Besuch in Berlin

Vitali Klitschko empfiehlt sich als Tramfahrer für die BVG

Der ehemalige Boxweltmeister Vitali Klitschko will Bürgermeister von Kiew bleiben und sucht Rat bei den Berliner Verkehrsbetrieben.

Änderung in der Karriereplanung? Klitscho im Straßenbahnsimulator der BVG

Änderung in der Karriereplanung? Klitscho im Straßenbahnsimulator der BVG

Foto: Massimo R odari / Massimo Rodari

Die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) haben ein Personalproblem, es fehlen Straßenbahnfahrer, weshalb sie Ersatz aus Augsburg und Mainz einstellen mussten. Nun hat sich ein weiterer Kandidat für den Job empfohlen. Er kommt aus der Ukraine. „Ich habe sofort den Wunsch bekommen, Straßenbahnfahrer zu werden“, sagt Vitali Klitschko. Der ehemalige Box-Weltmeister hat gerade eine Runde im Fahrsimulator gedreht, einmal über die Schönhauser Allee, und „das war sehr schön“. Wann fängt er bei der BVG an?

Klitschkos Karriereplanung sieht anders aus. Ende Oktober will der 44-Jährige als Bürgermeister von Kiew wiedergewählt werden. An Straßenbahnen ist er trotzdem interessiert. Rund 200 neue Züge braucht die ukrainische Hauptstadt, die alten sind bereits 50 Jahre alt. Auf dem BVG-Betriebshof in Lichtenberg lässt sich Klitschko an diesem Dienstag deshalb einiges zum Thema erklären. Zur Begrüßung bekommt der Zwei-Meter-Mann eine Miniatur-Tram von BVG-Chefin Sigrid Nikutta (1,68 Meter) überreicht.

Dann geht es in den Simulator. Seit 1999 werden hier die BVG-Fahrer ausgebildet, einmal im Jahr müssen sie zum Sicherheitstraining. Das Gerät simuliert alle drei Fahrzeugtypen und Gefahrensituationen wie Linksabbieger oder schwierige Sichtverhältnisse. Für Klitschko lässt es BVG-Chefausbilder Andreas Wehner ruhig angehen. „Er fährt sehr vorsichtig, aber sicher“, analysiert Wehner und drückt eine Taste an seinem Computer. Ein Auto vor Klitschkos Straßenbahn verschwindet, die Schiene ist wieder frei.

Nahverkehr ist wichtiges Thema im Wahlkampf

Nach acht Minuten Tram fahren wird der Champ in die Leitstelle geführt, wo die BVG ihren Verkehr auf der Straße koordiniert. „Laskavo Prosimo“ blinkt es auf einer Anzeige – „Herzlich Willkommen“. Die Mitarbeiter erklären Klitschko, wie bei Störungen reagiert wird. Passenderweise hat es gerade einen Unfall in der Plauener Straße gegeben, die Linie M5 ist unterbrochen.

Am Ende darf Klitschko noch eine echte Straßenbahn inspizieren – und interessiert sich dabei besonders für den Fahrkartenautomat. „60 Euro kostet es, wenn Sie bei uns schwarzfahren“, erklärt Nikutta. Klitschko: „Und wenn die Person nicht bezahlen will?“ – „Dann rufen wir die Polizei.“

Schwarzfahrer dürften Klitschkos geringste Sorge sein. Die Infrastruktur in Kiew ist marode, der Nahverkehr nicht rentabel. Ein Problem ist, dass Rentner und Staatsangestellte umsonst fahren. Eine Regelung, die noch aus Sowjetzeiten stammt. Zuletzt wurden die Ticketpreise verdoppelt, sehr zum Unmut der Bevölkerung. Eine einfache Fahrt kostet jetzt umgerechnet 17 Cent. Die finanziellen Schwierigkeiten hat das nicht gelöst. „Das Thema Nahverkehr steht im Wahlkampf unter den Top Fünf, wenn nicht sogar Top Drei“, sagt der ukrainische Botschafter Andrij Melnyk.

Und Klitschkos Wiederwahl gilt keinesfalls als sicher, als Politiker hat er nicht so überzeugt wie als Boxer. Aber er will seine Reformen fortführen, auch beim Thema Verkehr. Dass er dafür Rat bei der BVG sucht, passt. Berlin und Kiew ähneln sich in Größe und Infrastruktur, beide haben eine Ringbahn und ein großes Tram-Netz. Mit Nikutta hat Klitschko sich beim Mittagessen über Kostendeckung und Fahrzeugbeschaffung ausgetauscht.

„Herr Klitschko, Sie sind zu weich“

Klitschko will seine Stadt modernisieren, eine „Smart City“ aus ihr machen, ohne dass sie ihre Identität verliert. Neue Züge, neue Gleise müssen her. Auch der Straßenverkehr braucht eine Reform. Das Know-how dafür soll aus Deutschland kommen. Die Bundesregierung will zur Unterstützung Spezialisten nach Kiew schicken. „Es ist wichtig, Freunden in schwierigen Zeiten zu helfen“, sagt Rainer Bomba, Staatssekretär im Verkehrsministerium, in Anspielung auf die schwierige politische Lage in der Ukraine. Im Gegenzug erwarte man, dass deutsche Firmen in Zukunft Aufträge erhalten. „Es soll eine Win-win-Situation sein“, so Bomba.

Auch die BVG will mit Klitschko in Kontakt bleiben. Geduldig erfüllt er den BVG-Mitarbeitern am Ende jeden Fotowunsch – trotz Drängens seines Beraters. „Herr Klitschko, Sie sind zu weich“, analysiert Nikutta.