Bildung

Wenn Berliner Grundschüler IS-Kämpfer werden wollen

Salafismus ist auch an Grundschulen ein Thema. Der Senat hat ein Modellprojekt aufgelegt, das Lehrer beraten und fortbilden soll.

Der IS fasziniert in Neuköllner Grundschulen vorzugsweise die Jungs

Der IS fasziniert in Neuköllner Grundschulen vorzugsweise die Jungs

Foto: dpa Picture-Alliance / ABACA / picture alliance / abaca

Berliner Grundschulleiter sind beunruhigt. Immer öfter erleben sie, dass schon Kinder der unteren Klassen davon sprechen, später einmal IS-Kämpfer werden zu wollen. Einige Grundschulleiter aus Neukölln berichteten der Berliner Morgenpost, dass vor allem Jungen solche Äußerungen machen, wenn sie sich unbeobachtet wähnen.

Andere Schüler äußern sich auch ganz offen darüber, dass sie entsprechende Videos gesehen haben. Auf dem Schulweg schauen sie sich auf ihren Smartphones Hinrichtungsvideos des IS an und berichten dann anderen Kindern davon. Namentlich wollen die Schulen nicht genannt werden, weil sie eine Stigmatisierung fürchten.

Was an Grundschulen häufig eher als prahlerische Spielerei beginnt, kann an Oberschulen bereits zu einem Wandel im Verhalten führen. Zu Beginn des vergangenen Schuljahres musste zum Beispiel ein Schulleiter einer Neuköllner Sekundarschule feststellen, dass sich zwei Zehntklässler während der Ferien verändert hatten. Sie kamen in religiöser Kleidung in die Schule, sprachen viel vom Koran und versuchten, unter den Mitschülern Flyer zu verteilen, die religiöse Inhalte hatten. Auf den Flyern ging es um die Rolle der Frau im Islam und darum, wie sich muslimische Mädchen zu verhalten haben.

Projekt gegen Extremismus an 15 Schulen gestartet

„Wir haben das natürlich nicht toleriert, sondern sofort mit den beiden Jugendlichen gesprochen“, sagt der Schulleiter. Hilfe habe man sich dann bei den Mitarbeitern von Ufuq e.V. geholt. Der Verein kümmert sich um politische Bildungsarbeit mit muslimischen Jugendlichen. „Das war eine wichtige Erfahrung für mein Kollegium“, sagt der Schulleiter. Die Lehrer hätten sich gut beraten und begleitet gefühlt.

Auch Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) will die Schulen jetzt stärker unterstützen, wenn es darum geht, den Anfängen radikaler Haltungen und Einstellungen zu wehren. Das Landesinstitut für Lehrerfortbildung (Lisum) hat am Montag ein neues Fortbildungsprogramm für Lehrer auf den Weg gebracht. Zwei Jahre lang werden sich 25 Pädagogen aus 15 Schulen an dem Modellprojekt „Aktiv gegen Salafismus und Antisemitismus“ beteiligen Dabei handelt es sich vor allem um ein Angebot für Oberschulen und Berufsschulen.

Projektleiter ist Michael Rump-Räuber vom Lisum. Er sagte der Berliner Morgenpost, dass Lehrer an Grundschulen eine andere Fortbildung brauchen. Daran müsse man noch arbeiten. Die neuen Seminare bieten sechs pädagogische Werkstätten zu Themen wie „Was ist Salafismus“, „Geschlechter- und Rollenbilder im Salafismus“, oder „Salafismus als Jugendkultur begreifen – was sind Symbole“.

„Redet mit den Schülern“

Jochen Müller von Ufuq e.V. bestätigte im Gespräch mit der Berliner Morgenpost, dass schon Grundschüler zunehmend bestimmte Äußerungen machen, in denen von IS-Kämpfern die Rede ist oder von der Scharia. Das habe aber nichts mit Radikalisierung zu tun, sagt er. „Leute, die radikal sind, sind nur zu einem sehr kleinen Teil an Schulen.“ Solche Äußerungen seien eher als Provokation gemeint, Ausdruck von Frust, aber auch ein Hilferuf.

„Die Kinder und Jugendlichen wollen, dass man mit ihnen spricht. Sie möchten zu unserer Gesellschaft gehören, können das aber nicht anders zum Ausdruck bringe“, sagt Müller. Sein Rat an die Schulen: „Redet mit diesen Schülern, seid nicht gleich erschreckt, sprecht mit ihnen darüber, wie sie ihre Religion verstehen, was ein guter Muslim ist, ein guter Mensch, ein guter Christ.“

Das Thema zu tabuisieren, sei genauso falsch wie die vollständige Ablehnung nach dem Motto: Religion hat an unserer Schule nichts zu suchen. Ursachen für diese Äußerungen seien meist Erfahrung mit Diskriminierung, Islamfeindlichkeit und Ausgrenzung. Der Islamwissenschaftler will die Lehrer dafür gewinnen, mit ihren Schülern, gerade auch mit den schwierigen, darüber zu sprechen, was sie von ihrer Religion und ihrem Leben erwarten. „Sie müssen zum Denken angeregt werden“, sagt er.

Müller räumt allerdings ein, dass das an Grundschulen nicht so einfach sei. Da müsse man anders vorgehen als an Oberschulen. „Unsere Projekte richten sich bisher an Schüler ab der achten Klasse. Für Grundschüler haben wir noch keine Angebote bezüglich der Salafismus-Prävention.“ Daran wolle man aber arbeiten, sagt Müller.

Einzelmaßnahmen sollen künftig vernetzt werden

Der Verein „Dialog macht Schule“ hat ein Angebot speziell für Grundschulen entwickelt, das zu Beginn dieses Schuljahres an der Hermann-Sander-Grundschule in Neukölln als Pilotprojekt gestartet ist. Dort gab es zwar keine Vorfälle von Radikalisierung. Doch Schulleiterin Rita Schlegel sagt: „Es ist nötig, über Demokratie zu sprechen und zu lernen, miteinander zu leben.“

Dialog macht Schule wird ein Jahr lang einmal pro Woche für zwei Stunden mit einer fünften Klasse arbeiten. Mary Ivic leitet dieses Projekt. „Wir gehen ohne Vorurteile in die Klassen und gucken, welche Themen die Schüler mitbringen. Wir sprechen mit den Schülern auch über ihre Vorstellungen vom Leben, von der Zukunft. Wir wollen zum eigenen Denken anregen, das beugt möglicher Radikalisierung vor“, sagt sie.

Grundschullehrer bitten Polizei um Unterstützung

Auch Christian Horn von der Polizeidirektion 5, die für die Bezirke Friedrichshain-Kreuzberg und Neukölln zuständig ist, bestätigt, dass immer häufiger Grundschullehrer bei den Beamten um Unterstützung bitten. „Dabei geht es um Sympathiebekundungen von Schülern für den IS oder um antisemitische Äußerungen“, sagt Horn, der die Arbeitsgruppe Integration und Migration leitet. Manchmal seien ganze Klassenverbände durch solche Äußerungen beeinflusst. „Wichtig ist, dass die Prävention so früh wie möglich ansetzt, ohne die Kinder dabei zu kriminalisieren“, sagt Horn. Je nachdem, wo die Äußerungen herkommen, werde dann mit den Eltern oder mit dem ganzen Klassenverband gearbeitet.

Die Polizei vermittelt dazu Mitarbeiter aus einem Netzwerk von erfahrenen Vereinen. „Wenn die muslimischen Mitarbeiter den Kindern etwas über den Islam erzählen, genießen sie mehr Akzeptanz als die Mitarbeiter der Polizei“, sagt Horn. Wichtig sei aber, dass die richtigen Vereine an die Schulen kommen.

Die vielen Einzelmaßnahmen sollen ab Januar durch eine neu zu schaffende „Landeskoordinierungsstelle Radikalisierungsprävention“ vernetzt und miteinander abgestimmt werden. Die Federführung soll die Landeskommission Berlin gegen Gewalt der Senatsinnenverwaltung übernehmen. Ein Konzept zur Radikalisierungsprävention muss aber erst noch entwickelt werden.

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