Seine Heimat ist Berlin nicht. Aber immerhin hat Erich Kästner die „schönsten und die schlimmsten Jahre“ seines Lebens hier verbracht. Berlin ist „sozusagen meine Busenfreundin“, schreibt der in Dresden geborene Autor, als er im September 1946 zum ersten Mal nach dem Krieg wieder in die Großstadt kommt.

Erich Kästner (1899-1974)
Erich Kästner (1899-1974)© dpa Picture-Alliance / Fred Stein | dpa Picture-Alliance / Fred Stein

Viel hat Erich Kästner über Berlin geschrieben. Seine berühmtesten Bücher spielen hier. „Pünktchen und Anton“, „Emil und die Detektive“, zahlreiche Gedichte, sowie „Fabian“, den Kästner selbst auf dem Bebelplatz brennen sah. Aber selten hat er mit so viel Inbrunst die Stadt und ihre Menschen gewürdigt, wie ausgerechnet bei dem „Wiedersehen in Berlin“, wie er den Text später nennen wird. Während Erich Kästner durch die Straßen geht, die man nicht mehr erkennen kann, erinnert er sich an einen Mann, der bei einem Angriff neben ihm gestanden hatte. Der hatte zum Himmel hochgesehen und gesagt: „Wenn die Tommies so weitermachen, dann müssen sich nächstens ihre Häuser selber mitbringen.“

Auch ernste Texte in der Sammlung

Diesen Überlebenswitz der Berliner findet Kästner auch bei seinem Besuch. Auch wenn die Straßen und Häuser der Stadt zerstört sind, so ist ihr Geist doch in den Menschen lebendig geblieben. Er erinnert sich an Goethes Worte über die Berliner: „dieser verwegene Menschenschlag“. Vielleicht wird man Berlin nicht wieder aufbauen können, denkt er, aber „wenn es den Berlinern nicht gelingen sollte, dann ist es überhaupt unmöglich.“

Das Wiedersehen mit Berlin gehört mit der „Nacht der Scherben“ zu den ernsteren Texten dieser Sammlung von Erich Kästners Berliner Beobachtungen, die jetzt im Atrium Verlag erschienen sind. Sonst geben eher heitere Stücke den Ton an, wie die titelgebende Geschichte „Sonderbares vom Kurfürstendamm“. Herausgegeben hat den kleinen Band Sylvia List, von der auch das deutlich umfangreichere „Das große Erich Kästner Lesebuch“ (dtv, 1999) stammt.

„Sonderbares vom Kurfürstendamm“ konzentriert sich ganz auf Kästners Schriften über und in Berlin. Kästner hatte in Leipzig studiert, sein Studium finanzierte er mit Theaterkritiken für die „Neue Leipziger Zeitung“. Doch dem Blatt wurde er bald zu kritisch, also musste er 1927 gehen. Und er ging nach Berlin. Die Zeit hier, während der letzten Jahre der Weimarer Republik, wurde zu seiner besten – literarisch betrachtet. Kästner begann, für die „Vossische Zeitung“, das „Berliner Tageblatt“ und die Zeitschrift „Die Weltbühne“ zu schreiben. Er war unglaublich produktiv. Den Job nannte er „seine geliebte Tretmühle“, so schreibt Sylvia List in ihrem Vorwort.

Mit Ironie, Liebe und Bitterkeit schreibt Kästner über die dem Nationalsozialismus entgegentaumelnde Stadt. Er selbst stammt aus kleinen Verhältnissen, und auch wenn er gerade dabei ist, zur intellektuellen Elite des Landes aufzusteigen, so gilt doch in seinen Reportagen, Romanen und Kinderbüchern seine Liebe und sein Interesse vor allem denen am unteren Rand der Gesellschaft.

Einen Text über die Villen im Grunewald und deren Bewohner oder über das mondäne Berlin sucht man in „Sonderbares vom Kurfürstendamm“ vergebens. Stattdessen wird die Halbwelt um so deutlicher ausgeleuchtet. Kästner besucht Rummelplätze, Straßenleben und diverse Künstlercafés, in denen sich Boxer und Prostituierte und solche, die immer noch fest an ihren Durchbruch glauben, zueinander finden. Wo es ab fünf Uhr früh „Reis mit Huhn“ gibt und wo die Gäste schon mal mit Fußtritten zum Gehen aufgefordert werden müssen. Während die Reportagen auf Wunsch der Chefredakteure, so schreibt List, immer unterhalten mussten, erkennt man in den Auszügen aus Fabian und Kästners Kinderbüchern, die sich ebenfalls in diesem Band finden, auch eine große Traurigkeit des Autors über diese zunehmende Verrohung der Stadt. Neu sind die wenigstens der Reportagen, Buchauszüge und Gedichte, nur drei davon erscheinen hier zum ersten Mal. Und doch hat ihre neuerliche Zusammenstellung unter dem Thema Berlin ihren Reiz.

Kästners Beobachtungen halten immer eine professionelle Distanz zu dem, worüber er berichtet. Der involvierte Ich-Journalismus, der in diesen Tagen so populär ist, hätte ihn vermutlich angewidert. Kästner macht sich nicht gemein mit der Welt. Er flaniert über die Friedrichstraße, „die sich fortwährend wandelt und doch bleibt, was sie ist“, und beobachtet die neuen Geschäfte, die hier blühen, den Handel mit gefälschten Antiquitäten und Fleischhackmaschinen. Am Kurfürstendamm beschreibt er die neueste Mode: Waren als Hehlerware ausgeben, damit sie attraktiver werden. Berlin, das merkt man deutlich, kommt so langsam auf den Hund.

Kästner bleibt Berlinbeobachter bis 1933. Dann verbrennen die Nationalsozialisten Teile seiner Werke und verbietet seine Schriften. Kästner lebt danach weiter in Charlottenburg, bezeichnet sich als „lebender Leichnam“. „Ein verbotener, ausradierter Schriftsteller, beschimpft, bespitzelt.“ Die Nazis werfen ihm „kulturbolschewistische Haltung“ vor. Unter Pseudonym arbeitet er weiter – für die Unterhaltungsindustrie. 1944 wird seine Wohnung zerstört. Im März 1945 verlässt er die Stadt mit gefälschten Papieren. Das Kapitel Berlin sei abgeschlossen für ihr, schreibt er. Aber seine Faszination für die Stadt bleibt. Und im September 1946 ist er ja auch schon wieder da.

„In Berlin“, so schrieb Kästner, „fragte niemand nach der Hautfarbe, nach dem Pass, nach dem Bankkonto, nach der Vorbildung, nach den Zensuren, nach der Familienchronik.“ Was Kästner an dieser Stadt so reizt, das ist etwas, was ihr bis heute geblieben ist.