bei Hühnern vermeidet. Durch ein gutes Belüftungssystem etwa, denn Hühner mögen es trocken und erkälten sich, wenn es zieht. „Außerdem stinkt der Dung im Trockenen nicht“, sagt sie. Auch die weiße Beschichtung der Stallwände ist ein Gesundheitsprojekt. Es sind Kieselalgen, in deren Mikrostruktur sich Milben verfangen, die in herkömmliche Ställen oft mit chemischen Mitteln bekämpft werden.

Hühner sind keine Individualisten

Leicht zu erkennen ist, was die Hühner im Ökostall lieben: die meterhohen Sitzstangen. „In der Natur übernachten sie in großen Gruppen in Bäumen. Gemeinsam können sie sich besser vor Feinden schützen“, sagt die Landwirtin. Wir lernen: Hühner sind keine Individualisten. Nur beim Eierlegen möchte die Henne für sich sein. Dafür gibt es separate Nester hinter roten Plastik-Vorhängen. „Rot wegen der Reizfarbe“, sagt Christina von Haaren. Während sie spricht, hebt sich ein Vorhang. Eine Henne tritt heraus, plustert sich auf und flattert laut gackernd davon. „Die hat gerade ein Ei gelegt“, kommentiert Veddern. Tagsüber kommen die Hühner nur zum Fressen und Legen nach drinnen, auch im Winter.

Wenn es dunkel wird, wandert die Herde von allein in den Stall. Auch dies gibt die Natur so vor, die Hühner bringen sich vor Raubtieren in Sicherheit. „Im Stall wird das Licht langsam heruntergedimmt, bis alle Hennen schlafen“, sagt Veddern. „Dann ist es ganz leise.“ Acht Stunden Schlaf brauche ein Huhn pro Nacht. Der Hühnerschlaf ist wichtig. Wird er gestört, kann man das tags drauf an der Eierschale erkennen. Die hat dann Runzeln, denn sie wird während des Schlafs gebildet.

Die Hühner von Petznick sind braun, normale Landhühner eben. Legen braune Hühner eigentlich zwingend braune Eier? Bernd Veddern lacht und hebt ein Huhn hoch, das sich gerade neugierig „herangepickt“ hat. Er deutet auf einen kleinen Flaum seitlich am Kopf. Die Petznicker Hühner haben braune Ohrläppchen, legen also auch braune Eier. Und können sie fliegen? „Theoretisch ja“, sagt Veddern und zieht vorsichtig den Flügel des Huhns auseinander. „Wir stutzen weder Flügel noch Schnäbel.“ Dass die Hennen dennoch auf dem Hof bleiben, liegt wie bei allen Haushühnern an der Züchtung. Sie sind zu schwer, um weit zu fliegen.

Nach 14 Montaen verlassen sie das Hühnerhotel

Die Hühner von Petznick legen während ihres Aufenthaltes, wenn alles gut geht, rund 300 Eier. Etwa 14 Monate dauert das, dann müssen sie das „Hühnerhotel“ wieder verlassen. Die Hühnerwirte sprechen auch darüber offen. Nicht nur Bioeier, sondern auch Bio-Hühnerfrikassee oder Bio-Babynahrung vom Huhn werden immer beliebter. Vor der „Abreise“ werden die Hennen im Schlaf behutsam eins nach dem anderen von den Stangen genommen und in Transportbehältern verstaut, sagt Veddern. Danach wird der Stall gereinigt und desinfiziert und die nächste Herde reist an. Dieser Teil der Geschichte mag den einen oder anderen Hühnerfreund traurig stimmen – aber er gehört eben dazu.

Für die Landwirtin sind die Hühner vor allem Teil eines Ganzen. Dass die Hennen mit ihrem Dung tatsächlich zum ökologischen Kreislauf auf ihren Feldern beitragen, mache sie zufrieden, sagt sie. Doch es geht noch um mehr. Sie weist auf die Landschaft rundherum. Auf den Bioäckern wird nicht der riesige Mais wachsen, den immer mehr Landwirte für die Biogasanlagen anbauen. Sondern dunkelrot blühende Luzerne, Hülsenfrüchte oder Hafer. Im Sommer, sagt Christina von Haaren, bringe ein Imker aus Ostfriesland eigens seine Bienen hierher, „weil er sagt, für seine Bienen sei unsere Landschaft eine Erholung.“

In den ökologisch bewirtschafteten Feldern sind Hecken und kleine Seen erhalten geblieben, die typisch sind für die Endmoränenlandschaft. Über den Feldern kreist die Feldlerche, aus den Ökohecken hoppelt rund ums Jahr der, nun ja, Feld- oder auch Osterhase. Insgesamt gebe es in der Region heute ein zusammenhängendes Gebiet von rund 12.000 Hektar biologischer Fläche, sagt die Landwirtin. „Viele Leute wissen das gar nicht– und auch nicht, wie gut biologische Landwirtschaft und Naturschutz zusammenwirken.“

Auch die Menschen, die morgens ein Petznicker Ei auf dem Frühstückstisch haben, erfahren davon nichts. Bisher werden die Eier nur über den Großhandel vermarktet und sind allenfalls über den Stempel erkennbar. Vielleicht, überlegt die Agrarökonomin, wäre ja ein Eierhäuschen mit Direktverkauf die nächste gute Idee.