Chaos am Lageso

Das hässliche Gesicht der Berliner Flüchtlingskrise

Nacht für Nacht stürmen Menschen die Absperrung vor dem Landesamt. „Es muss etwas passieren“, sagt der Senat. Aber was?

Mitarbeiter eines Sicherheitsdienstes versuchen am Einlass zum Lageso für Ordnung zu sorgen. Die ersten Flüchtlinge kommen schon in der Nacht

Mitarbeiter eines Sicherheitsdienstes versuchen am Einlass zum Lageso für Ordnung zu sorgen. Die ersten Flüchtlinge kommen schon in der Nacht

Foto: Michael Kappeler / dpa

Berlin.  Die übliche Geschäftigkeit, Menschen wuseln umher, betreten das Gelände, verlassen es, stehen für Essen an oder einen Termin. Es ist wieder einigermaßen ruhig geworden am Lageso an diesem Montagmittag. Keine Spuren mehr vom Trubel der Nacht.

Aber wie sollte es auch anders sein? Hört man denen zu, die hier Tag für Tag um einen Termin, die Auszahlung ihres Taschengeldes oder eine andere Leistung kämpfen, ist es ja längst Alltag, worüber sich alle aufregen. „Ich komme jede Nacht um 23 Uhr her“, sagt Ahmed, ein 23-jähriger Flüchtling aus Syrien mit schmalen Schultern, die von einer dicken Daunenjacke umhüllt sind. „Das ist meine Strategie. So bin ich ganz vorne in der Schlange, bevor sie aufmachen.“ Und ja, sagt Ahmed, manchmal käme es dazu, dass die Menschen keine Lust mehr hätten, draußen zu warten. „Dann rennen wir einfach rein.“

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Ein Video, das am Montagmorgen bei Twitter veröffentlich wurde, zeigt, wovon Ahmed spricht: Gegen 3.52 Uhr stürmen Dutzende Menschen die Absperrung vor der Registrierungsstelle an der Moabiter Turmstraße und strömen auf das Gelände. Kein Halten mehr. „Natürliche Selektion“, kommentiert das Aktionsbündnis „Zentrum für Politische Schönheit“, das das Video publik machte, nicht ohne Zynismus.

Bereits vergangenen Donnerstagmorgen versuchten 250 Menschen, die Absperrungen zu durchbrechen, sechs Polizisten wurden durch Steinwürfe verletzt. „Diese Panik existiert seit Monaten“, resümiert Diana Henniges von der Initiative „Moabit hilft“. „Fast jeden Tag gibt es Knochenbrüche, fast jeden Tag müssen Menschen reanimiert werden.“

Das Gespött der Nation

Das Lageso ist immer noch das Gespött der Nation. Ein von Kritikern oft und gern herbeizitiertes Sinnbild für das hässliche Gesicht der Berliner Flüchtlingskrise. Was im Rest der Bundesrepublik offenbar einigermaßen zu funktionieren scheint, ist in der Hauptstadt Chaos pur. Die Bilder machen die Runde: Entkräftete Menschen, die ihre Kinder über Gitter wuchten. Die wochenlang auf die Bearbeitung ihres Falls warten und im schlimmsten Fall draußen auf der Straße übernachten, weil die Zuweisung in eine Unterkunft einfach nicht erfolgt.

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Tränen, Wut, Geschrei, oft auch Gewalt, im schlimmsten Fall durch das Sicherheitspersonal. „Lageht so gar nicht mehr“, war zuletzt in der ZDF-Politsatire „heute show“ zu hören, die Berliner Grünen-Fraktionschefin Ramona Pop sprach am Wochenende von „einer Schande für Berlin“. Und SPD-Landeschef Jan Stöß bekam in der Talkshow von Anne Will seine Ausreden in Sachen Lageso von der Moderatorin um die Ohren gepfeffert.

"Dieser Riesen-Ansturm lässt nicht nach“

Ende Oktober klang alles noch ganz anders. Die Situation am Lageso habe sich entspannt, wurde von allen Seiten vermeldet, das Schlimmste sei überstanden. Am Lageso wurden neue Wartebereiche eingerichtet, die Versorgung durch hauptamtliche Ärzte besser geregelt. Als Allheilmittel schlechthin wurde die Eröffnung der neuen Erstregistrierungsstelle an der Wilmersdorfer Bundesallee genannt. Am Lageso sollen seitdem vornehmlich die sogenannten „Altfälle“ bearbeitet werden.

Doch nach wie vor müssen die Flüchtlinge erstmal zum Lageso, bevor die weitere Registrierung in der Bundesallee erfolgt. Und auch die Geflüchteten, die schon lange in Berlin sind, beziehungsweise dort registriert wurden, müssen immer wieder zum Lageso zurück. Um die Kostenübernahme für ihre Unterkunft verlängert zu bekommen, um ihr Taschengeld abzuholen und so weiter. Das Lageso sei ein „neuralgischer Punkt“, sagt Regina Kneiding, Sprecherin der Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales, deren Chef Mario Czaja (CDU) sich seit Montag mit der Anzeige von rund 40 Anwälten auseinandersetzen muss. Noch immer kämen bis zu 600 Menschen am Tag, „dieser Riesen-Ansturm lässt nicht nach“.

Noch ist unklar, ob die Behörde an Weihnachten geöffnet hat

Ein Problem sei, dass es eine neue Regelung auf Bundesebene gebe: Die Flüchtlinge bekämen ihre Leistungen nicht mehr alle drei, sondern jeden Monat ausbezahlt. Hier plane man in Zusammenarbeit mit der Berliner Sparkasse, Ausgabestellen in der gesamten Stadt einzurichten. Zudem sei mit den Betreibern der Unterkünfte abgesprochen, dass es eine automatische Kostenübernahme gebe, dass die Flüchtlinge deshalb nicht immer zum Lageso zurückmüssen. „Wir müssen diese Regelung jetzt besser gegenüber den Flüchtlingen kommunizieren“, so Kneiding. Auch vom neuen „Warteschlangenmanagement“, das die Menschen nach ihren jeweiligen Bedürfnissen unterteilt, erhoffen sich die Verantwortlichen viel. Außerdem wird diskutiert, die Wartezelte auch nachts zugänglich zu machen. „Es muss etwas passieren“, sagt Kneiding.

So sieht es auch „Moabit hilft“. Die Initiative mag die Versprechen des Senats aber schon lange nicht mehr glauben. „Das Lageso offenbart die Unfähigkeit der Landespolitik“, sagt Sprecherin Henniges, und fordert – wie so oft – mehr Personal und bessere Verwaltungsprozesse. Die Klage gegen Czaja hält sie für gerechtfertigt: „Das war längst überfällig.“

Der Blick der Initiative geht bereits Richtung Weihnachten, die Sorge ist groß, dass die Behörde geschlossen bleibt. Denn die Feiertage werden die Menschen nicht davon abhalten, nach Berlin zu kommen, so viel steht fest. Ob das Lageso öffnet oder nicht, wird am Mittwoch entschieden.