Kinderschutz

Senat will 2016 vier Ambulanzen für den Kinderschutz öffnen

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Anette Nayhauss

Unfall oder Misshandlung? In solchen Zweifelsfällen können sich Kinderärzte und Jugendämter in Berlin künftig an Kliniken Hilfe holen.

Woher stammen die blauen Flecken? Ist das Kind wirklich beim Spielen hingefallen, wie die Eltern sagen? Oder steckt vielleicht doch Gewalt dahinter? Jugendamtsmitarbeiter, Familienhelfer und Kinderärzte stehen immer wieder vor solchen Zweifelsfällen. Vom kommenden Januar an sollen sie sich dann an Kinderschutzambulanzen wenden können. Der Senat hat am Dienstag beschlossen, vier neue Ambulanzen an Berliner Kliniken einzurichten. Im Doppelhaushalt 2016/17 sind dafür eine Million Euro vorgesehen, verteilt auf die Etats der Senatsverwaltungen für Soziales, Jugend und Justiz.

Die Ambulanzen ergänzen das „Netzwerk Kinderschutz“. In den vergangenen Jahren sei es gelungen, die Aufmerksamkeit auf dieses Thema zu lenken, sagte Jugendsenatorin Sandra Scheeres (SPD). Die Zahl der Anrufe bei der Hotline Kinderschutz nehme zu, „das heißt nicht, dass es mehr Fälle gibt, sondern es gibt mehr Transparenz“.

„Mehr Klarheit in Zweifelsfällen“

Je früher Misshandlung und Vernachlässigung erkannt würden, desto besser könnten Kinder geschützt werden, sagte Scheeres. Es gebe aber immer Grenzfälle, in denen es Fachkräften schwerfalle, eine Kindeswohlgefährdung zweifelsfrei festzustellen. Das geschulte Personal in den Kompetenzzentren könne in Zweifelsfällen mehr Klarheit schaffen.

Bis Herbst sollen die Standorte der Ambulanzen ausgesucht werden. Sie werden an vier der acht Kinderkliniken angesiedelt, in denen es bereits eine interdisziplinäre Kinderschutzgruppe gibt, und sollen in der ganzen Stadt verteilt liegen.

Der Senat finanziert in jeder Ambulanz eine zusätzliche Stelle für eine Kinderkrankenschwester oder einen Kinderpfleger, die die Koordinierung übernehmen. Sie seien ein „unverzichtbares Bindeglied zwischen der Kinder- und Jugendhilfe und dem Gesundheitssystem“, sagte Gesundheitssenator Mario Czaja (CDU).

3660 „schwer einschätzbare“ Fälle

Im vergangenen Jahr seien 3660 „schwer einschätzbare“ Fälle gemeldet worden, sagte ein Sprecher der Senatsjugendverwaltung. Bei etwa 30 Prozent habe sich im Nachgang herausgestellt, dass der Verdacht auf Kindeswohlgefährdung unbegründet gewesen sei. Man gehe aber davon aus, dass etwa 2500 Meldungen künftig ein Fall für die Kinderschutzambulanzen seien. Darüber hinaus erstellt der rechtsmedizinische Dienst der Gewaltschutzambulanz an der Charité Gutachten, wenn für ein Gerichtsverfahren Spuren gesichert werden müssen.

Die familien- und jugendpolitische Sprecherin der Linksfraktion im Berliner Abgeordnetenhaus, Katrin Möller, bezweifelt, dass die Ausstattung der Kinderschutzambulanzen ausreicht. „Das kann nur ein Anfang sein“, sagt sie. Es sei gut, dass es mehrere Ambulanzen geben werde, die dezentral in der Stadt verteilt seien. Wenn sich das Angebot herumgesprochen habe, werde sich zeigen, ob es genüge.

Zugleich bemängelt die Jugendpolitikerin, dass der Senat sich zu wenig um das Problem der schlecht ausgestatteten Jugendämter kümmere. Es müsse sichergestellt werden, dass die Jugendämter ausreichend Mitarbeiter hätten, um sich um die betroffenen Familien zu kümmern.