Kunstkriminalität

Fast jedes dritte Kunstwerk auf dem Markt ist gefälscht

René Allonge leitet beim Landeskriminallamt das Dezernat Kunstdelikte. Er sucht nach gefälschten oder entwendeten Kunstwerken.

René Allonge ist Leiter des Bereiches "Kunstdelikte" beim LKA Berlin

René Allonge ist Leiter des Bereiches "Kunstdelikte" beim LKA Berlin

Foto: Steffen Pletl

René Allonge hat schon öfters gehört, dass Kunstkriminelle wie moderne Robin Hoods sein sollen. Dass sie Gentlemen und Kunstliebhaber wie die Romanfigur Arsène Lupin sind, so geschickt, dass ihre Verbrechen zu Kunst werden. René Allonge hält nicht viel von diesen Vergleichen. Nach Jahren als Leiter des Dezernats Kunstdelikte beim Landeskriminalamt (LKA) Berlin ist es für ihn eine romantische Falschdarstellung. „Was Kunstkriminelle treibt, ist Gier. Pure Geldgier“, so Allonge.

Das beweist der jüngste Kunstraub: Diebe waren am Wochenende in das Atelier des berühmten Malers Markus Lüpertz in Teltow im Landkreis Potsdam-Mittelmark eingebrochen und haben 30 wertvolle Gemälde gestohlen. Die Polizei schätzt den Wert auf einen hohen sechsstelligen Betrag.

Auf dem Kunstmarkt fließt einiges an Geld. Das teuerste Gemälde aktuell ist Paul Gauguins „Nafea faa ipoipo (Wann wirst Du heiraten?)”, das Anfang des Jahres für 300 Millionen Dollar an einen anonymen Käufer aus Katar ging. Der Kunstmarkt boomt – und mit ihm das kriminelle Geschäft mit Antiken, Gemälden und Plastiken.

30 Prozent aller Kunstwerke auf dem Markt sind gefälscht

Nach Schätzungen von Interpol gehört der Diebstahl von Kunst neben Drogen-, Waffen- und Menschenhandel zu den lukrativsten Verbrechen. Experten sprechen von einem jährlichen Schadensumfang von fast zwei Milliarden Euro weltweit. In Deutschland liegt die Zahl der geraubten „Antiquitäten, Kunst- und sakralen Gegenstände“ jährlich zwischen 1000 und 1500. In Berlin wurden 2014 insgesamt 106 Werke als gestohlen gemeldet. Zwei Drittel dieser Fälle sind bisher nicht aufgeklärt. Dazu kommen Fälschungen, die oft unentdeckt bleiben. Manche Experten schätzen, dass rund 30 Prozent aller Kunstwerke auf dem Markt gefälscht sind. Eine eigene Statistik für Kunstfälschung führt die Polizei allerdings nicht.

René Allonge arbeitet seit 1997 beim LKA. 2008 übernahm er die Leitung des Dezernats Kunstdelikte mit ihren neun Mitarbeitern. „Kunstkriminalität ist in der Regel eine saubere Kriminalität“, sagt Allonge. Fast ausschließlich habe man es mit gut situierten Menschen zu tun. Bei Verdacht auf eine Fälschung sei die Kontaktaufnahme zur Polizei eher ein letzter Schritt. Kunsteigentümer meiden die Behörde, weil sie meist renommierte Menschen sind, die weder „ihrer Reputation noch der ihrer Sammlung schaden wollen“, oder Auktionshäuser und Galeristen, die es sich mit ihren Kunden nicht verderben möchte.

Der Fall Beltracchi machte das Ermittlerteam bekannt

Bis vor einigen Jahren sei der Kunstmarkt ein in sich geschlossenes System gewesen, in das der normale Bürger keinen Einblick hatte. Das Internet hat es etwas aufgeweicht – und außerdem bekommt das Berliner Ermittlerteam seit 2010, als sie Wolfgang Beltracchi überführten und dadurch deutschlandweit berühmt wurden, regelmäßig Tipps. Der Fall Wolfgang Beltracchi ist der spektakulärste Kunstfälscherfall der deutschen Nachkriegszeit. Der Betrüger soll einen geschätzten Schaden von 34 Millionen Euro verursacht haben, bevor er und seine Frau Helene in Baden-Württemberg verhaftet wurden.

„Ein besonders guter Fälscher war Beltracchi meiner Meinung nach nicht“, sagt Allonge, und schaut dabei auf eines der vielen Gemälde an den Wänden seines Büros. Es ist ein echter Beltracchi, der einen Wolfgang Campendonk darstellen sollte. „Wie die meisten Fälscher wurde er enttarnt, weil er zu gierig war und nachlässig wurde.“

Trotz der Fortschritte bei forensischen Untersuchungen glaubt Allonge, dass Kunstfälschung nicht nachlassen wird. Denn nur selten werden Untersuchungen durchgeführt, weil die Mittel oder die Zeit fehlen. „Der Markt ist auf Gewinnmaximierung ausgelegt und Auktionshäuser haben Angst, Verkäufer oder Käufer zu verlieren, wenn sie durch eine Untersuchung zu viel Zeit verlieren.“

Steigende Nachfrage von Kunst als Kapitalanlage

Außerdem haben Spekulationen auf dem Kunstmarkt zugenommen. Kunstwerke dienen als Kapitalanlage und Käufer sammeln nicht nur aus Leidenschaft, sondern um Gewinn zu machen. Fälscher verfolgen diese Nachfrage – und bedienen sie. „Ich erwarte viele gefälschte Gerhard Richters. Das hat jetzt schon angefangen“, sagt Allonge.

Die Berliner Abteilung arbeitet regelmäßig mit denen anderer Städte sowie dem Bundeskriminalamt (BKA) zusammen. Das BKA ist wiederum die Schnittstelle zu internationalen Organisationen wie Interpol und Europol. Weil Kunstkriminalität ein grenzüberschreitendes Geschäft ist, sei Kooperation notwendig. So war es nur mit Hilfe eines niederländischen Detektivs möglich, dass das LKA-Berlin vergangenen Mai die seit Jahrzehnten gesuchten Bronzeskulpturen „Schreitende Pferde“ von Josef Thorak (ein Lieblingsbildhauer von Hitler) unter anderen Werken NS-Künstler bei bundesweiten Razzien beschlagnahmen konnte.

Natürlich sind spektakuläre Fälle wie Beltracchi oder Thorak die Ausnahme. Gängiger sind Villeneinbrüche bei denen Kunstobjekte gestohlen werden. Vor einigen Jahren gab es eine Krankenschwester, die bei wohlsituierten Berlinern arbeitete, um sie zu bestehlen. Einer älteren Dame raubte sie ein Gemälde von Alexej von Jawlensky und tauschte es gegen eine Farbkopie aus. Die Krankenschwester wurde verhaftet, die Dame bekam ihr Gemälde zurück. „Das war schön, dass wir der Dame helfen konnten“, sagt Allonge. Bei Kunstkriminalität werden die Opfer oft vergessen. Täter stützen sich laut Allonge gern auf die Neutralitätstheorie. Diese lkennt keine Opfer, es gibt nur die Allerreichsten oder Versicherungen.

Diebesgut landet bei kleinen Händlern oder Pfandleihhäusern

Es gibt auch noch eine zweite Art Opfer in der Kunstkriminalität: die Werke selber. Zum Beispiel tauchte 2013 ein Mann im Naturkundemuseum auf, der sich Zutritt zu ausgestopften Tieren verschaffte, indem er sich als Wissenschaftler ausgab. Nach dem abendlichen Kontrollgang stellte sich heraus, dass der Mann die Federn exotischer Vögel gestohlen hatte. Der Schaden belief sich auf 600.000 Euro in Berlin. Der Mann wiederholte die Masche in Basel, Wien, Stuttgart und Frankfurt. Insgesamt stahl er Federn im Wert von vier Millionen Euro bevor der 40-Jährige in der Schweiz gefasst wurde.

„Noch trauriger finde ich es, wenn Skulpturen von öffentlichen Räumen geklaut werden, nur um zersägt und als Buntmetall verkauft zu werden“, so Allonge. Da die Gussformen oft fehlen, können die Plastiken nicht nachgegossen werden. Gegen den Diebstahl könne die Polizei wenig tun, weil öffentliche Räume wie Parks oder Friedhöfe weder rund um die Uhr bewacht noch unzugänglich gemacht werden können.

Diebesgut im von Experten organisierten Handel unterzubringen sei nahezu unmöglich, sagt Allonge. Aber es gebe für gestohlene Kunstwerke eine Art Zwischenmarkt, kleinere Händler oder auch Pfandleihhäuser, die weniger beobachtet würden oder weniger gut informiert seien. Es gehöre auch zu der Arbeit der Abteilung, einen guten Draht zu diesen Händlern in Berlin zu pflegen. Je nachdem, was gestohlen wurde, suchen die Kriminalisten in den passenden Absatzmärkten und sprechen dort Händler an. Der verrückte Milliardär, der sich für sein Hause Gemälde aus aller Welt zusammenstehlen lässt, sei laut Allonge Legende. Oder zumindest fast.

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