Vandalismus

Sprayer kommen gezielt nach Berlin, um Züge zu beschmieren

BVG und S-Bahn geben zehn Millionen Euro pro Jahr zur Beseitigung von Vandalismus aus. In den Sommerferien nehmen die Schmierereien zu.

Arbeiter reinigen in einer Bahnwerkstatt in Friedrichsfelde eine bemalte S-Bahn

Arbeiter reinigen in einer Bahnwerkstatt in Friedrichsfelde eine bemalte S-Bahn

Foto: dpa Picture-Alliance / Paul Zinken / picture alliance / dpa

Bei der Berliner S-Bahn sind offenbar die Kunstwochen angebrochen. Immer häufiger rollen derzeit die Züge nicht im gewohnten Rot-Gelb, sondern in grellbunter Bemalung in die Bahnhöfe ein.

Vor allem auf den Linien, die ins Umland führen, sind Wagen komplett von oben bis unten verziert. „Seit Beginn der Sommerferien erleben wir einen Anstieg der Graffitivorfälle“, bestätigte ein S-Bahn-Sprecher der Berliner Morgenpost. Konkrete Tatzahlen wollte der Sprecher nicht nennen, die Anzahl liege aber „in etwa im Trend der letzten Jahre“. Die meist jugendlichen Täter haben wegen der Ferien offenbar mehr Zeit, ihrem illegalen Hobby nachzugehen.

Hinzu kommt, dass immer mehr Sprayer gezielt nach Berlin kommen, um in der Stadt Farbspuren zu hinterlassen. „Über die sozialen Medien wird dazu geradezu eingeladen“, so der Bahn-Sprecher. Erst vor Kurzem hat die Bundespolizei zwei Sprayer in der Nähe des S-Bahnhofs Greifswalder Straße festgenommen, als sie dort eine 15 Quadratmeter große Fläche besprühten. Die beiden 24 und 27 Jahre alten Männer waren aus Polen angereist.

Abstellanlagen werden stärker überwacht

Auch der Berliner Fahrgastverband (Igeb) hat den Eindruck, dass zurzeit besonders viele von Sprayern verunzierte S-Bahnen unterwegs sind. „FürIgeb-Sprecher Jens Wieseke ist das nicht nur optisch ein Ärgernis: „Zum einen behindern die Schmierereien den Blick der Fahrgäste nach draußen, zum anderen werden damit auch wichtige Beschriftungen an den Wagen verdeckt.“

Die Bundespolizei, für die Verfolgung von Straftaten auf Bahnanlagen zuständig, kann jedoch keine generelle Zunahme von Graffitivorfällen erkennen. „Im Gegenteil: Die Anzahl der Delikte ist im Vergleich zum Vorjahr sogar um gut zehn Prozent zurückgegangen“, sagte Polizeisprecher Jens Schabranski. Allerdings hat er keine Zahlen speziell zur S-Bahn, sondern nur für den gesamten Bereich der Bundespolizeidirektion Berlin, die auch Brandenburg und Teile von Mecklenburg-Vorpommern umfasst.

Graffiti stiftet zu weiterem Vandalismus an

Danach gab es im ersten Halbjahr 2015 rund 1600 Anzeigen wegen Graffitischmierereien, im selben Zeitraum des Vorjahres waren es 1800. „Es gab spürbar weniger Angriffe von Sprayern, die gemeinsam mit der DB Sicherheit eingeleiteten Maßnahmen zeigen offenbar Wirkung“, sagte Polizei-Sprecher Schabranski. So würden die Abstellanlagen von Zügen besser als bisher überwacht. Von einem generellen Trend zum Positiven will die Bundespolizei aber noch nicht sprechen. So seien etwa im Monat Juni mit 295 Farbschmierereien rund 50 mehr als im Vorjahresmonat registriert worden. „Auch eine Folge des Lokführerstreiks, weil da die Züge länger in den Abstellanlagen stehen blieben“, so Schabranski.

Für Fahrgastvertreter Wieseke gibt es noch eine andere Erklärung für eine stärkere öffentliche Wahrnehmung von besprühten S-Bahnen. „Wegen des aktuellen Fahrzeugmangels wird offenbar nicht jeder Zug bei der nächsten Gelegenheit aus dem Verkehr gezogen. Das freut mich einerseits für die Fahrgäste, die ja ohnehin unter Ausfällen und Verspätungen zu leiden haben, sagte Wieseke. Andererseits habe dies aber eine fatale Signalwirkung. „Ein äußerlich beschmierter Zug macht einen verwahrlosten Eindruck. Und der sorgt dafür, dass auch im Wageninneren der Vandalismus schnell zunimmt“, befürchtet Wieseke. Dann würden auch häufiger Scheiben zerkratzt und Sitzpolster aufgeschlitzt. Nach Aussagen des Bahn-Sprechers würden die Werkstätten der Berliner S-Bahn die Sachbeschädigungen innerhalb kurzer Zeit beseitigen, um den selbsternannten „Künstlern“ keine Bühne zu bieten.

Weniger Graffiti bei U-Bahn und Bussen

Die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) kommen mit dem Problem offenbar besser klar. Laut BVG-Sprecher Markus Falkner geht die Zahl der Vandalismus Vorfälle, in die auch die Graffiti-Schmierereien eingeordnet werden, kontinuierlich zurück. Die Zahl der daraus resultierenden Instandhaltungsaufträge sei von 9500 im Jahr 2008 auf 2600 im Vorjahr sichtbar gesunken. Damit verringern sich auch die die damit verbundenen Kosten: Von 9,7 Millionen Euro (2008) auf – noch immer erhebliche – 3,9 Millionen Euro. Im ersten Halbjahr dieses Jahres gaben die landeseigenen Verkehrsbetriebe rund zwei Millionen Euro für die Beseitigung von Vandalismus Schäden aus. „Das entspricht dem Vorjahreswert“, so BVG-Sprecher Falkner. Die Beseitigung von Graffiti habe dabei in den vergangenen drei Jahren ungefähr ein Viertel der Gesamtsumme ausgemacht.

Auch die Berliner S-Bahn erfasst die Schäden durch Farbschmierereien nicht im Einzelnen. Insgesamt gibt die Bahntochter pro Jahr etwa sechs Millionen Euro für die Beseitigung von Vandalismus- und Graffitischäden aus, hinzu kommen erhebliche Aufwendungen für zusätzliches Sicherheitspersonal. In diesem Jahr will die S-Bahn zusätzlich zum normalen Reinigungsprogramm für die Züge eine Million Euro ausgeben, um mutwillige Beschädigungen zu beseitigen.

Vandalismus führt zu Unzufriedenheit der Fahrgäste

Grund dafür dürften nicht zuletzt die Ergebnisse der jüngsten Fahrgastbefragung sein. Danach haben sich die Zufriedenheitswerte etwa zum Thema Sicherheitsempfinden in den Zügen und an den Bahnhöfen deutlich verbessert. Auch für die Sauberkeit der Bahnsteige und Sitzgelegenheiten gab es zuletzt bessere Noten als in den Jahren zuvor. Doch „zerkratzte, verschmierte oder besprühte Scheiben“ führen nach wie vor zur Unzufriedenheit, heißt es in einer Stellungnahme der S-Bahn. Das hat auch finanzielle Folgen für das Unternehmen. Schlechte Fahrgastbewertungen können ebenso wie zu häufige Verspätungen und zu viele Zugausfälle dazu führen, dass die Besteller – also die Länder Berlin und Brandenburg – ihre Zuweisungen an die S-Bahn kürzen.

Die Gefahr, strafrechtlich zur Verantwortung gezogen zu werden, ist für die Verursacher von Vandalismusschäden sehr gering. So stellte die S-Bahn etwa im Jahr 2012 insgesamt 1869 und im Jahr darauf 1614 Strafanzeigen. Verurteilt wurden Täter nach den der S-Bahn vorliegenden Informationen 2012 in 27 Fällen und 2013 in gerade einmal fünf Fällen.

Piraten sehen Graffiti als Bestandteil Berliner Kultur

Geht es nach den Piraten, müssten Graffitisprayer überhaupt keine Sanktionen mehr befürchten. Nach Auffassung ihres kulturpolitischen Sprechers Philip Magalski sind „Graffiti und Street Art integraler Bestandteil der Berliner Kultur“. Sie gehörten also nicht nur zum Stadtbild, sondern seien „als Interventionen im öffentlichen Raum eben auch künstlerische Ankerpunkte gesellschaftlicher Diskurse“. Um „dieser Wertschätzung etwas auf die Sprünge zu helfen“, haben die Piraten ins Abgeordnetenhaus einen Antrag eingereicht, in dem der Senat zur Schaffung der Stelle eines „Graffiti-Beauftragten“ aufgefordert wird. Dieser soll zwischen den Interessen und Akteuren vermitteln.

Jens Wieseke vom Berliner Fahrgastverband hält diesen Vorschlag für „politisch nicht ernst zu nehmen“. „Das Signal ist doch: Graffiti-Sprayer aus aller Welt, ihr seid herzlich bei uns in Berlin willkommen.“