Flughafen Tegel

Kiste auf, Löwe drin - Das findet der Zoll in Tegel

Waffen, Drogen, Tiere: Im Gepäck der Touristen findet der Zoll in Tegel erstaunliche Souvenirs. Eine Auswahl spektakulärer Funde.

Christian Böhm leitet die Zoll-und Luftrachtabteilung am Flughafen Tegel und zeigt einige Kuriositäten, die Urlauber und Reisende verbotenerweise mitbringen

Christian Böhm leitet die Zoll-und Luftrachtabteilung am Flughafen Tegel und zeigt einige Kuriositäten, die Urlauber und Reisende verbotenerweise mitbringen

Foto: Joerg Krauthoefer

Christian Böhms spektakulärster Fund sperrt das Maul auf, fletscht die scharfen Reißzähne und starrt dem Leiter des Zollamts am Flughafen Tegel aggressiv in die Augen. Kopf und Mähne des Tiers ragen aus dem Pappkarton, der Rest seines Fells liegt leer und tot in der Kiste. Ein Tourist hat den Löwen in Afrika geschossen, präparieren und dann nach Berlin schicken lassen. In Empfang nehmen konnte der Jäger seine Beute dort aber nicht, denn er hatte keine Papiere für das erlegte Wildtier.

„Glücksgriff“, nennt Böhm den Fund. Doch in seinen 30 Jahren im Dienst am Berliner Flughafen haben ihm andere tierische Souvenirs stärker zugesetzt – die lebenden. Einmal hätten die Verlader ein Kratzen in einem Hartschalenkoffer gehört. Als Böhm und sein Team das Gepäckstück aus der Mongolei öffneten, trauten sie ihren Augen nicht: Mit Folie fixiert und Beruhigungsmitteln betäubt, lagen fünf Falken im Koffer, ein Paar bereits tot.

Die Tiere sollten weiter nach Dubai, wo die Jagdvögel bei Scheichs sehr beliebt sind. Das Skurrile: Zwei Jahre später fanden die Beamten einen weiteren Koffer, wieder mit fünf Falken aus der Mongolei auf dem Weg nach Dubai. Für die Tiere, die in Berlin lebendig ankamen, ging die Reise am Ende gut aus. Der Berliner Zoo päppelte die geschwächten Tiere auf, danach durften sie in die Mongolei zurückkehren, wo sie wieder in die Freiheit flogen.

Viele gefälschte Markenartikel

Aber nicht immer ist der Umgang mit Tieren im Gepäck für die Beamten ungefährlich. „Manchmal öffnen wir einen Koffer und uns kommt eine hochgiftige Kobra oder eine Vogelspinne entgegen“, sagt Böhm. „Da schmeißen auch wir erstmal den Koffer ganz schnell wieder zu.“ Dann beginnt die Arbeit. Weil die Tierparks keine Abnahmepflicht haben, müsse er anfragen und teils darum betteln, dass er die Schlangen, Spinnen, Schildkröten und Papageien, die er lebendig aus dem Gepäck zieht, artgerecht abgeben kann.

Einmal sei ein Tourist mit zwei Vogelkäfigen, in denen Affen saßen, aus dem Flieger gestiegen. Schon Popstar Justin Bieber ist vor ein paar Jahren daran gescheitert, ein Kapuzineräffchen ohne Papiere im Privatjet für seine Tournee nach Deutschland mitzubringen. Böhm beschlagnahmte also die Affen und wurde sie dann nicht mehr los. Der Zoo in Gera nahm ihm die Tiere schließlich ab. Also packte Böhm die beiden in den Zollbus, versorgte sie mit Wasser und Bananen und fuhr die Tiere persönlich in ihr neues Zuhause.

In einem Besprechungszimmer der Luftfracht sammelt Böhm auf der Fensterbank Anschauungsmaterial für Schülergruppen und Besucher. Es sieht aus wie eine Mischung aus einem Markt für gefälschte Markenartikel und einem Naturkundemuseum: ausgestopfte und vom Aussterben bedrohte Meeresschildkröten, Korallen, Handtaschen aus Krokodilleder, ein Wolfspelz, Imitate von Turnschuhen, Fußballtrikots, Uhren, Handys, gefälschte Arzneimittel, gefährliche Spielzeugwaffen – und natürlich der Löwe in der Kiste.

90.000 Tonnen Fracht wurden 2014 über den Flughafen Tegel transportiert, Böhm und sein Team können nur einen Bruchteil dieser Masse kontrollieren. Oft hört er von Reisenden, dass sie am Flughafen fast nie Zollbeamte sähen. „Wir arbeiten meist dort, wo uns die Passagiere nicht sehen“, sagt Böhm. Bei der Gepäckverladung röntgen sie Koffer nach Waffen und Organischem, lassen ihre Spürhunde nach Drogen schnüffeln.

Beschlagnahmte Ware wird verbrannt

Passagiere und ihr Gepäck kontrollieren die Beamten stichprobenweise auf Basis einer sogenannten Risikoanalyse. Vor allem Fernreisende aus Afrika, Asien und Direktflüge aus Abu Dhabi in den Emiraten, Ulan Bator in der Mongolei oder Punta Cana in der Dominikanischen Republik. Wer nicht umsteigt, kann leichter schmuggeln.

Meist kontrollieren die Zöllner aber die Fracht, nach Großlieferungen mit Markenpiraterie von Kleidung, Schmuck, Sonnenbrillen oder elektronischen Geräten wie Handys, Computern oder DVDs. Bis zu 40 Tonnen gefälschter Artikel stellen sie jedes Jahr sicher, etwa 120 kommen zur Anzeige. „Das wirkt wenig“, sagt Böhm, aber für sein kleines Team und die hohe Anzahl der Produkte sei die Zahl nicht schlecht.

Böhm und seine Leute wissen ganz genau, wie ein originaler Markenturnschuh verarbeitet ist, wo die Produktnummer steht, wie die Logos aussehen, ob die Sohle geklebt oder eingenäht ist. Die Hersteller statten sie mit allen Informationen aus. Wenn die Beamten vom Zoll Ware sicherstellen, schicken sie den Herstellern ein Exemplar davon zu.

Dann schneiden die Mitarbeiter der Schuhhersteller das Dämpfungssystem auf, das einen hochwertigen Schuh teuer macht. „Oft finden sie statt der Dämmung Holzklötze, die in den Schuh eingearbeitet worden sind“, sagt Böhm. Die beschlagnahmte Ware wird zum größten Teil verbrannt, nur ein paar Stücke hebt Böhm zur Ansicht für Besucher auf oder gibt präparierte Tiere an Ausstellungen.

Tigerpflaster gegen Rheuma

Seine 30 Jahre Erfahrung im Dienst helfen dem Leiter des Zolls auch bei der Überprüfung von asiatischen Arzneimitteln, die Bestandteile von geschützten Tieren enthalten. „Wir haben in Berlin viele asiatische Mitbürger, die diese Mittel vor allem aus China und Vietnam mitbringen. Aber auch die Europäer wenden sich immer mehr von chemischer Arznei ab und importieren alternative Mittel“, sagt Böhm und greift zu einer gelben Plastikpackung, auf der ein Tiger abgebildet ist. „She Xiang Zhuang Gu Gao“ steht darauf in lateinischen Buchstaben, alles andere in chinesischen. Böhm übersetzt: „She Xiang“ heißt Moschus, „Zhuang Gu“ Tiger und „Gao“ Knochen. Der Zöllner kann alle Inhaltsstoffe auf Chinesisch und Vietnamesisch lesen, für seine Kollegen hat er Übersetzungslisten erstellt.

Nashornpulver soll potent machen, Tigerpflaster gegen Rheuma helfen, zerriebenes Seepferdchen Menstruationsbeschwerden lindern und Bärengalle Augenleiden heilen. „Alles Quatsch“, sagt Böhm, die verarbeiteten Tierteile seien ein Placebo, das Kunden lockt, weil es exotisch klingt. „Asiatische Medizin gibt es seit Jahrtausenden, aber es sind die pflanzlichen Wirkstoffe wie Menthol, Kampfer oder Ginkgo, die helfen, nicht die tierischen“, sagt der Beamte.

Am häufigsten ziehen die Zöllner allerdings Korallen aus den Koffern der Reisenden. Wer einen mongolischen Wolfspelz im Gepäck hat, ahnt meist, dass er etwas Illegales tut, wer eine Koralle beim Tauchen abschneidet oder auf einem karibischen Markt kauft, ist oft überrascht, wenn die Beamten das Souvenir einkassieren. Je nach Schutzkategorie gilt die Einfuhr als Ordnungswidrigkeit mit Bußgeld oder als Straftat. Eine ausgestopfte Meeresschildkröte mit nach Deutschland zu bringen, kostet zum Beispiel 2000 Euro Strafe.

Den größten Fall in diesem Jahr machte der Zoll mit über 60 Kilogramm Khat, einem Betäubungsmittel, das von Äthiopien aus über Berlin seinen Weg nach Dänemark finden sollte. „Bei Drogen, Waffen und Sprengstoff haben wir es meist mit organisierter Kriminalität zu tun“, sagt Böhm, mit großen Mengen Bargeld werde oft Terrorismus finanziert. 2,5 Millionen Euro hat der Zoll in Tegel im vergangenen Jahr sichergestellt. Das werde allerdings dann nicht verbrannt. Das fließt in die Staatskasse.