Bundesgesangswettbewerb

Der Traum von der großen Bühne

180 Kandidaten haben sich beim Bundesgesangswettbewerb beworben. Die Vorauswahl ist entschieden: 74 kommen in die Finalrunden.

Anthony Curtis Kirby hat es geschafft: Mit seinem Auftritt vor der Jury hat er sich einen Platz in der Finalrunde erkämpft

Anthony Curtis Kirby hat es geschafft: Mit seinem Auftritt vor der Jury hat er sich einen Platz in der Finalrunde erkämpft

Foto: Joerg Krauthoefer

Auf roten Pumps und mit viel Schwung betritt Dalma Viczina die Bühne. Der braune Ledermantel knirscht, während sie die dunklen Locken nach hinten wirft und die Arme nach oben reißt. Ein selbstbewusster Auftritt, passend zu ihrem Song: „Ich bin der König der Party.“ Aber nur wenige Minuten später, als sie den braunen Ledermantel abgelegt hat und im weißen Corsagentop dasteht, wird es melodramatisch. Klar, jetzt ist die West Side Story dran. Innerhalb kürzester Zeit kann die 26-Jährige umswitchen. Das muss sie auch, schließlich hat sie nur zehn Minuten Zeit, um die Jury von ihrem Können zu überzeugen. Ob das geklappt hat? „Ich hoffe sehr“, sagt die gebürtige Ungarin, kurz nach ihrem Auftritt noch etwas außer Atem in der Garderobe. Einen Tag später weiß sie: Es hat geklappt.

Dalma Viczina gehört nun zu den 74 Kandidaten, die es beim diesjährigen Bundesgesangswettbewerb bis in die Finalrunden geschafft haben. Dort wird dann entschieden, wer zu den Preisträgern gehört. Die können dann nicht nur beim Preisträgerkonzert im Friedrichstadt-Palast auftreten und auf eines der Preisgelder von insgesamt 50.900 Euro hoffen. Sie haben auch gute Chancen auf ein Engagement in einem der großen Musical-Theater.

Universität der Künste bietet Studiengang Musical an

Der Bundesgesangswettbewerb findet zum 44. Mal statt, immer abwechselnd mit dem Schwerpunkt Musical, Chanson oder Oper, Operette, Konzert. In diesem Jahr sind die Musicaldarsteller dran. Der Wettbewerb ist der größte im deutschsprachigen Raum. Dieses Mal haben sich 180 Kandidaten im Alter zwischen 16 und 30 Jahren beworben, davon 122 Frauen. In dieser Woche sind die Kandidaten in sieben deutschen Städten vor die Jury getreten, nach Berlin wurden 45 Nachwuchssänger eingeladen. Bei 29 der Berliner Bewerber zeigten die Daumen der Jury nach oben.

Sie alle studieren an der Universität der Künste, eine der wenigen Hochschulen in Deutschland, die einen speziellen Studiengang Musical und Show anbieten. Seit mehr als zwei Jahren ist auch Anthony Curtis Kirby dabei. Auf der Bühne singt er: „Jedermann hat ein Ziel“ und es klingt wie ein Motto für diesen Wettbewerb. Aber bevor er so richtig nachdenklich wird, tanzt und steppt der 23-Jährige mit einer Knochenattrappe herum. „Abendbrot“ heißt das Stück über einen Hund, der aus seinem Fressen eine riesige Show macht. Kirbys Spaß an der Rolle entlockt sogar manchen Jurymitgliedern ein Grinsen und hat ihm wohl auch seinen Platz in der Finalrunde gesichert.

Kandidaten müssen ein Programm von 45 Minuten einreichen

Auch Bernd Steixner, der die fünfköpfige Jury bei der Vorauswahl leitet, muss bei diesem Auftritt lächeln. Das Niveau der Berliner Kandidaten findet er in diesem Jahr ohnehin sehr gut. Steixner ist Dirigent und seit 20 Jahren für Musicalproduktionen tätig. Einige Jahre hatte er auch die musikalische Leitung des Theaters des Westens inne. Vom Wettbewerb würden beide Seiten profitieren, ist er überzeugt: „Die Kandidaten können sich zeigen und ausprobieren, wir haben die Möglichkeit, den Nachwuchs kennenzulernen.“

Wer sich bewirbt, muss ein Programm von etwa 45 Minuten einreichen. Beim Genre ist alles erlaubt, vom Ende der Operette über Musical bis zum Chanson. Die Jury wählt daraus in der Regel drei Stücke aus. Zehn Minuten haben die Kandidaten dann Zeit, sich auf der Bühne zu präsentieren. „Neben der Stimme sind Szene und Tanz dabei fast genauso wichtig“, erklärt Steixner. Das sei ja auch gerade das Besondere der Musicaldarsteller: Sie müssten auf allen drei Ebenen stark sein. Umso mehr kritisiert er, dass in Deutschland noch immer ein Schubladendenken verbreitet sei: entweder Sänger oder Schauspieler. Im angelsächsischen Raum sei es hingegen längst selbstverständlich, dass Schauspieler auch singen können.

In Deutschland gibt es Musicals erst ab Ende der 80er-Jahre

Für die Kandidaten des Wettbewerbs ist das ohnehin selbstverständlich. Sie träumen ja auch von der großen Bühne. Und in Deutschland, wo Musicals sich erst ab Ende der 80er-Jahre etabliert haben, seien die Anforderungen heute sehr hoch, weiß Steixner.

Dass Jan Rekeszus – im Retrolook mit Tolle, Muscle-Shirt und Skinny-Jeans – mal Musical macht, dass hätte er selbst nicht gedacht. „Mit acht Jahren habe ich in mein Tagebuch geschrieben: Ich hasse Theater, wo Leute singen.“ Damals musste er öfter in die Oper, schließlich sang seine Mutter dort. Das war nichts für den Sohn, er gründete stattdessen eine Rockband. Von dort landete er in einem Jugendtheaterclub. Dort machte er dann doch Theater mit Musik. Erst als Chinese hinten links, später in der Hauptrolle von „Hair“. Spätestens das war der Moment, wo er den Satz in seinem Tagebuch hätte umschreiben müssen.