Flüchtlinge

Vom Vermieter zum Lebenshelfer

Siggi Huber hat ein Zimmer an einen Flüchtling vermietet – und schnell gemerkt: Mit der Schlüsselübergabe ist es nicht getan.

 Tarik (r.) lebt seit März in der Wohnung von Siggi Huber

Tarik (r.) lebt seit März in der Wohnung von Siggi Huber

Foto: Reto Klar

Angefangen hat alles mit dem Anruf eines gemeinsamen Bekannten aus den USA: Er kenne da einen Flüchtling aus Syrien, der sitze in Thüringen auf dem Dorf fest und wolle unbedingt nach Berlin. Ob Siggi jemanden wisse, der ein Zimmer für ihn habe? Siggi Huber, 42, überlegte und entschied dann: Er selbst vermietet eines seiner beiden Zimmer an den jungen Flüchtling.

Obwohl er wusste, dass es eng wird in der Wohnung, dass es auch mal schwierig sein kann, mit einem Wildfremden Küche und Bad zu teilen. Aber ohne zu ahnen, dass er viel mehr sein würde als einfach nur der Vermieter, wie viel Zeit er selbst mit Behördengängen und Schriftverkehr zubringen würde.

Seit fast vier Monaten wohnt Tarik jetzt bei Siggi Huber in Schöneberg. Ein paar Kleider, die an einem Haken in seinem Zimmer hängen, ein Deutschbuch, mehr gehört ihm nicht in einem Leben, das er manchmal selbst nicht mehr wiedererkennt.

Das alte Leben ist verschwunden

Mit Anfang 20 stand Tarik noch die Welt offen. Nach der Schule studierte er in Großbritannien, kehrte mit zwei Masterabschlüssen und perfekten Englischkenntnissen nach Hause zurück. Bei einer Bank startete er durch, übernahm mit Ende 20 eine Führungsposition und plante, noch einmal an die Universität zurückzukehren, um zu promovieren. „Ich hatte einen guten Job, eine schöne Wohnung“, sagt er.

Jetzt ist Tarik 31 Jahre alt. Seit etwas mehr als einem halben Jahr lebt er in Deutschland. Das Geld, mit dem er sein Studium fortsetzen wollte, hat er ausgegeben: um die Menschen zu bezahlen, die seine Flucht ermöglicht haben.

Tarik ist Syrer und vor dem Krieg geflohen. Wäre er geblieben, hätten ihn die Regierungstruppen zwangsrekrutiert. „Dann wäre ich jetzt tot“, davon ist Tarik überzeugt. Er konnte einschätzen, wie gefährlich die Flucht sein würde. Aber er wusste auch, dass sie seine einzige Chance war zu überleben.

Beschimpft und bedroht

Was er nicht wusste: dass er in einem Asylbewerberheim in Thüringen leben würde, dass er dort auf der Straße beschimpft und bedroht werden würde. Dass seine Studienabschlüsse, seine Sprachkenntnisse, sein gewandtes Auftreten nichts wert sein würden. In den Monaten in Thüringen setzte er seine ganze Hoffnung auf Berlin: „In der Großstadt ist es für Ausländer besser“, ist er überzeugt.

Aber leicht macht es ihm seine neue Heimat nicht. Um endlich richtig in Deutschland anzukommen, muss er Sprachkurse besuchen, eine Wohnung finden, einen Job – und dafür braucht er jede Menge Stempel, Formulare und Genehmigungen. „Das alles ist schon schwierig genug, wenn man Deutsch als Muttersprache hat“, sagt Siggi Huber.

Sogar bei der Ausländerbehörde sei Tarik mit der Frage abgeblitzt, ob sein Gegenüber Englisch spreche: „Die Antwort war: No! Amtssprache Deutsch!“ Deshalb begleitet Siggi seinen Untermieter häufig, wenn der wieder einen Termin auf dem Amt hat. Außerdem habe er mehrere Briefe schreiben müssen, bis die Miete schließlich auf seinem Konto ankam.

Wohnungen für Flüchtlinge

Er helfe Tarik gern, versichert Siggi Huber. Aber eigentlich wollte er ihm einfach nur ein Zimmer vermieten.

Im Sommer ist das kein Problem, Siggi Huber hat eine Laube, in der er häufig übernachtet. Wenn er doch mal in seiner Wohnung ist, schläft er auf dem Sofa. Im Herbst allerdings hätte er seine zwei Zimmer gern wieder für sich allein – und hofft, dass Tarik bis dahin eine eigene Wohnung gefunden hat.

Flüchtlinge haben es auf dem Wohnungsmarkt besonders schwer. Um Abhilfe zu schaffen, startete der Berliner Senat im vergangenen November eine Werbekampagne, mit der Berliner überzeugt werden sollten, private Wohnungen zu vermieten. Etwa 80 Wohnungen wurden der Beratungsstelle Wohnungen für Flüchtlinge seit Januar angeboten. „Vor der Plakataktion konnten wir die angebotenen Wohnungen an einer Hand abzählen“, sagt die Leiterin der Beratungsstelle, Sophia Brink.

Das Jobcenter zahlt die Miete

Trotz dieses Erfolgs reicht die Zahl der Wohnungsangebote noch längst nicht: Mehr als 3000 Wohnungssuchende, von Einzelpersonen bis zur Großfamilie, sind bei der Beratungsstelle registriert. Zur Verfügung stehen aber nur etwa 480 Wohnungen. Neben den privaten Angeboten sind das 275 Wohnungen, die die städtischen Wohnungsbaugesellschaften für Flüchtlinge anbieten. Wird nur ein WG-Zimmer vermietet, ist die Beratungsstelle nicht zuständig: „Das können wir nicht leisten“, sagt Sophia Brink und verweist auf die Initiative „Flüchtling willkommen“.

So lange es im Asylverfahren noch keine Entscheidung gibt, zahlt das Land die Miete für den Flüchtling. Wenn der Flüchtling eine Aufenthaltserlaubnis hat, sind die Bezirke zuständig. Für wie viele Flüchtlinge die Jobcenter jetzt die Miete zahlen, ist nach Angaben eines Sprechers der Arbeitsagentur nicht einzeln aufgeschlüsselt: Sobald sie eine Aufenthaltserlaubnis haben, werden sie im Jobcenter wie alle anderen Kunden geführt.

Das bedeutete in Tariks Fall: Wegen seines Umzugs von Thüringen nach Berlin war erst das eine, dann das andere Jobcenter zuständig. Unterlagen mussten beantragt, weitergeschickt, vorgelegt werden, erst dann konnte die Miete überwiesen werden. Das dauerte, die Miete für den April kam erst zum Monatsende, die für März erst im Mai.

Auf das Geld kann Siggi Huber nicht verzichten: Er ist selbstständiger Stadtführer, bietet seit drei Jahren Touren an, in denen er Touristen und Einheimischen die Stadt zeigt. Es laufe immer besser, sagt er, aber zu verschenken habe er trotzdem nichts.

Deutschlernen im Internetcafé

Mit Tarik hat sich deshalb eine Art Tauschgemeinschaft herausgebildet. Tarik hilft Siggi im Garten, dafür nimmt der ihn mit, wenn er für Freunde und Bekannte einen Stadtspaziergang organisiert. Das hilft Tarik, die Stadt kennenzulernen, und er lernt in den Gesprächen mit den anderen Teilnehmern Deutsch, die wichtigste Voraussetzung, um endlich Arbeit suchen zu können. Seit Ende Mai besucht der Syrer einen Deutschkurs. Zuvor hat er mit seinem Deutschbuch in der Wohnung gesessen oder im Internetcafé, mit dem vom Jobcenter empfohlenen Onlinesprachkurs geübt, bis er alle Unterlagen zusammen hatte, um sich für den Kurs anmelden zu können.

Jetzt hofft er, ganz schnell die neue Sprache zu lernen und endlich eine eigene Wohnung und einen Job zu finden. Morgens im eigenen Bett aufzustehen und zur Arbeit zu gehen – das ist im Moment Tariks Wunschtraum. Einfach ein ganz normaler Alltag.

Wer eine Wohnung zu vermieten hat, kann sich an die Beratungsstelle Wohnungen für Flüchtlinge beim Evangelischen Jugend- und Fürsorgewerk wenden:
Tel. 30 873-687 , www.ejf.de
WG-Zimmer werden über die Initiative „Flüchtling willkommen“ vermittelt: www.flüchtlingwillkommen.de