Dieser Film fordert heraus. Er widersetzt sich den modernen Kinokonventionen, schärft unsere Sinne, und lässt uns während gut zwei Stunden grübeln, was wohl gerade passiert. Denn wir verstehen nicht, was Sergey, Anna oder Svetka da in Kiew sagen. Nicht weil ihre Sprache Ukrainisch wäre, dafür hätte es ja Untertitel gegeben. Sondern weil die Jugendlichen in „The Tribe“ Gehörlose sind. Sie gestikulieren wild, schlagen in die Hände, schubsen, schlagen, stoßen sich. Und das Ganze ohne Untertitel. Eine Herausforderung fürwahr. Aber eine zutiefst lohnende.
Das Filmdebüt von Myroslav Slaboshpytskiy lehrt zunächst das genaue Zuhören. Man hört Autoverkehr, Vogelzwitschern, Glockenläuten, wenn Sergey (Grigoriy Fesenko) in einem Internat für Gehörlose ankommt. Später hören wir das Quietschen eines alten Karussels, auf das sich Sergey und seine neuen „Freunde“ niedergelassen haben, nachdem sie mal wieder des Nachts einen Passanten überfallen und sich mit Wodka abgefüllt haben. Dann lernt man das Sehen: Das Internat ist ein Vorort zur Hölle. Hier muss sich Sergey bis auf die Unterhose ausziehen, Geld abgeben und sich in einer ritualisierten Schlägerei aufnehmen lassen. „The Tribe“ ist eine organisierte Schul-Gang, die den Geldfluss aller kontrolliert und zur Finanzierung ihres Alkohol- und Drogenkonsums zwei Mädchen auf den Lkw-Strich schickt. Als deren Zuhälter überfahren wird, schlägt Sergeys Stunde. Er steigt in der Hierarchie der Bande auf, stellt aber deren Grundsätze in Frage, als er sich in eins der Mädchen verliebt und es retten will.
„The Tribe“ vermittelt ein zutiefst pessimistisches Bild aus der Unterschicht der ukrainischen Gesellschaft jenseits von Majdan, Massenunruhen und der drohenden Invasion des russischen Nachbarn. Ein Solitär, filmisch, politisch. Intensiv in Bildsprache, herausfordernd in seiner rohen, weil nicht sprachlich abgemilderten Darstellung von Gewalt, Sex und Qualen. Ein Film, der die Geduld des Zuschauers beansprucht und ihn reich belohnt. Auf Festivals hat „The Tribe“ bisher mehr als 20 Preise gewonnen.
Eberhard von Elterlein

