Kinderhilfswerk

Flüchtlingskinder werden zu Melkkühen der Mobilfunkanbieter

Unbegleitete Flüchtlingskinder sind abhängig vom Internet, mahnt das Kinderhilfswerk und bringt die Flüchtlingsflatrate ins Gespräch.

Einer der beiden Smartphone-Screens eines 17-jährigen Jungen aus Pakistan. Auffällig sind die vielen Anwendungen, die ihm die Integration erleichtern sollen

Einer der beiden Smartphone-Screens eines 17-jährigen Jungen aus Pakistan. Auffällig sind die vielen Anwendungen, die ihm die Integration erleichtern sollen

Foto: bm / BM

Jugendliche und ihr Smartphone: Für deutsche Eltern ist das Thema ein stetes Ärgernis. Für die rund 50.000 unbegleiteten Flüchtlingskinder in Deutschland – davon geschätzt 3000 in Berlin - ist das Telefon mit Internetzugang dagegen ein unschätzbar wichtiges Werkzeug, um sich im Alltag fern der Familie zurechtzufinden.

Eine Studie des Kinderhilfswerks, die am Mittwoch in Berlin vorgestellt wurde, ist daher mit den Worten eines Flüchtlingsjungen über seine Abhängigkeit vom Web betitelt: „Internet ist gleich mit Essen“.

Erhebliche Mängel bei der digitalen Grundausstattung

Nach Darstellung von Thomas Krüger, Präsident des Kinderhilfswerks, ist man in Deutschland nicht dafür gerüstet, die jungen Flüchtlinge mit dem Hilfsmittel auszustatten, das sie dabei unterstützt, hier Fuß zu fassen. Er wies auf erhebliche Mängel bei der digitalen Grundausstattung und der Medienbildung für die Minderjährigen hin.

Für den 60-seitigen Bericht haben Nadia Kutscher und Projektmitarbeiterin Lisa-Marie Kreß in drei Bundesländern Gespräche mit 20 unbegleiteten Flüchtlingen zwischen 15 und 19 Jahren geführt und ausgewertet. Kutscher ist Professorin für Soziale Arbeit und Ethik an der Universität Vechta.

Sie zitiert einen 17 Jahre alten Jungen, den die Studie mit der anonymen Abkürzung Mm nennt. Er floh vor der Terrormiliz „Islamischer Staat“ aus dem Irak in die Bundesrepublik. Unterwegs blieb er mit dem Handy in Kontakt mit seinem Fluchthelfer.

Kompass in verzweifelten Lagen

Allein unterwegs in unbekannten Ländern, diente es dem Jungen zudem als Kompass in verzweifelten Lagen, etwa im Gebirge und auf Waldstrecken. Kutscher und Kress erzählte er: Das Handy war „sehr wichtig, um wieder den Weg zu finden, um anzukommen und nicht verloren zu gehen“.

Ein anderer 17-jähriger Junge, dessen Familie in Usbekistan politisch verfolgt und später ermordet wurde, berichtete von der lebensgefährlichen Fahrt über das Mittelmeer. Als einer von 38 Flüchtlingen rief er in Seenot mit dem Handy Rettung. In gebrochenem Deutsch gab er zu Protokoll: „Und dann hat Handy. Und dann ich ruf Police Türkei.“

Kontakt mit Ämtern, Betreuern und der Familie daheim

War der Zugang zu Telefon, Internet und sozialen Netzwerken auf der Flucht unverzichtbar, um voranzukommen, mitunter auch, um zu überleben, ist das Web laut Studie für die Jugendlichen jetzt unverzichtbar, um sich im deutschen Umfeld zurecht zu finden. Unbegleitete Flüchtlingskinder werden in Deutschland in den bestehenden Jugendhilfeeinrichtungen untergebracht. Das können Kinderheime oder Wohngruppen sein.

Dort benötigen sie den Netzzugang für den „spezifischen Bedarf jünger Flüchtlinge“, so Projektleiterin Nadia Kutscher. Das umfasst etwa Absprachen mit dem Betreuer via Nachrichtendienst WhatsApp, Orientierung mit einer Nahverkehrs-Apps, Lernprogramme für Deutschanfänger und den Zugang zu einem sozialen Netzwerk, um mit Freunden in Deutschland und im Ausland sowie mit der Familie in Kontakt zu bleiben. Seiner Einsamkeit machte etwa ein 17-jähriger mit einer Nachricht auf Facebook Luft: „Die Wärme von der Mutter und die Unterhaltung mit deiner Mutter... ja, das vermisst man.“

Jugendliche geben gesamtes Geld für Pre-Paid-Karten aus

All das bestreiten die Jugendlichen mit teuren Pre-Paid-Karten, für die sie ihr gesamtes Geld ausgeben, so die Studie. Wegen der ungewissen Aufenthaltsdauer erhielten sie nicht die günstigeren Flatrates der Mobilfunkanbieter. So würden, sagt Kinderhilfswerk-Präsident Krüger, die Flüchtlingskinder zu Melkkühen der Pre-Paid-Unternehmen. Als Ergebnis der Studie lautet eine seiner drei Hauptforderungen daher: Kostenlose Internetnutzung für die Jugendlichen sowie moderne Computer. Denkbar sei auch eine Flüchtlingsflatrate.

Daneben sei Jugendlichen nicht die Gefahr der Internet-Nutzung bewusst, etwa von Facebook. Krüger mahnt eine angemessene Aufklärung darüber an, dass sich „soziale Netzwerke als asozial erweisen“ und „Menschen als Datenmaschinen“ betrachteten. Bedauerlich sei, dass diese Qualifikation Sozialarbeitern derzeit nicht abverlangt werde.

Von der Vokabel-App bis zum Einbürgerungstest

Weil die Befragung der Jugendlichen ergab, dass ihnen bestehende Internetangebote zu Asylverfahren und Integration oft nicht bekannt sind, fordert Krüger, dass in den Jugendeinrichtungen Verzeichnisse der Webseiten bekannt gemacht werden, etwa für Deutsch-Apps oder mit Übersichten, welche Berliner Kleiderkammer geöffnet hat. Um sie zu finden, könne auch eine Suchmaschine wie Google bessere Voraussetzungen schaffen.

Wie groß das Angebot ist, zeigte bei der Befragung ein findiger 17-jähriger Pakistani. Neben einer Gebets-App hatte er auf zwei Handy-Screens zwölf Anwendungen abgelegt, die ihm in Deutschland weiterhelfen sollen. Von der Vokabel-App bis Einbürgerungstest.

Ebenfalls am Mittwoch drängte die Bildungsgewerkschaft GEW auf einen angemessenen Umgang mit Kindern, die eine Flucht aus ihrer Heimat hinter sich haben. Der Berliner Vorsitzende Tom Erdmann verlangte einen sofortigen Abschiebestopp für geflüchtete Familien mit Kindern. „Nichts behindert Lernen so sehr wie Angst“, sagte er.