Polizei

Jeder zehnte Schießtrainer der Berliner Polizei hat Krebs

100 Berliner Beamte arbeiten ausschließlich auf Schießanlagen - und werden wegen überlasteter Lüftungen Giftstoffen ausgesetzt.

Eine Polizeischülerin  trainiert  auf einem Schießstand der Landespolizeischule in Berlin

Eine Polizeischülerin trainiert auf einem Schießstand der Landespolizeischule in Berlin

Foto: dpa Picture-Alliance / Rainer Jensen / picture alliance / dpa

Polizeipräsident Klaus Kandt hat ein Problem mit den Schießständen der Berliner Polizei. Und 16.500 Beamte der Behörde möglicherweise ein Problem mit ihrer Gesundheit. Denn sie haben über Jahre hinweg auf Anlagen trainiert, in denen Asbest, Blei und das hochgiftige Antimon zum Teil in hohen Mengen auftraten. Wie hoch die gesundheitlichen Belastungen für die Beamten sind, ist unklar.

Sicher ist: Jeder Polizeibeamte muss mindestens einmal pro Jahr zum Schießtraining. Einsatzkräfte der Mobilen Einsatzkommandos (MEK) und die Elitepolizisten des Spezialeinsatzkommandos (SEK) deutlich öfter. Die höchste Belastung dürfte aber bei den Schießtrainern liegen, die ausschließlich ihren Dienst auf den Schießständen versehen. Von 100 Beamten ist hier die Rede. Nach Informationen der Berliner Morgenpost sollen zehn davon an Krebs erkrankt sein. Zwei davon sollen an den Folgen dieser Krebserkrankungen verstorben sein.

>>>Kommentar: Schadstoffe auf dem Schießstand - Affäre mit Sprengkraft

Dass von Blei Gesundheitsgefahren ausgehen, ist klar. Anorganisches Blei und seine Verbindungen wurden 2006 von der International Agency for Research of Cancer in die Gruppe „wahrscheinlich krebserregend“ eingestuft. Antimon, ein Legierungsbestandteil, mit dem die Härte des Bleis in der Munition gesteuert wird, ist sehr giftig und leichter löslich als Blei. Die tödliche Dosis beträgt laut Weltgesundheitsorganisation WHO 20 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht und Tag. Beide Stoffe sind auf Schießständen von Jägern, Bundeswehr und Polizei im darunter liegenden Boden und Grundwasser zu finden.

TÜV Rheinland warnt vor unnötiger Gesundheitsgefahr

Für Berlin belegen das möglicherweise auch Gutachten. Doch sie wurden unter Verschluss gehalten. Und zwar seit Jahren. Wie hoch die Konzentrationen der Giftstoffe sind, hängt von der Zahl der abgegebenen Schüsse, von der vorhandenen Lüftungstechnik und ihrer Wartung - und von der bestimmungsgemäßen Nutzung der Anlagen ab. Damit scheint es die Polizei nicht so genau genommen zu haben. Der Berliner Morgenpost liegt ein Protokoll vom Dezember 2008 für den Schießstand Bernauer Straße 171 vor, aus dem hervorgeht, dass die vorhandene Lüftungsanlage maximal 125 Schuss pro Stunde zulässt. Tatsächlich wurden dort aber 300 Schuss pro Stunde abgegeben. Eine Überschreitung um mehr als 100 Prozent.

Ein weiteres Begehungsprotokoll des TÜV Rheinland vom Januar 2009 kommt für den Schießstand Bernauer Straße zu dem Ergebnis: „Die vorhandene Lüftungstechnik ist für das Schießen über eine Entfernung von 50 Meter ausgelegt. Tatsächlich wird aber nur bis zu einer Entfernung von maximal 25 Meter geschossen. Damit sind die erforderlichen lüftungstechnischen Maßnahmen nicht gegeben und die Mitarbeiter werden einer unnötigen Gesundheitsgefahr ausgesetzt.“

Antrag auf Akteneinsicht unbeantwortet

Geschlossen wurde die Halle 5 am Schießstand Bernauer Straße aber erst im April 2014. Fünf Jahre später. Die Hallen 6 und 7 wurden im April 2013 für den scharfen Schuss gesperrt. Zur Begründung sagt Polizeisprecher Stefan Redlich: „Trotz vielseitiger Reparaturen konnte die vorhandene Raumlufttechnik nicht die vorgeschriebenen Lüftungswerte erreichen.“

Und dann wäre an diesem Standort noch die Halle 8. Dort trainieren derzeit Präzisionsschützen der Polizei mit Langwaffen. Wurde dort auch die Lüftungstechnik überprüft? Ja, sagt Polizeisprecher Redlich, zu den Ergebnissen könne er aber nichts sagen. Sie seien Bestandteil einer noch andauernden umfassenden Untersuchung der Gesamtumstände und könnten daher nicht mitgeteilt werden. „Der Polizeipräsident hat hierzu die Innenrevision mit der Untersuchung beauftragt“, so Redlich. Wie viele Schüsse dort pro Tag abgegeben werden, kann Redlich ebenfalls nicht sagen, „da die Zahl der abgegebenen Schüsse nicht erhoben wird“.

Sofortiger Gesundheitscheck für betroffene Polizeibeamte

Das hält der Innenexperte der Grünen, Benedikt Lux, für eine Schutzbehauptung: „Natürlich führt die Polizei über jeden abgegebenen Schuss Buch, sowohl im Einsatz wie im Training.“ Er verlangt deshalb für die noch offenen Schießstände eine Unbedenklichkeitserklärung. „Es muss jetzt neben der Aufklärung der Fragen um zurückgehaltene Gutachten auch um Fürsorge für die Polizeibeamten gehen“, so Lux. Er kritisiert, dass sein vor Wochen gestellter Antrag auf Akteneinsicht bislang unbeantwortet geblieben ist.

Und schließlich fordert er, dass umgehend geklärt wird, wer zu den intensiv trainierenden Schützen und Schießtrainern der Polizei gehört und gehörte. „Diese Beamten müssen sofort gesundheitlich gecheckt werden. Wir können und dürfen da nicht warten, bis die Innenrevision oder die Staatsanwaltschaft in Monaten zu einem Ergebnis kommt“, fordert Lux. Es wäre nach seiner Meinung ein „Skandal erster Klasse“, müssten betroffene Beamte in jahrelangen nervenaufreibenden Prozessen nachweisen, dass sie gesundheitlichen Schaden erlitten haben. Auch deshalb will Lux am Montag in der Sitzung des Innenausschusses im Abgeordnetenhaus das Thema Schießstände erneut zur Sprache bringen.