Flüchtlinge in Berlin

Und sie frieren weiter! - Über Absurditäten nachts am Lageso

Der Live-Report eines Morgenpost-Teams bewegt viele Menschen. Doch die Probleme sind altbekannte. Eine Betrachtung.

Geschrieben wurde schon viel. Über das Lageso. Reportagen. Kommentare. Analysen. Auch von Redakteuren der Berliner Morgenpost. Es gibt Fernsehbeiträge. Videos in den sozialen Netzwerken zeigen nächtliche Wettrennen um einen Platz in der Warteschlange. Es gibt erschütternde Fotos. Täglich Rangeleien. Helfer und Flüchtlinge sind an ihren psychischen Grenzen. Mitten in Berlin. Und nichts passiert. Das Lageso ist bundesweit in den Schlagzeilen.

Weiter schlafen Menschen auf kaltem Asphalt, obwohl ein paar Meter weiter beheizte Zelte leer stehen. Weiter schaffen freiwillige Helfer in Töpfen Suppen ran, weil es sonst keine Versorgung gäbe. Kinder laufen bei vier Grad in Strumpfhosen herum. Die Kälte kriecht in den Körper und macht aggressiv. Der Winter steht erst bevor.

Unvorstellbare Zustände am Berliner Lageso

Wahrscheinlich wird auch dieser Live-Report vom Lageso nichts ändern. Aber wir wollten die Zustände erlebbar machen ohne Sensationsjournalismus zu betreiben. Wir haben ab Nachmittag getickert. Nüchtern. Beschrieben. Fotografiert. Gefilmt. Es ist unvorstellbar, was sich vor diesem Amt mitten in der deutschen Hauptstadt abspielt.

Jetzt in diesem, jedem Moment erneut.

Wir haben uns keinen besonderen Tag ausgesucht, nicht mehrere Tage nach der möglich besten Story auf die Lauer gelegt. Es war ein x-beliebiger Tag. Und wir haben alles erlebt, was man in den letzten Wochen zu hören, lesen und sehen bekam. Es gab Rangeleien. Die Polizei musste schlichten. Erwachsene Männer stritten sich vor Hunger um Bananen. Freiwillige kamen in Scharen. Ohne ihre Lebensmittel wären die Menschen nicht versorgt. Wartende lagen ein paar Meter entfernt von leeren (!) beheizten Zelten auf dem Asphalt. Rannten los, als die Gitter geöffnet werden. Männer, die sich mit Gesängen Mut machten. Sicherheitsleute mit - verständlicherweise - blank liegenden Nerven.

Die Resonanz auf unseren Live-Report ist sehr gut – auch wenn wir die Kälte, die unter den Hosenbeinen hochkriecht nur beschreiben konnten. Diese Zustände gehören sich nicht, sind menschenunwürdig. Und doch sind die Flüchtlinge so dankbar, das Ziel vor Augen. Beschämend ist es als Reporter, wenn man den Heimweg antritt. Raus aus der Kälte. Mit den öffentlichen oder dem Auto mit Sitzheizung nach Hause in die Wärme in sein eigenes Bett. Ein eigenes Bett. Wie gut es uns doch geht.

Das alles sollte dieser Live-Report vermitteln. Danke an das Team von gestern Nacht, dass die #NachtamLageso so authentisch beschrieben hat.

Jan Hollitzer, Online-Chef und Mitglied der Chefredaktion

>>> Hier geht es zur Lageso-Reportage aus der Nacht <<<