Lageso Berlin

Helfer erfindet Geschichte vom toten Syrer

Ein Freiwilliger von „Moabit hilft“ postete bei Facebook die Nachricht vom angeblichen Tod eines Flüchtlings am Lageso. Sie war erfunden.

Auf der Turmstraße vor dem Lageso brennen Kerzen der Trauer. Sie wurden entzündet im Gedenken an einen jungen Syrer, der in der Nacht zu Mittwoch nach den Strapazen tagelangen Wartens vor dem Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) gestorben sein soll. Flüchtlingshelfer von „Moabit hilft“ hatten die Geschichte am Mittwochmorgen über Facebook veröffentlicht und „jetzt aber“ den Rücktritt von Sozialsenator Mario Czaja (CDU) verlangt.

Doch die Polizei kam am Mittwochabend zu einem ganz anderen Ergebnis: „Wir haben keinen toten Flüchtling“, sagte eine Sprecherin der Polizei nach einer Befragung des Mannes, der den angeblichen Todesfall im Internet publik gemacht hatte. Der Flüchtlingshelfer habe zwar „die ganze Republik verrückt gemacht“ – aber eine Straftat sei sein folgenreicher Internet-Eintrag nicht. Polizeisprecher Stefan Redlich bestätigte nach der Unterredung: „Er hat sich die Geschichte ausgedacht.“ Zu den Motiven machte Redlich keine Angaben. Der Mann sei in seiner Wohnung befragt worden. Er habe am Mittwochmorgen, als er die Tragweite seines Posts erkannt habe, alle Geräte abgeschaltet und sei auf Tauchstation gegangen. Redlich sagte, „der Fall zeige, dass man Inhalte aus dem Internet nicht ungeprüft veröffentlichen darf“.

Den ganzen Tag über hatten sich Feuerwehr, Polizei und Sozialverwaltung bemüht, die Schilderung des PR-Beraters Dirk Voltz nachzuvollziehen. Er hatte in einem Facebook-Chat mit einer Mitstreiterin geschrieben, er habe einen 24-jährigen Kranken bei sich aufgenommen, der tagelang vor dem Lageso angestanden habe, mittellos und ohne Essen war. Das tut der Aktivist öfters, auch Zeitungen hatten schon über sein Engagement berichtet. In der Nacht habe sich der Gesundheitszustand des Syrers verschlechtert. Er habe einen Notarztwagen gerufen. Im Auto habe der Mann einen Herzstillstand erlitten und sei in der Klinik verstorben. In welchem Krankenhaus das gewesen sein soll, schrieb er nicht.

Seine Partnerin im Chat, die Opernregisseurin Reyna Bruns, verbreitete die Information noch in der Nacht über Facebook. Später, als sich die Hinweise auch nach Anrufen der Sozialverwaltung bei allen 39 möglichen Berliner Krankenhäusern nicht bestätigten, verwies sie auf den ursprünglichen Informanten. Der Mann jedoch verbarrikadierte sich nach Angaben von „Moabit hilft“ in seiner Wohnung, stellte sein Mobiltelefon ab und reagierte auch auf das Klingeln der Polizei zunächst nicht, bevor er sich am Abend zu einem Gespräch bereit fand.

Feuerwehrsprecher Sven Gerling sagte der Berliner Morgenpost: „Wir haben für die letzten 24 Stunden keinen Einsatz am Wohnort des Flüchtlingshelfers, der ins Suchraster passt.“ Die Feuerwehr habe zwei Mitarbeiter abgestellt, die den ganzen Tag in diesem Fall recherchiert hätten.

„Man kann sich das vorstellen, das ist das Schlimme“

Die Sprecherinnen von „Moabit hilft“ räumten am Nachmittag ein, eigentlich auch keine Erkenntnisse über den Hergang zu haben. Voltz sei aber glaubwürdig. Nach Ansicht von Juristen müsste der Helfer womöglich sogar mit einer Anzeige wegen unterlassener Hilfeleistung rechnen, weil er den Syrer nicht rechtzeitig zum Arzt geschickt habe.

Die Grünen-Abgeordnete Canan Bayram, die als Rechtsanwältin im Kontakt zu den Flüchtlingshelfern steht, konnte sich am Mittwoch auch keinen Reim auf die Geschichte machen. Das Schlimme sei aber, „dass sich alle vorstellen können, dass so etwas am Lageso geschieht“, sagte Bayram. Der Linken-Abgeordnete Hakan Tas sprach von einer „humanitären Katastrophe“, die sich weiterhin dort abspiele. Immer noch stünden nachts Hunderte Flüchtlinge Schlange vor dem Lageso in der Hoffnung, mit einem Termin auch an die Reihe zu kommen. Sozialsenator Czaja hatte eingeräumt, dass wegen eines hohen Krankenstandes in der Leistungsabteilung des Lageso derzeit viele Flüchtlinge kein Geld ausgezahlt bekämen und auch Selbstversorger in Gemeinschaftsunterkünften sich keine Lebensmittel kaufen könnten.

Eine von Czaja favorisierte Lösung für dieses Problem ist aber geplatzt. Die Heimbetreiber weigern sich, den Flüchtlingen ihr Geld auszuzahlen. Das hätten die Träger in einem Krisengespräch mit dem neuen Lageso-Chef Sebastian Muschter klargemacht, sagte Kostka. Wenn die Heimbetreiber Geld zahlen, führe das zu Verteilungskonflikten in den Unterkünften, außerdem sprächen Sicherheitsbedenken dagegen: „In Turnhallen kann man kein Geld auszahlen.“

Dennoch soll es ein paar kleinere Lösungen geben, um die Notlage zu lindern. Heimbetreiber können über eine Hotline bedürftige Bewohner als Härtefälle melden, die dann schneller Geld bekämen. Das könne aber immer noch ein bis zwei Wochen dauern. Zudem werde Personal von der Erstregistrierung in die Leistungsabteilung versetzt.