Lieblingsbauten

Scharouns Philharmonie: Raum als unvergessenes Aha-Erlebnis

Mit dem jungen Architekten Erhard An-He Kinzelbach, Jahrgang 1974, durch Hans Scharouns Philharmonie, Baujahr 1963.

Das Aha-Erlebnis des Raumes. Erhard An-He Kinzelbach kann sich gut daran erinnern. 15 Jahre sind vergangen, seit er das erste Mal den Konzertsaal der Philharmonie sah. Wer und was an diesem Abend auf dem Programm stand, weiß Kinzelbach nicht mehr. Doch an eins kann er sich noch ganz genau erinnern. Die Wirkung des Raumes hat sich in sein Gedächtnis eingebrannt: „Ich ging durch einen der oberen Zugänge wie durch ein kleines Loch. Plötzlich eröffnete sich vor mir dieser einzigartige große Saal. Das war unglaublich, ein echtes Raum-Aha-Erlebnis“, sagt Kinzelbach.

Der Wahl-Berliner aus Germersheim mit taiwanesischen Wurzeln lächelt. Und er betont: „Die Wirkung dieses Raumes mit der Bühne im Mittelpunkt hat mich wirklich nachhaltig beeindruckt.“

Erster Besuch im Konzertsaal als Student

Bei seinem ersten Philharmoniebesuch war Kinzelbach noch angehender Architekt, genauer Student an der TU in Darmstadt. Heute ist der mittlerweile 41-Jährige nach Studium in Darmstadt, Zürich und New York, ersten Berufserfahrungen in renommierten Büros wie das des Niederländers Rem Koolhaas oder der Südafrikanerin Lindy Roy jeweils in New York mit eigenem Büro in Berlin als selbstständiger Planer und auch als Dozent erfolgreich. Im Spätsommer 2015 erst erhielt Kinzelbach den Ruf zu einer Professur an der Universität in Bochum.

Eines seiner ersten Projekte, ein Multimedia-Pavillon für den „Jinhua Architecture Park“ in China nach dem Konzept von Ai Weiwei sorgte in der Fachwelt bereits für Aufsehen. Mit dem chinesischen Künstler Ai Weiwei, der seit September mit Lebensgefährtin und Sohn in Berlin lebt, verbindet Kinzelbach auch eine Freundschaft. Die beiden kennen sich über Kinzelbachs Eltern. Der Sohn einer Taiwanesin und eines Deutschen ist zweisprachig aufgewachsen, war nicht nur als Kind, sondern auch als Erwachsener in China. Auch Kinzelbachs Kinder lernen Chinesisch, sie besuchen gemeinsam mit Ai Weiweis Sohn den Sprachunterricht.

Mehr als 50 Jahre nach der Eröffnung noch immer modern

Dass Kinzelbach für unsere Serie die Philharmonie gewählt hat, begründet er vor allem „mit ihrer Zeitlosigkeit. Scharouns Bau ist auch mehr als 50 Jahre nach seiner Eröffnung und fast 60 Jahre nach den ersten Planungen zeitgenössisch und ausgesprochen innovativ. Ganz abgesehen von der besonderen städtebaulichen Geschichte der Philharmonie. Sie wäre ein eigenes Thema. Aber allein der Bau selbst ist eine ganz besondere Architektur“, sagt Kinzelbach - und er lächelt wieder.

Mit der „besonderen städtebaulichen Geschichte“ spielt der Planer darauf an, dass der Wettbewerb in den 50er-Jahren für den neuen Konzertsaal der Berliner Philharmoniker ursprünglich einen Standort auf dem Gelände hinter dem ehemaligen Joachimsthaler Gymnasium an der Bundesalle vorgesehen hatte: Das Areal nahe dem heutigen Domizil der Universität der Künste mit ihrem Fachbereich Oper - und Konzertdirigenten.

Scharoun favorisierte aber den Tiergarten, wo die Philharmonie Teil eines Kulturforums werden sollte, für das Scharoun gemeinsam mit seinem späteren Partner Edgar Wisniewski auch die Staatsbibliothek vorgesehen hatte.

Für unseren kleinen Rundgang durch das international wohl bekannteste Bauwerk von Hans Scharoun, starten wir in dem unterdessen mehrfach kopierten Konzertsaal. „Wir machen das von innen nach außen, so, wie Scharoun dieses und seine anderen Gebäude auch von der jeweiligen Funktion ausgehend organisch entwickelt hat“, sagt Kinzelbach.

In Begleitung eines Angestellten des Sicherheitsdienstes, ohne den für uns kein Einlass erlaubt ist, betreten wir den fast dunklen Saal. Als erstes brauchen wir Licht. Ein Techniker schaltet die Anlage auf hundert Prozent, unser Fotograf freut sich. Im Hintergrund hören wir Töne, ein Flügel wird gestimmt. „Bis man so 88 Saiten durch hat, das kann dauern“, sagt Kinzelbach.

Für die Musikerkarriere hätte es nicht ganz gereicht

Er hat selbst lange damit geliebäugelt, Klavier zu studieren. „Ich habe schon mit sechs Jahren angefangen zu spielen und wollte kurzzeitig auch Künstler werden.“ Er habe aber noch früh genug gemerkt, dass es für eine Musikerkarriere nicht gereicht hätte, sagt er später beiläufig, als er ebenso bescheiden erzählt, dass er es beim Wettbewerb Jugend musiziert sogar bis zu einem Bundessieg geschafft hatte. Kinzelbach entschied sich für die Baukunst.

Wir gehen weiter zu Block E. „Was man hier sehr schön sieht, sind die Gruppierungen der ansteigenden Terrassen um die Bühne herum“, sagt der Wahlberliner und lenkt unseren Blick auf die einzelnen Blöcke. Scharoun habe oft vom Weinberg und dem Tal gesprochen.

Das Erlebnis der Musik als Einheit

Diese Metaphern sind Kinzelbach nicht so wichtig. „Aber die Anordnung, wie die einzelnen Zuschauergruppen hier im Raum verteilt sind, und auch die Maßstäblichkeit, das alles finde ich besonders und sehr gelungen“, schwärmt Kinzelbach. Und er ergänzt: „Publikum und Orchester bilden in diesem Raum eine Einheit, so wie auch das Erlebnis der Musik als Einheit betrachtet und erfahrbar wird.“ Es sei eine deutliche Veränderung der bis dato üblichen Hierarchie. „Hier gibt es kein ,ihr da vorne, und wir dahinten’ mehr, sondern ein fließendes Kontinuum.“

Dass die Musik nicht nur im übertragenen Sinne, sondern auch räumlich erlebbar im Mittelpunkt steht, war allerdings vor Baubeginn der Phiharmonie umstritten. So, wie auch der Standort nur auf Drängen Scharouns mit der Unterstützung des damaligen Dirigenten der Philharmoniker, Herbert von Karajan, durchgesetzt wurde. Heute scheint das alles kaum vorstellbar.

„Ich kenne keinen bestehenden Konzertsaal, in dem das Sitzproblem so ideal gelöst ist, wie in diesem Entwurf“, lobte Karajan Scharouns Idee, die Zuschauer auf verschiedenen Blöcken um die mittige Bühne nach oben ansteigend fast kreisförmig zu gruppieren. Kein Zuschauer ist weiter als 30 Meter von der Bühne entfernt.

So wie Volkwin Margs Ehrfurcht vor Scharouns Architektur beim Gang durch die Staatsbibliothek spürbar wurde, so merkt man auch Kinzelbach an, dass er die Philharmonie „einzigartig“ findet. Auch wenn der junge Architekt emotional etwas zurückhaltender scheint. „Die Philharmonie ist nicht nur von außen ein wunderschönes Gebäude, sie ist vor allem im Inneren einer der tollsten Räume Berlins“, sagt der Planer.

Scharouns Haltung und Beharrlichkeit ist ein Vorbild

Scharoun habe mit diesem Bau auch eine neue Typologie des Konzerthauses geschaffen, so Kinzelbach. Was ihn an Scharoun besonders fasziniere sei neben seiner Architektur auch „dessen Beharrlichkeit und Durchsetzungskraft, wenn es um die Realisierung seiner Vorstellungen ging - auch gegen alle Widerstände“. Er habe eine Haltung gehabt, für seine Entwürfe gekämpft und sie umgesetzt. Auch darin sei der Architekt Hans Scharoun für ihn „ein ganz großes Vorbild“, sagt Kinzelbach.

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