Berliner Luft

Mit Wind in den Segeln über den Wannsee gleiten

Nur angetrieben von Luft und der Liebe zum Wasser – das bedeutet Segeln lernen auf dem Wannsee. Ein Selbsttest.

Reporterin Maria Bidian (vorn) beim Segeln auf dem Wannsee. Nach einer Stunde gelingt es ihr, Segel und Ruder so gut zu beherrschen, dass sie gerade auf eine Boje zusteuern, wenden und wieder zurückfahren kann

Reporterin Maria Bidian (vorn) beim Segeln auf dem Wannsee. Nach einer Stunde gelingt es ihr, Segel und Ruder so gut zu beherrschen, dass sie gerade auf eine Boje zusteuern, wenden und wieder zurückfahren kann

Foto: Krauthoefer

„Drück das Ruder weg. Vorsicht, drück es weg!“, schreit Luisa. Das Motorboot der 22-Jährigen rauscht an uns vorbei, so laut, dass ich ihre Worte nicht verstehe. „Vorsicht“, schreit Philipp vor mir, „drücken! Wir fahren direkt auf die anderen zu!“ Ich drücke, wir kippen, Philipp dreht das Segel zur Seite, das weiße Boot der anderen Schüler schrammt uns leicht.

Kentern verhindert. In letzter Sekunde. Erleichtert schaue ich ans Ufer. Unser lustiger, italienischer Segellehrer Marco steht in seinen grünen Badeshorts am Strand. „Fast jeder kentert beim ersten Segelversuch!“, ruft er mir zu. „Nicht sonderlich beruhigend“, denke ich und rücke die orangefarbene Rettungsweste über meinem schwarzen Neoprenanzug zurecht. Den Anzug brauche ich, schließlich sind wir hier nicht auf dem Atlantik, sondern auf dem Wannsee.

Seit 10 Uhr bin ich bereits an Berlins Urlaubsstrand. Es ist warm und windig, sehr windig. Eine kleine Herausforderung für mich und meine Mitstreiter. Neun Personen nehmen heute an dem Segel-Grundkurs des Wassersportcenters Berlin teil. Bei einer Einführung von Marco haben wir gelernt, dass Segler komplizierte Leute sind, die für alles auf dem Boot ihre ganz eigenen Begriffe entwickelt haben, und dass die Segelboote mit viel „Kraft und Liebe“ übers Wasser gesteuert werden müssen. Auf einer Tafel hat Marco die Ausrichtung des Segels zur Windrichtung erklärt und dann haben wir zusammen ausprobiert, wie die Boote sicher auf die Fahrt auf dem Wasser vorbereitet werden.

Und plötzlich Flaute

Zwei Stunden, viele neue Begriffe, Knotentechniken und Bekanntschaften später, sitze ich mit Philipp, 36, Start-up-Gründer, und Anna, 33, Dokumentationswissenschaftlerin, in einem 150 Kilogramm schweren Boot auf dem Wannsee und schaffe es gerade noch einmal, nicht zu kentern.

Der Wind hat ausgesetzt und unser Boot wird immer langsamer. „Das passiert oft auf dem Wannsee“, erklärt Luisa von ihrem Lehrermotorboot aus. „Hier auf dem Wannsee dreht sich der Wind häufig, oder hört ganz auf. Das ist auf dem Müggelsee anders, dort ist der Wind stetiger.“

Wir richten unser Boot neu aus, damit der Wind das Segel auch günstig trifft, wenn er wieder wehen möchte. Am Himmel zeigt sich eine schwarze Regenwolke. „Das ist gut“, ruft Luisa, „solche Wolken erzeugen Wind!“ Die 22-Jährige hat bereits als Kind mit dem Segeln begonnen. „Für Kinder ist dieser Sport eine tolle Möglichkeit, schon früh Verantwortung zu übernehmen“, sagt sie. Auf kleineren, zwei Meter langen Booten, Optimisten genannt, sind die Kinder bereits früh alleine auf dem Wasser unterwegs. „Kinder lernen schnell, die Richtung und Intensität des Windes zu erkennen. So beginnen sie früh, die Natur zu respektieren, ohne Angst vor ihr zu haben“, erklärt die Regattafahrerin.

Kindern das Segeln näherzubringen, ist auch Benjamin Karsch, dem Inhaber des Wassersportcenters, wichtig. „Zu uns kommen Menschen aus allen Berliner Bezirken mit den unterschiedlichsten sozialen Hintergründen, um Tretboot zu fahren, zu surfen oder zu segeln“, erklärt der 34-Jährige. Damit sich nicht nur Kinder aus wohlhabenden Familien über das Wasser wehen lassen, werden die Segelkurse auch als Sportunterricht, Klassenausflüge und Projekttage angeboten.

Vier Jahre hat Benjamin auf Fuerteventura als Surf- und Segellehrer gearbeitet. Während dieser Zeit entwickelte sich seine Idee, in Berlin eine Wassersportschule zu eröffnen, immer mehr zu seinem großen Traum. „Also habe ich mein Hobby zum Beruf gemacht“, erzählt der junge Vater. Gleichzeitig das Wassersportcenter aufzubauen und seine Tochter aufzuziehen, das sei eine große Herausforderung gewesen und nur mithilfe seiner Frau und einem treuen Team möglich gewesen. Gelohnt hätten sich die Mühen aber allemal. „Es macht mich immer wieder glücklich, mich nur von der Luft angetrieben über das Wasser zu bewegen. Diese Verbundenheit mit der Natur an meine Schüler weitergeben zu können, ist toll.“

Eine Verbundenheit, die mir bei meinen ersten Lenkversuchen noch weit entfernt vorkommt. Wir wechseln die Positionen, und jetzt sitze ich in der Mitte des Bootes und bin für das Segel zuständig. Wenn ich es locker fliegen lasse, fahren wir langsamer, ziehe ich es an, gebe ich Gas. Die Geschwindigkeitsregulierung macht mehr Spaß als das konzentrierte Lenken. Also ziehe ich das Segel zu mir, der Wind bläst, und wir fliegen über das Wasser.

Philipp ist jetzt für die Fock, das Vorsegel, zuständig. Wenn wir an einer der Bojen die Richtung wechseln, muss er das Segel lockern und es auf die Seite des großen Segels ziehen. Da wir aber eine Weile geradeaus schippern wollen, kann er noch ein wenig die Sonne genießen. Ein richtiger Anfänger ist er auch nicht mehr. „Vor dem Kurs war ich schon einige Tage mit Freunden in Kroatien segeln“, erzählt er. „Mit dem Boot auf dem Wasser zu sein, entspannt mich sehr, und bei starkem Wind schnell zu fahren, das ist aufregend. So viel Zeit auf engem Raum zusammen zu verbringen, kann aber auch anstrengend sein. Da sind genaue Absprachen wichtig, jeder muss seine Aufgabe erfüllen“, sagt der 36-Jährige Start-up-Gründer.

Wir fahren weiter geradeaus. Links von uns zieht das Haus der Wannseekonferenz vorbei, umringt von Jachtklubs und Segelvereinen. Der See ist gefüllt mit weißen Segelbooten, Windsurfern und Tretbooten. Berlin ist heute eines der größten Wassersportzentren Europas. Die Gesamtzahl von Booten im Berliner Gebiet wird vom Berliner Segler-Verband auf 100.000 geschätzt.

Das Geräusch des Wassers

Links von uns rauscht es wieder verdächtig laut. Ein Motorboot kommt auf uns zu, bremst ab und Marco springt mit einem geschickten Hüpfer in unser Boot hinüber. Seit vier Jahren wohnt er jetzt schon in Berlin. Nach seinem Studium der Internationalen Beziehungen unternahm er einige Versuche, vor einem Computerbildschirm Geld zu verdienen und dabei zufrieden zu sein. Dann akzeptierte er, dass er ohne das Geräusch des Wassers am Rumpf nicht glücklich sein konnte, und begann wie zuvor auf Sardinien, Segelkurse zu geben. „Mit dem Segeln habe ich mit 25 Jahren angefangen“, erzählt er, „damals dachte ich mir, die Erde besteht zum größten Teil aus Wasser, wenn ich also auf dem Wasser nicht fahren kann, verpasse ich mehr als 70 Prozent der Welt.“ „Interessante Theorie“, denke ich mir und gebe Gas.

„Aber wie sieht es eigentlich aus mit der Segeltradition in Berlin?“, überlege ich. Der Berliner Segler-Verband kann weiterhelfen: Ab dem 17. Jahrhundert wurden Segelboote zum Freizeitvergnügen genutzt. Zunächst bei Hofe und von wohlhabenden Geschäftsleuten in den Niederlanden und in England. 1720 wurde der irische Water Club of Cork gegründet, der als erster Jachtklub der Welt gilt.

In Deutschland wurden ab 1835 vereinzelte Vereinigungen wie die Berliner „Stralauer Tavernen Gesellschaft“ gegründet. Benannt wurde sie nach der Taverne zu Stralau, dem Liegeplatz der Boote. Mit 17 Booten unterschiedlichster Typen segelten damals die Männer auf der Oberspree. Frauen wurden an Bord nicht geduldet. Die 100 Mitglieder der Vereinigung kamen unter anderem aus ersten Kreisen des Staates, des Militärs, der Wissenschaft, Kunst und Wirtschaft. Die Tavernengesellschaft existierte bis 1881. Einige ehemalige Mitglieder setzten sich daraufhin für die Gründung eines Vereins ein, der das Segeln wettkampfmäßig nach sportlichen Regeln betrieb. 1867 entstanden die ersten beiden Berliner Segelvereine. In Pichelsdorf der Verein der Segler der Unterhavel und in Stralau der Berliner Segel-Club.

Nach einer Stunde auf dem Wasser gelingt es mir schließlich, Segel und Ruder so gut zu beherrschen, dass ich gerade auf eine Boje zufahren, wenden und wieder zurückfahren kann. Gar nicht schlecht für den ersten Tag. Während meine Kurskollegen noch fünf weitere Tage Wind und Wasser genießen, geht es für mich wieder in die Innenstadt.

Ich winke Marco, Benjamin, Luisa, Philipp und Anna vom Ufer aus zu, drehe mich um und laufe Richtung Bushaltestelle. Jetzt kann ich den italienischen Segellehrer verstehen, der nicht ohne das Geräusch des Wassers am Rumpf glücklich sein kann.

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