Bibliothek

20 Jahre Landesbibliothek - nur der Neubau fehlt

1995 wurden die Amerika-Gedenkbibliothek und die Stadtbibliothek fusioniert. Der Umzug aufs Tempelhofer Feld aber scheiterte.

Volker Heller, Chef der Zentral- und Landesbibliothek, vor dem Eingang der früheren Berliner Stadtbibliothek an der Breiten Straße in Mitte

Volker Heller, Chef der Zentral- und Landesbibliothek, vor dem Eingang der früheren Berliner Stadtbibliothek an der Breiten Straße in Mitte

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Die größte öffentliche Bibliothek Deutschlands feiert am Sonnabend ihren 20. Geburtstag. Dilek Kolat, Senatorin für Arbeit, Integration und Frauen, gratuliert und enthüllt vor der Amerika-Gedenkbibliothek (AGB) eine Skulptur. Auf das eigentliche Geschenk aber muss die Zentral- und Landesbibliothek (ZLB), ein nachwendebedingter Zusammenschluss der im Westen angesiedelten AGB und der im Ostteil der Stadt beheimateten Stadtbibliothek, noch warten. 20 Jahre nach der Fusion ist der Wunsch, ein Gebäude für die ganze Sammlung, noch nicht erfüllt.

Dabei war die ZLB schon ganz nah dran. Die Geschichte der Nicht-Realisierung trägt durchaus farcehafte Züge. Die Pläne für einen Neubau am Rande des Tempelhofer Feldes schon sehr weit gediehen, der damals Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit machte das Projekt zu seiner Herzensangelegenheit, Volksbildung ist ja ein Uranliegen der SPD. Es gab einen Wettbewerb, die Entwürfe wurden ausgestellt. Doch dann kam der Volksentscheid. Eine Bebauung wurde abgelehnt, wahrscheinlich wussten viele gar nicht, dass sie mit diesem Votum auch die Bibliothekspläne zu Fall bringen. Gewissermaßen ein Kollateralschaden.

Kuriose neue Standorte: ICC und die ehemalige Stasi-Zentrale

Nach dem Scheitern überboten sich Politiker mit Vorschlägen zu dem vermeintlich besten Alternativstandort: Nahezu jede größere Immobilie, für die ein Nutzer gesucht wurde, kam ins Spiel. Die Ideen reichten vom ICC bis zur ehemaligen Stasi-Zentrale an der Normannenstraße.

„Die größte Bibliothek Deutschlands und die bestbesuchte Kultureinrichtung Berlins kann sicher nicht vorrangig unter dem Aspekt Verwerter gerade leerstehender Immobilien verortet werden“, sagt Volker Heller. Er ist Vorstand und Managementdirektor der Stiftung Zentral- und Landesbibliothek Berlin, so der offizielle Titel, und war vor seinem Wechsel Leiter der Kulturabteilung des Berliner Senats. Er ist mit politischen Abläufen vertraut – und entsprechend zurückhaltend mit Kritik: „In Tempelhof waren wir relativ dicht dran. Das Ergebnis des Volksentscheids war für uns eine große Enttäuschung, aber das muss man akzeptieren.“

Heller nimmt die Entwicklung eher fatalistisch und schaut nach vorn: „Wir sind wieder auf einem guten Weg“. Er selbst favorisiert einen Erweiterungsbau an der Amerika-Gedenkbibliothek am Blücherplatz in Kreuzberg. „Ich bin optimistisch, dass wir im Herbst 2016 Klarheit hinsichtlich der Kosten haben.“ Er verspricht sich von der Standortkonzentration Synergieeffekte. Heller weiß aber auch, dass in einem Jahr in Berlin ein neues Abgeordnetenhaus gewählt wird: „Ich hoffe sehr, dass der zukünftige Senat die Versprechungen des jetzigen hält, also sagt, wir wollen dieses Projekt für Berlin umsetzen.“

Seit der Gründung zum Umziehen verdammt

Ein Blick auf die Geschichte macht nur bedingt Hoffnung. Die Berliner Stadtbibliothek sei seit 100 Jahren zum Umziehen verflucht, schrieb eine Zeitung anlässlich des 100. Geburtstages. Bücher und Bildung für alle und kostenlos – das war eine Forderung Anfang des 20. Jahrhunderts, heute nennt man das Teilhabe am kulturellen Leben. Zwischen dem Gründungsbeschluss der Stadtverordnetenversammlung vom 6. Juni 1901 und der Eröffnung lagen gut sechs Jahre. Am 15. Oktober 1907 wurde in einer ehemaligen Markthalle an der Zimmerstraße die Berliner Stadtbibliothek eröffnet.

Rund 90.000 Bände umfasste die Sammlung, Bücher hatten die Volksbibliotheken beigesteuert, es gab aber auch etliche Spender, darunter der Verein „Frauenwohl“ um Minna Cauer, der sich für die Belange der emanzipierten Frau einsetzte. Der Lesesaal erwies sich schnell als zu klein. 1914 beschlossen die Stadtverordneten die Errichtung eines eigenen Bibliotheksbaus.

Der Erste Weltkrieg vereitelte die Pläne. Der Kaiser dankte 1918 ab, Deutschland wurde eine Republik, die Weimarer Verfassung gab ihr den Namen. Im Herbst 1920 zog die Stadtbibliothek in den ehemaligen Marstall an der Breiten Straße in der Nähe des Schlossplatzes, Kritiker wiesen darauf hin, dass das Gebäude ein Pferdestall sei, aber keine Bibliothek. Den Standort hat sie bis heute behalten.

Im Keller fangen Eimer das Wasser auf

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Stadt geteilt, 1954 eröffnete in Kreuzberg die Amerika-Gedenkbibliothek. Die Berliner Stadtbibliothek bekam in den 60er-Jahren in dem ehemaligen Marstall-Komplex einen Erweiterungsbau, ein Lesesaal mit viel Tageslicht entstand im Innenhof. Für Schlagzeilen sorgte der Standort Mitte zuletzt vor dreieinhalb Jahren mit Fotos von in den Magazinen aufgestellten Eimern, die das Wasser auffangen sollten, das ins Gebäude eindrang.

ZLB-Direktor Volker Heller war da gerade ein paar Tage im Amt. Der Vorfall bestärkte ihn darin, sich möglichst bald von der Breiten Straße zu verabschieden. Die Stadtbibliothek sei nicht „optimal angeschlossen“, die Fußwege zur U-Bahn sind vergleichsweise lang. Und die Gebäudekubatur, neben früheren Wohnungen für Kutscher wird auch das älteste Rokoko-Gebäude Berlins genutzt, „ist für Publikumsbetrieb in entsprechender Größenordnung für die zusammengeführten Standorte nicht geeignet“, urteilt Heller.

300.000 Ausleihen pro Monat

Pro Monat besuchen 100.000 bis 125.000 Nutzer die ZLB, etwa 300.000 Ausleihen gibt es, das Publikum zieht den Kreuzberger Standort eindeutig vor. Knapp drei Millionen Bücher hat die ZLB in ihrem Bestand, darunter 14.300 Comics und Mangas und 5000 Bilderbücher. Außerdem gibt es 60.000 Musik-CDs, 2200 Konsolenspiele, 46.500 DVDs, 4000 Blu-Ray-Discs, überwiegend Spielfilme, – und in der Artothek 1700 Kunstwerke zum Ausleihen.

Dass Integrationssenatorin Dilek Kolat (SPD) zum Gratulieren kommt, freut Volker Heller. Denn die ZLB sei der Berliner Kulturort „mit der höchsten Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund“, ein Drittel der Nutzer hätten einen „klassischen Einwanderungshintergrund“. Der Anteil fremdsprachlicher Bücher soll auch vor dem Hintergrund der aktuellen Flüchtlingswelle erhöht werden. Der Ankaufsetat liegt seit einigen Jahren konstant „bei circa zwei Millionen Euro“.

Aktuell wird gerade ein Streaming-Projekt vorbereitet. Kurzfilme, die auf Festivals laufen, aber nicht in den Verleih kommen, sollen exklusiv in der ZLB angeschaut werden können. An dem EU-geförderten Vorhaben nimmt aus Deutschland nur noch die Kölner Stadtbibliothek teil.

Digital und analog - das ist für Heller keine Verdrängung, sondern eine Ergänzung. Inhaltlich scheint die Zentral-und Landesbibliothek im 21. Jahrhundert angekommen zu sein, räumlich nicht. Aber der 25. Geburtstag steht ja in fünf Jahren an. Vielleicht klappt es dann mit dem Geschenk – und die Feier findet 2020 im Neubau statt.