Film

Gebärdenpoesie – Wenn aus Worten Bilder werden

Die Berlinerin Ute Sybille Schmitz dreht Kurzfilme mit Gehörlosen. In wenigen Tagen feiert „Loreley“ in Neukölln Premiere.

Hauptdarsteller Jason (r.) mit seinen Kolleginnnen Mira, Linda, Anzhelika und Sheila-Johanna (v.l.) am Charlottenburger Ufer

Hauptdarsteller Jason (r.) mit seinen Kolleginnnen Mira, Linda, Anzhelika und Sheila-Johanna (v.l.) am Charlottenburger Ufer

Jason schaut in die Kamera. Er ist ein gut aussehender junger Mann, groß, lässig, gerade 18 Jahre alt geworden. Ganz sicher fliegen ihm die Mädchenherzen zu. Er steht an der Uferpromenade Am Spreebord in Charlottenburg. Um ihn herum eine kleine Filmcrew.

Dann beginnt ein Lied zu spielen, eine Melodie schallt laut über die Promenade. Der Text beginnt: "Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, dass ich so traurig bin. Ein Märchen aus uralten Zeiten, das kommt mir nicht aus dem Sinn ..." Doch es ist nicht Jason, der die alten Zeilen Heinrich Heines über die "Loreley" singt. Er macht etwas anderes mit den Worten. Er gebärdet sie – übersetzt sie in Gebärdensprache. Denn Jason ist gehörlos.

"Ist er nicht toll? Ich bin total begeistert", sagt Ute Sybille Schmitz. Sie ist die Regisseurin, die diesen besonderen Dreh auf die Beine gestellt hat, der mit dem gleichnamigen Musikstück "Loreley" von der Berliner Gruppe "Club der toten Dichter" unterlegt ist. Es ist bereits ihr sechster Kurzfilm, den sie von und mit Gehörlosen macht.

Nicht immer sind Kinder gehörloser Eltern ebenfalls taub

Es ist der 55 Jahre alten Drehbuch- und Buchautorin eine Herzensangelegenheit. "Ich bin eine sogenannte Coda, meine Eltern waren beide gehörlos, und so war das Thema schon immer Teil meines Lebens", sagt Ute Sybille Schmitz, die am Set alle Billa nennen. "Coda", das ist die Abkürzung für "Children of deaf adults", also: Kinder gehörloser Eltern. Nicht immer sind die Kinder gehörloser Eltern ebenfalls taub, je nachdem, ob diese es schon von Geburt an waren und es somit eventuell in den Genen liegt.

Jasons Vater ist auch gehörlos. "Giuseppe hat bereits in einem anderen Kurzfilm von mir mitgespielt", sagt die Regisseurin, die die Gedichte filmisch umsetzt und sie von einem Gehörlosen in Gebärdensprache übersetzen lässt. "Das Karussell, das Gedicht von Rainer Maria Rilke aus dem Jahre 1906, das Jasons Vater gebärdet hat, war unter anderem beim Berliner Poesiefestival dabei und sogar nominiert." Ute Sybille Schmitz nennt ihre Hauptdarsteller "Gebärdensprachpoeten". Das klingt schön und trifft es ziemlich gut.

Schmitz vermittelt zwischen Hörenden und Gehörlosen

Wer Jason eine Weile beobachtet, der erkennt die Schönheit seiner Art zu sprechen und sieht, wie er es schafft, dass aus Worten Bilder werden. Gebärdenpoesie. Vor etwa drei Jahren hat Ute Sybille Schmitz angefangen, Kurzfilme mit Gehörlosen zu machen. "Türkentaube" war der erste Film. "Ich komme ja aus der Filmbranche, war 15 Jahre beim Film", sagt sie. "Als ich mal einen Langfilm geschrieben habe, in dem gehörlose Eltern vorkamen und ich den nicht durchbekommen habe, dachte ich mir: Komm, jetzt mach' was Eigenes."

Doch für "was Eigenes" braucht man meistens Geld, und das ist schwer zu bekommen. Die Drehbuchautorin gründete eine eigene Produktionsfirma und beantragte Fördermittel. Die bekam sie letztendlich von der "Aktion Mensch". Wirklich verdienen kann man daran nicht. "Für das nächste Jahr habe ich einen Zwanzigminüter geplant – dafür wollen wir mal Gelder übers Medienboard beantragen."

Ob es was wird? Sie zuckt die Achseln. Aber sie lächelt dabei. Natürlich will sie auch Geld verdienen. Aber sie macht es auch so. Ihr Team auch. "Und die verdienen hier wirklich lächerlich wenig." Einige in ihrer kleinen Mannschaft sind gehörlos, ihr Kameramann zum Bespiel, mit dem sie alle sechs Filme zusammen gemacht hat. Ute Sybille Schmitz vermittelt zwischen den Hörenden und den Gehörlosen. Verständnislosigkeit gibt es hier nicht.

Der Verein "Die Visionäre" plant und fördert kulturelle Projekte

Sie dreht sich um, sagt eine Anweisung, wendet sich an den nächsten, vermittelt in Gebärdensprache, was sie will. Und sie weiß, was sie will: Film- und Theaterprojekte mit hörenden und hörgeschädigten Akteuren aller Altersgruppen. Um das noch besser tun zu können, gründete sie 2012 den Verein "Die Visionäre". Ein Verein von Gehörlosen und Hörenden, die kulturelle Projekte planen, durchführen und fördern. Ute Sybille Schmitz ist die erste Vorsitzende.

Am Drehort sind gerade die vier Mädchen angekommen, die Jason am Ende des Videos den Kopf verdrehen sollen. Mira, Linda, Anzhelika und Sheila-Johanna. Drei von ihnen sind gehörlos, "Mira ist eine Coda wie ich", sagt Ute Sybille Schmitz.

Sie sitzt in ihrem Regiestuhl und ihr gefällt, was sie sieht. Jason flirtet derweil vor der Kamera mit den vier Mädchen – oder flirten sie mit ihm? Die Musik spielt im Hintergrund, am Ende des Stücks ist eine lange Zeit ohne Worte zu überbrücken. Jason entscheidet sich für eines der vier Mädchen. Sie gehen gemeinsam die Uferpromenade hinunter und die letzte Klappe fällt. Geschafft. Fast zehn Stunden Dreh für vier Minuten Film.

Es ist nicht ganz so wie bei Heine, in diesem Moment, hier an der Spree, aber irgendwie passt es doch: "Die Luft ist kühl und es dunkelt, und ruhig fließt der Rhein; der Gipfel des Berges funkelt, im Abendsonnenschein."

Premiere des Films am 30. Oktober 2015, 19 Uhr, in den Kindl Stuben in Neukölln, alle Infos dazu und mehr im Internet unter: www.utesybilleschmitz.de

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