Schießtraining

„Das LKA hätte in die Luft fliegen können“

Hat die Polizei ihre 16.500 Beamten auf Schießständen üben lassen, die mit Schadstoffen belastet sind? Eine Untersuchung soll das jetzt klären.

Moderner Schießstand der Polizei in der Direktion 3 an der Kruppstraße in Moabit

Moderner Schießstand der Polizei in der Direktion 3 an der Kruppstraße in Moabit

Foto: Reto Klar

Der Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK) erhebt schwere Vorwürfe gegen die Berliner Polizeiführung. Auf den maroden Schießständen soll jahrelang die Gesundheit der dort übenden Polizeibeamten aufs Spiel gesetzt worden sein. „Es gibt ein Gutachten aus dem Jahr 2010, dass auf hohe Konzentrationen von künstlichen Mineralfasern hinweist“, kritisiert Michael Böhl, Landesvorsitzender des BDK, „trotzdem wurde weiter geschossen und erst im Jahr 2013 mit der Schließung von Schießbahnen reagiert.“ Die Gewerkschaft habe das Gutachten mehrfach erfolglos angefordert. Auch der Personalvertretung in der Polizeibehörde sei es nicht zur Verfügung gestellt worden, bemängelt Böhl.

Blei, Barium und Antimon im Pulverdampf

Doch es geht nicht nur um die Belastung mit möglicherweise Krebs erzeugenden Mineralfasern. „Auch das Absaugen des gefährlichen Pulverdampfs, der beim Schießen entsteht, funktionierte in vielen Anlagen nicht“, berichtet Böhl. Und im Dampf sind gefährliche Stoffe enthalten: Blei, Barium, Antimon, Zink und Kupfer. Dazu kommen Stickoxide, Kohlenmonoxid und Kohlendioxid. Gefährlich wird es, wenn diese Stoffe in hoher Konzentration auftreten und von Schützen, Ausbildern und Trainingsleitern eingeatmet werden.

Absauganlagen funktionierten nicht

„Und sie sind in hohen Konzentrationen aufgetreten“, sagt Böhl, „weil erstens die Absauganlagen nicht funktionierten, zweitens die Anlagen zu gering dimensioniert waren und drittens die Zahl der Schüsse auf den Bahnen deutlich erhöht worden sind.“ In manchen Anlagen seien bis zu 4000 Schuss pro Stunde abgegeben worden, obwohl nur 100 zulässig gewesen wären. Offenbar sind viele Anlage auch nicht sachgerecht gereinigt worden, was wiederum die Konzentration der Schadstoffe erhöht hat. So berichtet Böhl vom Schießstand des Landeskriminalamtes, wo der Arbeitsschutz hohe Mengen von Ablagerungen zündfähigen Materials gefunden habe. „Uns hätte bei einem Unfall das halbe LKA in die Luft fliegen können“, sagte Böhl.

Schießtrainer offenbar an Krebs erkrankt

Ausbilder auf den Schießbahnen klagen über gesundheitliche Probleme. So sagt Schießtrainer Andy in einem Beitrag des RBB-Magazins „Klartext“: „Schießtrainer, die an Kehlkopfkrebs, Lungenkrebs und Hodenkrebs erkrankt sind, das hat mich schon stutzig gemacht.“ Der Beamte will anonym bleiben, fürchtet Repressalien. Derzeit gibt es in Berlin nach Polizeiangaben 20 Schießstände, elf sind unter anderem wegen hoher Schadstoffbelastung oder unzureichender Lüftungsmöglichkeiten geschlossen.

Gewerkschaft stellt Forderungen an Polizeipräsidenten

Der Bund Deutscher Kriminalbeamter stellt jetzt vier Forderungen an den Polizeipräsidenten. Erstens müsste die Vorgänge um das Gutachten aus dem Jahr 2o10 rückhaltlos aufgeklärt werden, zweitens müssten alle Personen festgestellt werden, die den Gesundheitsgefährdungen ausgesetzt waren und sind. Drittens müsse eine Studie die Gesundheits- und Krebsgefahren feststellen. Und schließlich müsse sichergestellt werden, dass in den neu zu bauenden Schießständen solche Zustände nicht vorkommen könnten.

Auch die Gewerkschaft der Polizei verlangt Aufklärung. „Die Behördenleitung muss nun so schnell wie möglich klären, wer hier seiner Aufgabe nicht nachgekommen ist. Nach unserem Kenntnisstand hätte aufgrund des Gutachtens sofort gehandelt und die betroffenen Schießstände geschlossen werden müssen“, sagte die Landesbezirksvorsitzende Kerstin Philipp.

Grünen-Politiker stellt Strafanzeige

Polizeisprecher Stefan Redlich bestätigte auf Anfrage der Berliner Morgenpost die Existenz eines Gutachtens aus dem Jahr 2010: „Polizeipräsident Klaus Kandt hat die Innenrevision jetzt angewiesen, alle Gutachten der letzten 15 Jahre zum Thema Schießstände zu prüfen und festzustellen, was danach jeweils angewiesen wurde.“ Zudem sollen auch alle Dienstunfälle auf den Schießständen untersucht werden.

Innensenator Frank Henkel (CDU) sagte: „Falls es damals tatsächlich solche gravierenden Versäumnisse gegeben hat, muss das dringend aufgeklärt werden.“ Mit Blick auf die von Kandt eingeleiteten Untersuchungen sagte er: „Wir werden das Ergebnis abwarten und uns weitere Schritte vorbehalten.“

Unabhängige Untersuchung des Vorfalls gefordert

Der innenpolitische Sprecher der Grünen im Abgeordnetenhaus, Benedikt Lux, fordert eine unabhängige Untrersuchung der Vorgänge: „Es wäre erschütternd, sollte auch nur ein Bruchteil der Vorwürfe zutreffen, dass über mehrere Jahre vorsätzlich Gesundheitsgefahren ignoriert wurden, die dann zu tödlichen Krebserkrankungen geführt haben. Schwere Gesundheitsgefahren für Polizeitrainer in Kauf zunehmen, ist durch nichts zu rechtfertigen.“ Er habe deshalb Akteneinsicht in die Gutachten beantragt und gleichzeitig Strafanzeige gestellt.