Berliner Luft

Mit Schirm, Charme & Drachen dem Himmel ein Stück näher sein

Wie Gleitschirm- und Drachenflieger in Berlin und Umgebung die Thermik nutzen, um sich ihren Traum vom lautlosen Fliegen zu erfüllen.

Gleitschirmflieger Martin Ackermann am Teufelsberg: Mehrere Hundert Gleitschirm- und Drachenflieger sind in Berlin und Umgebung aktiv

Gleitschirmflieger Martin Ackermann am Teufelsberg: Mehrere Hundert Gleitschirm- und Drachenflieger sind in Berlin und Umgebung aktiv

Foto: Reto Klar

Ein großer Greifvogel zieht am westlichen Hang des Teufelsbergs seine Kreise. Ohne einen Flügelschlag schraubt er sich ruhig immer weiter in die Höhe. „Der Vogel hat eine Thermik gefunden“, sagt Martin Ackermann. Genau dieses Phänomen nutzen die Gleitschirm- und Drachenflieger, um dem Himmel ein Stück näher zu kommen.

Martin Ackermann hat schon im Alter von 15 Jahren den Wunsch gehabt, fliegen zu können, so wie ein Vogel. „Ein uralter Traum der Menschheit, der ja gar nicht so abwegig ist“, sagt er. Otto Lilienthal, der erste Hängegleiterpilot der Welt, flog schon im Sommer 1891 von einem Übungshang in Drewitz mit seiner Flugmaschine, die er liebevoll Möwe nannte. Damals gelangen ihm nur kleine Hüpfer, und auch heute auf dem Teufelsberg reicht es vielen Fliegern schon, sich wenige Meter über der Erde zu bewegen.

„Wahrscheinlich lacht der Greifvogel über mich, wenn ich erst mein riesiges Hilfsmittel auspacke und dann nur wenige Meter hochkomme“, sagt Ackermann. Trotzdem, für ihn gibt es nichts Größeres, als die Schwerkraft zu überwinden und sich in der Luft zu bewegen. Als Teenager hatte der heute 55-Jährige 1973 die Sensationsberichte im Fernsehen verfolgt. Damals flog der Amerikaner Mike Harker mit einem abenteuerlichen Fluggerät von der Zugspitze hinab. Nicht nur Ackermann war gefesselt von den Medienberichten, der Flug gilt als die Geburtsstunde des Drachenfliegens als populäre Flugsportart in Deutschland.

Schweben auch ohne Berge

Heute gibt es nach Angaben des Deutschen Hängegleiterverbandes e.V. 37.000 Piloten, davon 34.000 Gleitschirmflieger und 3000 Drachenflieger. Davon sind mehrere Hundert in Berlin und Umgebung aktiv.

Auch Martin Ackermann hat seinen Traum wahr gemacht. Seit 34 Jahren hebt er regelmäßig ab, zunächst am Tegernsee, später als Fluglehrer in Thüringen und nun sogar im Flachland in Berlin und Brandenburg. „Viele glauben ja, man brauche Berge zum Fliegen, aber das ist Unsinn“, sagt er.

Ackermann steht auf dem Plateau des Teufelsbergs und hält einen Moment inne. Er spürt den leichten Luftzug und lächelt. „Perfekt“, sagt er. Der Wind kommt aus westlicher Richtung. Sein Blick schweift über die Baumwipfel, er beobachtet die Bewegungen eines Elements, das für die meisten von uns unsichtbar ist: Luft.

Er weiß um die sogenannten Leeverwirbelungen über den Baumwipfeln, die das Landen erschweren, er erkennt die Aufwinde am Hang, die ihm den Start erleichtern, und er sieht die von Thermikfliegern besonders geschätzte große Wolkenstraße, die an diesem Tag am blauen Himmel steht. „Wer sich entlang dieser in gleicher Höhe aufgereihten Wolken bewegt, kann mehrere Hundert Kilometer zurücklegen“, sagt er.

Mit Gespür für den Wind

Das ist allerdings nicht das Ziel der Flieger vom Teufelsberg, wo die Aufstiegshöhe wegen des nahen Flughafens Tegel ohnehin beschränkt ist. Um die Mittagszeit versammelt sich hier bei guten Windverhältnissen zwischen April und Oktober regelmäßig ein kleines Grüppchen von Gleitschirmfliegern, die eher die kleinen Sprünge machen. Sie zeigen Kunststücke knapp über dem Boden und trainieren ihre Technik. „Groundhandling“ nennt man das im Fachjargon – eine wichtige Voraussetzung, um das richtige Gespür für den Wind zu bekommen.

Ackermann trägt seinen Rucksack durch das hohe Gras hinüber zur westlichen Kante des Teufelsberges. Er will das Aufwindband zum Starten nutzen. Am Berghang wird der anströmende Wind gehoben, die Luftmassen steigen nach oben. Bedächtig breitet er den Schirm aus, sodass die bunten Fangleinen sortiert und unverdreht ausgelegt sind, er legt sein Gurtzeug an, setzt seinen Helm auf. Nur etwa 15 Kilogramm wiegt seine gesamte Ausrüstung, gerade so viel wie ein Wanderrucksack.

„Das ist der große Vorteil gegenüber dem Drachenfliegen“, sagt Ackermann. Man sei einfach flexibler als mit dem fünf Meter langen starren Fluggerät. Dennoch könnte er sich nicht für eine der beiden Flugsportarten entscheiden. Er liebe das vogelähnliche Liegen im Drachen mit den ausgebreiteten Schwingen genauso wie das bodennahe, lautlose Schweben mit dem Gleitschirm. Ackermann greift nach den beiden Steuerschlaufen und zieht den Schirm gegen den Wind auf, sodass er sich prall mit Luft füllt.

Gute Thermik in der Umgebung Berlins

Zieht er die rechte Steuerschlaufe nach unten, dreht der Gleitschirm nach rechts, zieht er links, dreht er in die andere Richtung. „Eigentlich kinderleicht, wie beim Fahrradfahren“, sagt er. Dann gleitet er in weiten Achterschlägen knapp über dem Boden quer zum Hang, ganz so, wie man es von den Möwen an der Steilküste kennt. Durch dieses sogenannte Soaring nutzt er die Aufwinde am Hang und kann das Flugvergnügen verlängern.

Wer richtig in die Höhe steigen will, der muss ins Berliner Umland fahren. Auf dem ehemaligen Militärflugplatz Altes Lager in der Nähe von Jüterbog ist einer der beliebtesten Flugplätze in ganz Deutschland. Und hier bildet die Flugschule FlyMagicM von Martin Ackermann in Kooperation mit dem DCB, Drachenflieger Club Berlin, auch Drachen- und Gleitschirmpiloten aus. Die Bedingungen sind nahezu perfekt.

Der sandige Boden in der Umgebung garantiert eine gute Thermik, und der Flugplatz ist ausschließlich für Drachen- und Gleitschirmflieger reserviert, was es so in ganz Europa nicht noch einmal gibt. Dadurch ist ausgerechnet dort, wo das Drachenfliegen bis zur Wiedervereinigung verboten war, ein deutschlandweites Eldorado für Hängegleiter entstanden. Erst Anfang August fand hier auf dem platten Brandenburger Land nur eine Stunde von Berlin entfernt die Deutsche Meisterschaft im Drachenfliegen statt.

Fluchtversuch mit Hängegleiter

In der DDR war Drachenfliegen eine Untergrundsportart. Obwohl in den 70er-Jahren der Boom der Fliegerei auch in Polen, Tschechien oder in der Sowjetunion ausbrach, blieb das Drachenfliegen in der DDR untersagt. Die wenigen Mutigen, die sich trotzdem nach Bauanleitungen aus sowjetischen Hobbyzeitschriften ein Fluggerät zusammenbastelten und es bei den einschlägigen Treffen in den Nachbarländern einsetzten, wurden argwöhnisch von der Stasi beobachtet. Offiziell begründet wurde das Verbot mit technischen Sicherheitsbedenken, der eigentliche Grund war die Befürchtung, dass die Fluggeräte zur Flucht über die innerdeutsche Grenze genutzt werden könnten.

1986 kam es tatsächlich zu einem Fluchtversuch mit einem Hängegleiter. Zwei Männer im Alter von 27 und 30 Jahren wollten vom Dach eines Hochhauses an der Leipziger Straße vom Osten in den nahen Westen gleiten. Die Flugstrecke über die Mauer zum vorgesehenen Landeplatz neben dem Axel-Springer-Hochhaus betrug nur 250 Meter. Doch der Fluchtversuch misslang. Der erste Drachenflieger landete auf einem Schulhof kurz vor der Mauer. Der Zweite brach daraufhin sein Vorhaben ab und versuchte, mit dem verletzten Freund im Auto zu fliehen. An der tschechischen Grenze wurden beide festgenommen.

Auch im Westteil Berlins war es nicht besonders einfach, den Sport zu betreiben. Schließlich gab es keine Möglichkeit, im Berliner Umland zu fliegen. Vor der Wiedervereinigung war der 60 Meter hohe Teufelsberg, der nach dem Zweiten Weltkrieg aus Trümmern zusammengetragen wurde, die einzige Möglichkeit, in die Luft zu gehen. Damals fanden noch regelmäßige Rodungen statt, um das Fliegen zu erleichtern. Das wird heute nicht mehr praktiziert. Allerdings gibt es inzwischen auch noch einen zweiten, für Piloten zugelassenen Hang in Lübars sowie Alternativen im Umland.

Flüge bis nach Tschechien

Auf dem Flugplatz Altes Lager lassen sich die Drachen- und Gleitschirmflieger mit einer Schleppwinde bis auf 300 bis 500 Meter nach oben ziehen. Bei günstiger Thermik können sich Langstreckenflieger auf der warmen Luft von hier aus bis zur tschechischen Grenze tragen lassen. Die Sportler auf dem Platz kommen aus allen Altersgruppen und sozialen Schichten. „Es gibt junge Schüler und Studenten genauso wie Rentner, die endlich Zeit haben, um sich ihren Traum zu erfüllen“, sagt Ackermann.

Die Schüler lernen das Drachenfliegen in seiner Flugschule doppelsitzig wie in einem Flugzeug. „Durch diese Methode haben sie gleich das Gefühl vom Fliegen und müssen nicht erst 20 Mal den Hang auf und ab laufen“, sagt Ackermann. Es gebe nicht nur weniger Verletzungen, die Anfänger würden auch schneller Lernerfolge haben. Dabei sollte Schnelligkeit gar keine Rolle spielen: „Zum Lernen sollte man sich Zeit lassen“, sagt der Fluglehrer Ackermann. Es gehe schließlich auch darum, die Natur zu genießen und mit der Luft ein ganz besonderes Element kennenzulernen.

Der Greifvogel über dem Teufelsberg hat seine Beute erkannt, er legt die Flügel an und saust im Tiefflug nach unten. „Ohren anlegen“, nennt Ackermann die von den Vögeln abgeschaute Technik, die er nutzt, wenn er wieder landen möchte.

>>> Alle Teile der Serie „Berliner Luft“ finden Sie hier <<<