Fasching

Der Karneval kehrt an den Kurfürstendamm zurück

Zwei Jahre ging die fünfte Jahreszeit fast spurlos an Berlin vorüber. Aber im Februar 2016 gibt es wieder einen Umzug.

Hoch das Bein: Karnevalumzug 2013 in der City-West

Hoch das Bein: Karnevalumzug 2013 in der City-West

Foto: dpa Picture-Alliance / Eventpress Stauffenberg / picture alliance / Eventpress St

Zwei Jahre blieb es ruhig auf den Straßen der Stadt: Keine tanzenden Jecken, keine Funkenmariechen und auch kein Bonbonregen. Während in den Karnevalshochburgen an Rhein und Main gefeiert, geschunkelt und gesungen wurde, blieben in Berlin die letzten verbliebenen Narren als geschlossene Gesellschaft unter sich. Doch in dieser Saison soll es wieder bunt werden zwischen Olivaer Platz und Breitscheidplatz. Am 31. Januar, acht Tage vor Rosenmontag, gibt es unter dem Motto "Die 5. Jahreszeit ist erwacht – Kinder an die Macht" wieder einen Karnevalsumzug auf dem Kurfürstendamm.

"Die ersten Gespräche mit den Behörden haben schon stattgefunden und wir sind auf einem guten Weg", sagt der Präsident des Festkomitees Berliner Karneval, Klaus Heimann. "Es gab da wohl auch auf unserer Seite einige Missverständnisse, die dazu geführt haben, dass wir die Umzüge ausgesetzt haben", sagt Heimann. Der Senat habe die Veranstaltungen laut Emissionsschutzgesetz als "störend" eingeordnet, die Karnevalisten verstanden dies als Absage.

Kölner Kostümhändler hilft als Großsponsor

Doch jetzt herrscht wieder Einigkeit, selbst ein Sponsor für die Veranstaltung hat sich gefunden. Es ist der Kölner Kostümhändler Deiters, der jüngst in Mitte in den Rathauspassagen eine Niederlassung eröffnet hat und als Botschafter des rheinischen Karnevals auch den Berliner Jecken finanziell unter die Arme greift. "Wir haben auch ein paar kleinere Sponsoren gewinnen können und bemühen uns um Lottomittel", sagt Heimann, der die Kosten für den Umzug auf rund 100.000 Euro beziffert. Immerhin wollen die "Kamelle" ja bezahlt, die Blumenkübel geschützt und die Feierstrecke will nach dem Spektakel wieder ordentlich gefegt werden.

So ganz angekommen ist die Idee des Karnevals, die nach dem Regierungsumzug vieler Rheinländer an die Spree wieder aufgelebt ist, aber noch immer nicht. "In dieser Stadt wird vieles unterstützt", klagt Heimann mit Verweis auf den Karneval der Kulturen und den Umzug zum Christopher Street Day. Traditionelles Brauchtum habe es aber schwer. Berlins ehemaliger Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit habe sich stets geweigert, die Narren zu unterstützen oder gar das Rote Rathaus für ein paar Stunden symbolisch in deren Hände zu geben. Und auch sein Nachfolger Michael Müller (beide SPD) habe auf Anfragen seines Brandenburger Amtskollegen und Parteifreundes Dietmar Woidke bislang noch kein Interesse signalisiert. "Wir sind hier halt in der Karnevalsdiaspora", sagt Heimann, der aus der Kleinstadt Siegburg zwischen Bonn und Köln stammt, resigniert.

Bezirksbürgermeister outet sich als Kanevalsfan

Dabei hätten die Karnevalisten analog zu ihren Kollegen im Westen der Republik genug, um die Landespolitik mittels aufgeputzter Wagen oder launiger Ansprachen auf die Schippe zu nehmen. Allein der Großflughafen BER, über den schon beim letzten Karnevalsumzug 2013 gewitzelt wurde, ist immer noch nicht fertig.

Auf offene Ohren sind die Karnevalisten in den vergangenen Jahren allerdings immer beim Charlottenburg-Wilmersdorfer Bezirksbürgermeister Reinhard Naumann (SPD) gestoßen. Selbst in den Jahren, in denen die Umzüge ausgefallen sind, hat er die Jecken immer am 11.11., um 11.11 Uhr, den Rathausschlüssel sowie die Bezirkskasse symbolisch erobern lassen. "Ich habe eine sehr schöne Erinnerung an den Karneval", erklärt Naumann seine Bereitschaft, den Spaß mitzumachen, der sonst bei vielen Berlinern misstrauisch beäugt wird. "Ich habe am Rosenmontag beim Karneval in Köln meinen Mann kennengelernt. Das hat bis heute gehalten", erzählt er. Und deshalb wird er sich auch am heutigen Mittwoch wieder für kurze Zeit die Macht im Charlottenburger Rathaus abnehmen lassen.

Faschingsfeiern mit geharnischten Strafen belegt

Eine rheinische Erfindung ist der Karneval aber keineswegs. Auch in Preußen wurde einst zwischen dem 11. November und Aschermittwoch kräftig gefeiert. Dass davon heute nur noch Relikte geblieben sind, ist hauptsächlich Schuld des Großen Kurfürsten. Das hat die Wilmersdorferin Roa Hoppe erforscht. "Ich konnte einfach nicht glauben, dass die Preußen von Natur aus nie ausgelassen feiern wollten", sagte sie. In alten Schriften wurde sie schließlich fündig: Im katholischen Mittelalter gab es auch an der Spree den traditionellen Mummenschanz.

Selbst im Reformationszeitalter ging es noch geräuschvoll in Stadt und Land zu. "Sogar die Schrecken des 30-jährigen Krieges haben das Volk nicht in seinem Faschingstreiben beirrt", so Roa Hoppe. Doch dann wurde den Berlinern vom Hof Einhalt geboten. "Kurfürst Georg Wilhelm erließ 1629 eine wehleidige Verordnung gegen Komödienspiel und Karneval", erklärte die Wilmersdorferin. "Vor dem Fastnachtsputzen, welche wir über die Gassen laufen sehen, sollen wir alles Leid so liederlich vergessen und darin Freude suchen, worin doch keine ist", begründete der Landesherr sein Verbot.

Die Berliner waren anderer Ansicht und feierten "in aller Unsinnigkeit und Üppigkeit" trotzdem weiter. Erst der Große Kurfürst Friedrich Wilhelm ging dann 1659 mit einem Edikt gegen den Berliner Karneval vor. "Er belegte alles, was mit Faschingsfeiern zu tun hatte, mit so geharnischten Strafen, dass dies dem Karneval den Todesstoß gab", sagte Roa Hoppe. Nicht nur die Feiernden erhielten Geld- oder sogar Gefängnisstrafen, sondern auch Wirte und Spielleute, die solches Treiben unterstützten. Nach dem Tode Friedrich Wilhelms entwickelten sich zwar dann wieder glanzvolle Faschingsredouten bei Hofe, aber "dem kleinen Mann auf der Straße hatte man das Feiern gründlich ausgetrieben", so Hoppe. Berlin, heijo!

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