Integration

Mit der Kippa durch Klein-Arabien

Um die Synagoge am Fraenkelufer sammeln sich jüdische Zuwanderer. Sie wollen zur Normalität gehören im muslimisch geprägten Kiez.

SPD-Fraktionschef Raed Saleh (3.v.l.) hat junge Juden und Araber zum „Falafel-Gipfel“ in die Sonnenallee eingeladen

SPD-Fraktionschef Raed Saleh (3.v.l.) hat junge Juden und Araber zum „Falafel-Gipfel“ in die Sonnenallee eingeladen

Foto: Joerg Krauthoefer

Josh Weiner zieht seine Mütze herunter. Nur mit der Kippa auf dem Kopf sitzt der junge Israeli nun vor dem arabischen Imbiss an der Sonnenallee. Die Passanten, meist arabischer oder türkischer Herkunft, zeigen keinerlei Regung beim Anblick des Juden, der sich hier auf der Hauptmeile von Klein-Arabien mit Shisha-Bars, Restaurants und Gemüseläden zu erkennen gibt. „Ich fühle mich nicht unsicher“, sagt Josh in dem leicht stockenden Deutsch eines Neuankömmlings. „Aber ich fühle mich auch nicht normal.“

Manchmal laufe er mit Kippa, manchmal nicht. Das hänge von seiner Stimmung ab. Einmal habe einer Nüsse nach ihm geworfen. Normalerweise fühle er sich aber ganz gut, berichtet der Sozialarbeiter, der seit einem Jahr in einem Kindergarten arbeitet und nächstes Jahr sein Rabbinat-Studium aufnehmen möchte.

Ein älterer Mann mit weißem Bart und Käppi geht vorbei. „Salam Aleikum“ entbietet der Muslim den Gruß an Joshs Gruppe. Es sind meist junge Juden aus Berlin, die sich mit dem SPD-Fraktionsvorsitzenden Raed Saleh zum Humus-Essen in Neukölln verabredet haben. Saleh ist selbst palästinensisch-stämmig, besaß bis zu seinem fünften Lebensjahr die jordanische Staatsbürgerschaft.

Zu Gast im arabischen Stammlokal

Die Liebe zu dem Kichererbsen-Mus eint Israelis und Araber. Bei „Azzam“ ist die Paste besonders lecker. Darum hat William Glucroft, ein amerikanisch-israelischer Einwanderer, dieses Restaurant vorgeschlagen. Der arabische Imbiss ist sein Stammlokal.

Es müsse auch sichtbar zur Normalität werden, in Berlin auch in von vielen Muslimen bewohnten Stadtteilen mit Kippa herumzulaufen, sagt der Politiker. „Wir sagen unseren Leuten, sie sollen mit Kippa laufen aber nicht die ganze Zeit“, erklärt Dekel Peretz. Nachts alleine in der U-Bahn sei das eher nicht zu empfehlen. „Unsere Leute“, das sind Beter und Freunde der Synagoge am nahe gelegenen Kreuzberger Fraenkelufer. Zuwanderer aus den USA, Israel und anderen Ländern, die sich im angesagten „Kreuzkölln“ niedergelassen haben, hauchen dem jüdischen Leben inmitten einer stark muslimisch oder atheistisch-links geprägten Umgebung neues Leben ein. Bei einem Besuch der Synagoge mit dem Regierenden Bürgermeister Michael Müller kam der Kontakt zustande, den Saleh nun vertiefen will.

Dekel Peretz fühlt sich in Neukölln sicher

Dekel Peretz kam vor 13 Jahren nach Deutschland. Inzwischen ist er mit Nina aus Schwaben verheiratet, eine der wenigen deutschstämmigen Juden im Kreis. In Neukölln fühlt er sich sicher. „Hier sehen alle aus wie ich“, sagt der junge Mann mit dem dunklen Teint. Seine Familie stammt aus Marokko. Wirklich Angst hätten sie gehabt, als sie mal im Zug in Brandenburg Fußball-Fans von Energie Cottbus begegnet seien. So eine Situation sei in Kreuzkölln noch nie vorgekommen. „Am Fraenkelufer war es sehr schwierig, jüdisches Leben aufrecht zu erhalten“, berichtet Nina Peretz, Sprecherin des Freundeskreises, der sich jetzt als Verein offiziell eintragen möchte. In den Fünfziger Jahren war die Synagoge wieder eröffnet worden, es besuchten sie zumeist Nachbarn, die etwa am Kottbusser Damm als „Displaced persons“, etwa KZ-Überlebende, jüdische Geschäfte betrieben. Aber diese ältere Generation stirbt nun allmählich aus. Nachwuchs gab es kaum. Bis der internationale Zuzug in den hippen Kiez begann.

Vor drei Jahren war es, als sie alle bekannten Juden der Gegend zum Essen einluden. „Plötzlich war der Laden voll, es waren fast 100 Leute da“, erinnert sich Nina. Man sei schon religiös, lasse aber in den Treffen Politik und Religion als Ballast raus. „Wir sind eine Gemeinschaft“, beschreibt sie das Zusammengehörigkeitsgefühl. Die anderen nicken. Seitdem kümmern sie sich um Kontakte zur Nachbarschaft. Sie machen Projekte mit Muslimen, etwa von der Sehitlik Moschee am Columbiadamm. „Wie koscher sind Muslime, wie halal sind Juden“, lauten dann die Fragestellungen. Dabei sind die Juden keineswegs naiv. Itai Böing, der älteste im Kreis und der einzige alteingessene Berliner, war 20 Jahre lang Lehrer für Deutsch und Geschichte an einer Gesamtschule in Moabit. Jeder an der Schule wusste, dass er „der Jude“ war. Täglich habe er auf dem Schulhof „unfreundliche Sachen“ gehört, so der Pädagoge. Aber einmal habe er eine Vertretungsstunde in einer fremden Klasse gegeben. Und es seien die arabischen Schüler gewesen, die über den Nahostkonflikt sprechen wollten. Also habe man diskutiert – einig wurden sie sich nicht. Aber die offene Diskussion sorgte für Respekt: „Von denen hat nie mehr jemand etwas Unfreundliches gesagt“, erzählt Böing.

Vorurteile und Schimpfwörter

Dass auch Juden über die Lage in Israel streiten können, macht die Reaktion auf Salehs Kommentar zum Konflikt deutlich. Er halte wenig von der israelischen Besatzungspolitik, sagt der Sozialdemokrat. Einige am Tisch nicken, andere nicht. Aber diese Art von Politik soll heute kein Thema sein. Es geht um das Zusammenleben.

Daran arbeitet auch Hagar Levin. Sie leitet das Projekt „Shalom Rollberg“ im Gemeinschaftshaus Morus 14, mitten im berüchtigten Problemviertel zwischen Hermann- und Karl-Marx-Straße. Unter den Jugendlichen dort seien „schwul und Jude“ die beliebtesten Schimpfwörter, berichtet die Sozialarbeiterin, die vor drei Jahren aus Israel in die Stadt kam. „Im Rollberg haben die Leute noch nie einen Juden gesehen“, erzählt die 27-Jährige. Die Kinder fragten dann: „Bist du wirklich Jüdin, du bist ja nett.“ Auch Josh Weiner, der Mann mit der Kippa, unterrichtet dort regelmäßig Englisch.

Radikale Gruppen werben für die „wahre Religion“

Dabei ist der Kampf um die Seelen der Jüngsten voll entbrannt. Die Sozialarbeiter berichten von den radikalen Gruppen, die Jugendliche ansprechen, um sie für die „wahre Religion“ zu gewinnen und gegen Juden und Schwule aufzubringen. „Wir versuchen, bei den Kindern dagegen vorzugehen“, sagt Hagar. Aber viele, die das täten, gebe es eben nicht. Hilfe von der Stadt für ihre Arbeit sei deswegen sehr willkommen. Saleh sagt zu, sich zu kümmern.

Dabei wollen die jungen Juden von Kreuzkölln eigentlich nur ein zivilisiertes Zusammenleben, Vielfalt und Offenheit. „Wenn ich in einer jüdischen Blase leben wollte, wäre ich in New York oder Israel“, sagt William Glucroft, Fotograf und Übersetzer und seit sechs Jahren in der Stadt. „Ich möchte nicht nur Sauberkeit und Bequemlichkeit für Juden haben, sondern einen gemeinsamen Weg für alle. Das ist Berlin.“

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