Internet-Aktivist

Kämpfer für eine moderne Demokratie

Gregor Hackmack ist Deutschland-Chef von change.org und Gründer von abgeordnetenwatch.de. Beide Formate setzen auf mehr Bürgerbeteiligung.

Gregor Hackmack ist viel unterwegs. Aber arbeiten kann er überall, dazu braucht er nicht viel mehr als seinen Laptop

Gregor Hackmack ist viel unterwegs. Aber arbeiten kann er überall, dazu braucht er nicht viel mehr als seinen Laptop

Foto: Frank Lehmann

Wenn ihm etwas nicht gefällt, dann fängt Gregor Hackmack nur selten an zu meckern. Zum einen ist er ein freundlicher Mensch, zum anderen weiß er, dass sich mit Meckern nichts ändert. Wenn er also etwas nicht richtig findet, dann überlegt er, wie es sich ändern lässt. Für ihn ein erfolgreicher Weg. So hat er angestoßen, dass das Wahlrecht in Hamburg verändert wurde. Er hat ein Online-Format etabliert, bei dem Bürger Fragen an Politiker richten können. Er hat mit einer Petition Druck gemacht, dass Deutschland die Konvention gegen Korruption unterschreibt, was nach jahrelanger Verzögerung dann tatsächlich im Herbst 2014 passiert ist. Und er hat das Verändern inzwischen auch zu seinem Beruf gemacht.

Seit Oktober 2014 ist Gregor Hackmack Deutschland-Chef von change.org. Es ist die größte Online-Petitionsplattform weltweit. Im Minutentakt wächst die Mitgliederzahl. Inzwischen sind knapp 118 Millionen Menschen auf der Plattform angemeldet. Täglich werden rund um den Globus 3500 Petitionen gestartet, in Deutschland liegt die Mitgliederzahl bei etwa 3,5 Millionen und im Monat starten zwischen 600 und 700 Petitionen. Die meisten werden allerdings kaum wahrgenommen, erst ab fünf Unterschriften tauchen sie auf der Seite überhaupt auf. Einige Aktionen bekommen aber einige Tausend, ja Hunderttausend Unterschriften. Die größte Unterschriftensammlung in Deutschland startete an Heiligabend 2014 „Für ein buntes Deutschland“. Fast eine halbe Million Menschen unterschrieben diese No-Pegida-Petition.

42.000 Unterschriften für den Erhalt des Karnevals der Kulturen

Bei change.org kann grundsätzlich jeder eine Petition starten, die Plattform nimmt keine Wertung vor, sondern ist offen für alle. So kann gleichzeitig eine Petition für und gegen ein Gesetz oder eine Initiative laufen. Parallel zur No-Pegida-Petition startete dann auch eine Pro-Pegida-Aktion. Es gibt allerdings einen Regelkodex: „Kein Rassismus, keine Diskriminierung, keine Hassreden“, erklärt Gregor Hackmack. Die Richtlinien stehen auf der Internetseite.

Die Petitionen kommen von überall, zu allen möglichen Themen. Berlin ist dabei sehr aktiv, hat Hackmack beobachtet. Und hier liefen auch schon erfolgreiche Kampagnen. So kamen Anfang des Jahres für den Erhalt des Karnevals der Kulturen rund 42.000 Unterschriften zusammen. Derzeit läuft eine Petition mit der Forderung, Spätis vom Sonntagsverkaufsverbot auszunehmen. 35.000 Unterschriften sind bislang zusammengekommen. Die Initiatorin hat beruflich mit Spätis nichts zu tun, und dennoch setzt sie sich ein, als engagierte Bürgerin.

Menschen in die Lage versetzen, die Welt positiv zu verändern

Solche Leute imponieren Gregor Hackmack. Schließlich sei diese Art der Selbstbestimmung auch das Ziel von change.org: „Wir wollen Menschen in die Lage versetzen, die Welt in ihrem Sinn positiv zu verändern.“ Sein Unternehmen will dabei die entsprechende Unterstützung bieten: „Wir können Einzelpersonen helfen, relativ schnell eine Masse zu erreichen und ihr Anliegen groß zu machen“, erklärt der 38-Jährige. Über die bestehende Community und die sozialen Netzwerke ließen sich für viele Aktionen leicht Unterstützer gewinnen.

Dass man in der Politik etwas bewegen kann, hat er selbst schon als Jugendlicher gelernt. „Ich komme aus einer ganz unpolitischen Familie“, erzählt er, aber er ist im Wendland großgeworden und da war es als junger Mensch schwer, unpolitisch zu bleiben. In Dannenberg ging er zur Schule, dort, wo die Castor-Behälter umgeladen wurden. „Etwa 30.000 Polizisten waren dann immer in der Kleinstadt“, erinnert sich Hackmack, etwa dreimal so viele, wie Dannenberg Einwohner hat. Da habe dann immer Ausnahmezustand geherrscht. Kurz bevor er Abitur machte, sollte die Schulturnhalle den Polizisten als Unterkunft dienen, aber die Schüler wehrten sich und besetzen die Sporthalle. Die Abiturienten kassierten dafür zunächst schlechte Noten für nicht geschriebene Klausuren, manche Jugendliche wurden gar der Schule verwiesen. Aber die Schüler ließen sich dadurch nicht einschüchtern, „und letztlich wurden die ganzen Strafen wieder zurückgenommen“, erzählt er 20 Jahre nach dem Ereignis immer noch ein bisschen stolz.

Eine Petition aus Südafrika hat change.org weltweit bekannt gemacht

Und noch heute beeindruckt es Gregor Hackmack, wenn er Menschen sieht, die sich für ihre Ziele stark machen. Nicht nur junge Leute, mitunter auch Menschen jenseits der 80. Die Rentner vom Hansa-Ufer in Moabit fallen ihm dabei ein. Seit einem Jahr wehren sie sich gegen die Modernisierung ihres Seniorenwohnhauses und gegen ihre mögliche Vertreibung. Über ihren Protest und über eine Petition bei change.org, bei der mehr als 100.000 Unterschriften zusammenkamen, haben sie zumindest erreicht, dass der Investor seine Umbaupläne erst einmal verschoben hat.

Entstanden ist change.org 2007 in den USA: Der Gründer Ben Rattray wollte damals „eine Art „Facebook für Politik aufbauen“, erklärt Hackmack, mit Blogs, Foren und Petitionen. So richtigen Erfolg hatten aber nur die Petitionen. „2010 war eine Petition aus Südafrika regelrecht explodiert“, erzählt er. Dort gibt es die Praxis, lesbische Frauen durch Vergewaltigungen auf den „rechten“, also heterosexuellen Weg zu bringen. Diese Verbrechen wurden nicht bestraft. Doch durch eine Petition auf change.org erregte das Thema weltweit Aufsehen und erhöhte den Druck auf die Politik. Und für Rattrey fiel damals die Entscheidung, sich in Zukunft ganz auf Petitionen zu konzentrieren.

Bill Gates und Richard Branson stiegen als Investoren in das Sozialunternehmen ein

Mit Hilfe von Investoren, unter anderem Richard Branson und Bill Gates, begann change.org sich dann ab 2012 zu internationalisieren. In Europa gibt ist das Unternehmen heute in sechs Ländern vertreten. Finanziert wird das Sozialunternehmen change.org, das wirtschaftlich, aber nicht gewinnorientiert arbeitet, durch Petitionen von Nichtregierungsorganisationen (NGO). Während das Einstellen einer Petition für Bürger kostenlos ist, zahlen NGOs für ihre Kampagnen, zum Beispiel wenn sie über eine Petition Kontakt zu potenziellen Unterstützern bekommen. Zu den NGOs, die in Deutschland bei change.org Petitionen starten, zählen Foodwatch, WWF, Aktion gegen Hunger oder Peta.

Mit den Einnahmen finanziert die Plattform in Deutschland inzwischen fünf Vollzeitmitarbeiter und zwei studentische Hilfskräfte. Ihre Büros haben sie im Haus der Bundespressekonferenz. Von hier aus blickt Gregor Hackmack zum Paul-Löbe-Haus auf der anderen Spreeseite. Dort, wo die Adressaten vieler Petitionen sitzen. Aber weniger deshalb hat Hackmack Kontakt zu vielen Abgeordneten, sondern auch weil er ehrenamtlich auch noch Geschäftsführer von abgeordnetenwatch.de ist.

Großdemonstration führte zur Gründung von abgeordnetenwatch.de

Vor elf Jahren hat er das Internetportal gegründet. Damals war er vom Studium in London zurück nach Hamburg gekommen und hatte ein für ihn einschneidendes Erlebnis mitgebracht: 2003 fand in London die größte Demonstration statt, die Großbritannien je in seiner Geschichte erlebt hat: Zwei Millionen Menschen gingen damals auf die Straße, um den Eintritt in den Irakkrieg zu verhindern, nur zwei Wochen später aber stimmte die Mehrheit des britischen Parlaments dafür. Für den Politikstudenten Hackmack war das schockierend: „Wenn ein Parlament in einer so wichtigen und entscheidenden Frage wie Krieg und Frieden die gesellschaftliche Mehrheit nicht abbildet, dann stimmt mit der parlamentarischen Demokratie etwas nicht“, schlussfolgerte er in seinem 2014 erschienen Buch „Demokratie einfach machen“.

In Hamburg erlebte Hackmack eine ähnliche Entfremdung zwischen Politik und Bürgern. Er setzte sich deshalb zunächst für eine Reform des Wahlrechts ein, bei dem die Hamburger nicht nur wie bisher eine Stimme an eine Partei abgeben, sondern mit mehr Stimmen Kandidaten direkt wählen sollten. Dabei stellten er und sein Mitstreiter Boris Hekele schnell fest, dass die Menschen ihre Politiker ja gar nicht kannten. Das war die Initialzündung für abgeordnetenwatche.de: Bürger fragen – Politiker antworten. Die Antworten sind für jeden im Internet sichtbar.

Nach zwei Monaten wurden sie schon für den Grimme Online Award nominiert

Zur Gründung Ende 2004 veranstalteten die beiden eine Pressekonferenz. Gekommen war gerade mal ein Journalist, der eine streichholzschachtelgroße Meldung schrieb. Am nächsten Tag aber hatte der Hamburger SPD-Fraktionsvorsitzende Michael Neumann die erste Frage beantwortet – und auf einmal waren die beiden jungen Internet-Aktivisten doch vielen Medien eine Geschichte wert. Zwei Monate später waren sie neben Spiegel online und Wikipedia sogar für den Grimme Online Award nominiert.

Bis 2007 betrieben Hackmack und Hekele die Plattform ehrenamtlich als Verein, dann nahmen sie ein Darlehen auf, gründeten eine GmbH und trennten Wirtschaftsbetrieb und Verein. Einnahmen erzielen sie heute vor allem, wenn Politiker auf der Seite ihr Profil erweitern und mehr Informationen über sich präsentieren wollen und durch Medienpartnerschaften.

Heute entzieht sich kaum noch ein Politiker der Plattform, die Antwortquote liege bei 90 Prozent, sagt Hackmack. Für abgeordnetenwatch.de hat er schon Auszeichnungen bekommen, aber er musste auch Kritik einstecken, weil er rechtsextreme Parteien nicht ausschloss. Aber das gehört für Hackmack zur Demokratie dazu: „Auch wenn es schwer zu ertragen ist, muss ich zur Kenntnis nehmen, dass es extreme Kandidaten gibt. Aber das rüttelt auch auf. Die Menschen sehen, dass sie die Demokratie stärken müssen, damit solche Leute keinen Raum haben.“ Außerdem gibt es auch bei abgeordnetenwatch.de ähnliche Richtlinien wie bei change.org. Wenn ein Politiker dreimal gegen sie verstößt, wird er ausgeschlossen. Und wenn drei Kandidaten einer Partei dagegen dreimal verstoßen, wird die Dialogfunktion für die ganze Partei deaktiviert. Passiert ist das der NPD bei der Landtagswahl in Thüringen.

Petitionen als Mittel gegen Politikverdrossenheit

Der Draht zu den Abgeordneten, den Hackmack aufgebaut hat, nutzt er jetzt auch für change.org. So gibt es seit Neuestem auch bei abgeordnetenwatch.de einen Petitionscheck, um noch mehr Transparenz zu erreichen. Dabei werden Politiker aufgefordert, zu Aktionen Stellung zu beziehen, bei denen mehr als 100.000 Unterschriften zusammengekommen sind. Wählern gibt das die Möglichkeit, Abgeordnete besser einzuschätzen und sie an dem, wie sie sich dann tatsächlich in der Politik verhalten, zu messen.

Die Rechnung ist für Hackmack einfach: Wenn die Menschen verstehen, was die Politiker machen, dann beuge das am besten der Politikverdrossenheit vor und erhöhe zum Beispiel die Wahlbeteiligung, was wiederum extremen Parteien weniger Raum gebe. Und wenn die Menschen sehen, dass sie selbst etwas erreichen können, zum Beispiel mit einer Online-Petition, dann sei das ja gelebte Demokratie. Und dann gibt es wahrscheinlich auch nicht mehr so viel zu meckern.

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