Jugendämter

Jugendämter retten immer mehr Berliner Kinder

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Joachim Fahrun
Immer mehr Kinder in Berlin werden Opfer von Misshandlungen

Immer mehr Kinder in Berlin werden Opfer von Misshandlungen

Foto: Nicolas Armer / picture alliance / dpa

Die Zahl der in Berlin eingeleiteten Verfahren wegen Kindeswohlgefährdung ist 2014 gegenüber dem Vorjahr um 18 Prozent gestiegen.

Die Jugendämter der Berliner Bezirke müssen immer mehr Kinder und Jugendliche vor Missbrauch, Gewalt und Vernachlässigung bewahren. Die Zahl der Verfahren wegen „Kindeswohlgefährdung“ stieg 2014 im Vergleich zum Vorjahr um 18,2 Prozent auf 11.772.

In jedem fünften dieser Fälle wurden akute seelische oder körperliche Schäden des Kindes verhindert. In jedem dritten lag eine latente Gefährdung vor. In 60 Prozent der Gefährdungen ging es um Vernachlässigung von Kindern, in 20 Prozent wurde körperliche, in 30 Prozent psychische Gewalt angewendet. Sexuelle Gewalt kam in 3,5 Prozent der Fälle vor, wobei in vielen Familien auch mehrere dieser Phänomene auftraten.

Die Daten des Amtes für Statistik Berlin-Brandenburg weisen aber nicht nur mehr Meldungen aus, sondern auch mehr Eingriffe der Kinder- und Jugendschützer. So gab es für 1806 Kinder und Jugendliche ambulante oder teilstationäre Hilfen zur Erziehung, das sind 219 Fälle mehr als im Vorjahr. Mehr als 2500 Familien wurde Beratung von Familienhelfern gewährt. Und 735 Kinder und Jugendliche wurden in die Obhut des Amtes genommen – 84 mehr als 2013.

Zahlen zum Kinderschutz steigen an

Generell steigen die Zahlen zum Kinderschutz deutlich an. In Brandenburg gab es etwa ein Plus der Verfahren von 29 Prozent. Das liegt auch daran, dass die Jugendämter erst seit 2012 verpflichtet sind, ihre Aktivitäten den Statistikern auch zu melden.

Die Senatsjugendverwaltung verweist auf die stärkeren Anstrengungen für den Kinderschutz. Das habe dazu geführt, dass ein Verdacht schneller und besser gemeldet wird. „Wir haben das Netzwerk Kinderschutz in der Vergangenheit genau mit diesem Ziel ausgebaut, sagte Thorsten Metter, Sprecher von Jugendsenatorin Sandra Scheeres (SPD).

Tatsächlich wurde etwa jedes fünfte Verfahren von Nachbarn, Bekannten oder anonym gemeldet. Ein Viertel kam über Polizei, Gerichte oder Staatsanwälte. Die restlichen Meldungen entfallen auf Kitas oder Schulen (13,9 Prozent) oder Mediziner beziehungsweise Hebammen (5,5 Prozent). In jedem zehnten Fall wandte sich der Minderjährige oder die Familie selbst ans Jugendamt oder die Kindernotdienste. Knapp die Hälfte der Meldungen stellte sich als falscher Alarm heraus. In wiederum mehr als dieser Hälfte der Fälle fanden die Jugendämter zwar das Wohl der Kinder nicht gefährdet, stellten aber Hilfs- und Beratungsbedarf für die Familien fest.

„Lieber einmal zu viel als einmal zu wenig“

Reinickendorfs Jugendstadtrat An­dreas Höhne (SPD) ermunterte die Bürger, Verdachtsfälle zu melden. „Lieber einmal zu viel als einmal zu wenig“, sagte der Stadtrat. Er sei dankbar, dass sich Nachbarn Gedanken machten. Er beobachte „positiv“, dass die Zahlen „möglicher Kindeswohlgefährdungen“ zugenommen hätten. Der Kinderschutz in Berlin funktioniere in akuten Fällen. Um Kinder aus Gefahr zu retten, stelle man genügend Personal bereit. Das sorge jedoch für Engpässe bei weitergehenden Hilfen. Ziel sei es nicht, Kinder von ihren Familien zu trennen, sondern die Eltern in die Lage zu versetzen, sich wieder selbst um ihre Kinder zu kümmern.

Der Kindernotdienst bemängelte die geringe Zahl geeigneter Unterbringungsmöglichkeiten für Kinder, die in Obhut genommen werden müssen. Mittes Jugendamtsleiterin Monika Goral verwies auf die Netzwerke zum Kinderschutz, die seit 2008 aufgebaut wurden. „Das Netz fängt auf“, sagte die Behördenchefin. Ob auch eine schlechtere soziale Lage vieler Familien eine Rolle für den Anstieg der Zahlen spielen könnte, schließen Experten nicht aus, wollen es aber ohne tiefere Untersuchung nicht behaupten. Zwar gebe es Missbrauch, Gewalt und Vernachlässigung in allen Schichten, aber in einem armen Stadtteil wie Wedding gingen eben doch dreimal so viele Meldungen ein wie im Rest des Bezirks Mitte, sagte Monika Goral.

Die Senatsjugendverwaltung möchte den Kinderschutz ausbauen. Vier Kinderschutzambulanzen werden eröffnet. Der neue Etat finanziert die Hotline Kinderschutz weiter.