Neues Ausbildungsjahr

Noch Hunderte Lehrstellen in Berlin offen

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Jürgen Stüber

Foto: Reto Klar

Das Ausbildungsjahr beginnt. Gerade Handwerksbetriebe suchen noch viele Jugendliche . Im Vergleich zum Vorjahr gibt es deutlich mehr Plätze.

Zum Start des neuen Ausbildungsjahres am Dienstag hatte die Online-Lehrstellenbörse der Handwerkskammer noch 507 offene Lehrstellen im Angebot. Auf einer ähnlichen Seite der Industrie- und Handelskammer (IHK) waren es 166 freie Lehrstellen für Dienstleistungsberufe in 122 Betrieben.

Im Vergleich zum Vorjahr wurden laut IHK 577 freie Ausbildungsplätze mehr bei der Agentur für Arbeit gemeldet. Thilo Pahl, Bildungsgeschäftsführer der IHK, wertet diesen Trend als „Beleg, dass für die Berliner Wirtschaft die Nachwuchssicherung oberste Priorität hat“. Diese Entwicklung ist auch im Handwerk zu spüren. Dort stieg die Zahl der Lehrverträge gegenüber 2014 um elf Prozent auf etwas mehr als 2000.

Der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) sprach den neuen Auszubildenden des Handwerks Mut zu. „Sie haben selbst etwas unternommen. Und damit haben Sie sich schon qualifiziert. Eine goldrichtige Entscheidung“, sagte er beim Welcome-Day der Kammer. Müller, der aus einer Handwerkerfamilie stammt, bestärkte die jungen Menschen zum Beginn ihres Berufslebens mit einem Rückblick auf die eigene Familiengeschichte. „Wir werden mit unserem Betrieb nicht reich. Aber wir konnten in den letzten Jahrzehnten unsere Familien ernähren und hatten viel Freude an unserem Beruf“, sagte er.

Ausbildung statt Studium

Erst habe er studieren wollen, stattdessen absolvierte er eine Kaufmannslehre und lernte später vom Vater den Beruf des Buchdruckers. Auch Julian Bartels strebte zunächst eine Unikarriere an, studierte Russisch, brach nach einem Jahr im Ausland ab und hat nun eine Hörgeräteakustikerlehre begonnen. Die Suche nach einer Stelle sei einfach gewesen, sagt er. Die Lehre gefalle ihm besser, die Uni sei so theoretisch gewesen. Von Viktor Manske, der eine Zahntechnikerlehre begonnen hat, wollte Müller wissen, ob ihm die Schule bei der Berufswahl geholfen habe. „Nein. Ich habe alles selbst im Internet recherchiert“, sagte er. Auf Müllers Frage nach Zukunftsplänen sagte Manskes Kollege Lars Baumann: „Ich spiele mit dem Gedanken, meinen Meister zu machen.“ Das hat sein Ausbilder Fred Freudenreich schon hinter sich. Er sagt stolz: „Noch nie ist einer meiner Azubis durchgefallen.“ Seit seinem Start 1991 hat sich vieles verändert: „Der Beruf des Zahntechnikers ist finanziell nicht mehr reizvoll.“ Seit die Folgen der Gesundheitsreform auf die Dentallabore durchschlagen, können sie nicht mehr die Traumgehälter wie in den 80er-Jahren zahlen. Fünf junge Menschen haben in diesen Tagen in dem Labor begonnen. Beworben hatten sich etwa 20. „Nicht alle Berufsanfänger sind für diesen Beruf geeignet“, sagt er. Bis zu 40 Prozent stellen erst während der Ausbildung fest, dass ihr Idealjob ein anderer ist.

Mehr Information erwünscht

„Die Berufsorientierung an den Schulen muss weiter verbessert werden, das hat sich auch zum diesjährigen Ausbildungsstart wieder gezeigt“, sagt Thilo Pahl. Über 90 Prozent der Unternehmen wünschen sich laut einer Umfrage vor allem von den Gymnasien mehr Aufklärung über die Chancen in der dualen Ausbildung.

Internationale Fachkräfte gewinnen für den Ausbildungsmarkt an Bedeutung. Den Berliner Unternehmen fehlen einer Statistik der Handwerkskammer zufolge schon jetzt 27.000 Fachkräfte. Müller lobte die Initiative der Kammer, Flüchtlinge für die Ausbildung zu qualifizieren. IHK-Geschäftsführer Pahl hofft, dass jungen Asylbewerbern ein schneller Einstieg in den Ausbildungs- und Arbeitsmarkt ermöglicht wird. „Das ist wichtig für die geflüchteten Menschen selbst, aber auch für die Berliner Unternehmen, die qualifizierte Mitarbeiter suchen.“ Der Mangel an Fachkräften dürfe nicht zu einem Wachstumshemmnis werden.