Berliner Luft

Neukölln riecht nach Döner und Seife, Schöneberg nach nichts

Wie riecht Berlin? Parfümeure versuchen, das Aroma der Stadt in Flakons zu bannen – oder wenigstens ein Lebensgefühl.

Einen einzigen Duft für die Stadt gibt es nicht, sagt Geza Schön. Der Parfümeur hat versucht, die Düfte von vier Berliner Bezirken einzufangen

Einen einzigen Duft für die Stadt gibt es nicht, sagt Geza Schön. Der Parfümeur hat versucht, die Düfte von vier Berliner Bezirken einzufangen

Foto: Amin Akhtar

„Ein Parfümeur muss die Natur analysieren“, sagt Geza Schön. Genau das tut er an diesem Tag. Wenige Schritte von der Bärwaldbrücke sitzt er in einem Kreuzberger Café am Landwehrkanal. Zwischen seinen Fingern reibt er frische Minzblätter. Die Nasenflügel zieht er nach oben. Die Augen sehen in die Ferne, so, als ob er gedanklich gerade schon nach Marokko reisen würde.

Eine Brise weht vom Kanal her. „Fast kein Lindengeruch heute“, sagt Schön. „Das ist für Berlin schon ungewöhnlich.“ Geza Schön ist Wahlberliner, in Kassel geboren. Durch seinen Duft Molecules 01 wurde er zu einem der bekanntesten Parfümeurs der Stadt. Vier Berliner Bezirken widmete er einen eigenen Duft, der dem „Environment“, so nennt er es, nachempfunden sein sollte: Schöneberg, Reinickendorf, Neukölln und Mitte.

Der 46-Jährige sammelt seine Inspirationen für Parfüms vor Ort. Für die Stadtteilparfüms lief er über den Hackeschen Markt, das Steinpflaster von Reinickendorf, die Alleen Schönebergs. Vorbei an den Grillspießen, Friseursalons, Obstläden und Baustellen.

Reinickendorf, das war die Weiße Stadt, das waren Hochhäuser, der Tegeler Flughafen. Der Bezirk roch kühl und trocken, nach Stein und Beton. „Das gefiel mir gut. Die staubigen, teerigen Gerüche, die lassen sich gut umsetzen“, sagt Schön.

Am Hackeschen Markt in Mitte traf er auf Cafés, Bars und Schuhläden. Da war die Luft schwer von Sushi, Kaffee und Leder. Schwieriger wurde es in Neukölln. „Da riecht es stark nach Seife, von den Waschküchen. Dann aber auch nach Döner Kebab“, sagt er. „Das ist schon ein großer Gegensatz.“ Schöneberg fand er dagegen fast langweilig. „Sehr residential. Ein paar Bäume standen da rum. Relativ dröge.“

Stadt als Ganzes nicht fassbar

Wenn Schön ein Parfüm für ganz Berlin kreieren müsste, dann würde er das Aroma von Lindenblüten hineinmischen. Einzigartig sei das für die Hauptstadt. „Das fängt im Mai an, da ist es hier noch frisch und frühlingshaft“, sagt er. „Später wird es immer süßer, richtig honighaft, dick und schwülstig.“

Aber die ganze Stadt mit einem Duft zu fassen, nein, das würde nicht klappen. Berlin habe schon lange keine typischen Aromen mehr. Hundekot rieche überall gleich, Autoabgase auch. „Ich könnte mir hier 25 einzelne Punkte mit Geruch einprägen“, sagt er. „Aber Berlin als ganze Stadt wiedererkennen, könnte ich nicht.“

Ein paar Kilometer weiter sitzt Marcus Thiel, 42, in seiner Wohnung mit Blick auf den Fernsehturm. Dieser hat im Laufe seiner Karriere eine besondere Bedeutung erlangt. Seit zehn Jahren verkauft er seine Parfümflakons der Marke Breath­ of Berlin in der Form des Fernsehturms. „Es war eine klassische Geschichte von Liebe und Leidenschaft für diese Stadt“, sagt er.

Mitte der 90er-Jahre zog er für sein Studium her. „Da war die Stadt noch im radikalen Umbruch“, sagt er. „Die jungen Leute strömten nach Berlin, die wollten was bewegen.“ Da beschloss er, das Lebensgefühl der Stadt in ein Parfüm zu packen. „Den Wandel, dieses ständige Neuerfinden, diese Gegensätze riechbar zu machen“, sagt er.

Er schmiss seinen Job als Markenberater hin und erfand zusammen mit Duftexperten sein erstes Berlin-Parfüm. Eines, das genauso wandelbar ist wie die Stadt, sagt er. „Der White-Duft startet zuerst mit Johannisbeere und Kardamom – und geht dann in eine sanfte Jasminnote über“, sagt er. „Oder der Black-Duft. Der riecht am Anfang nach Grapefruit-Pfeffer und dann so richtig rauchig und würzig holzig.“

Sogar Döner passt ins Schema

Alles was konkret ist, das lasse sich noch ganz gut darstellen, sagt Geza Schön. Luft und Blätter zum Beispiel. Zitrone, Lavendel, Muskat. Für Döner bräuchte er eine bestimmte Note, die würzig oder salzig ist. Labdanum zum Beispiel. „In Mangos ist eine Schwefelkomponente enthalten“, sagt er.

Alles, was physischer Natur ist, da würde es schwierig. Alles nasse. Die Feuchtigkeit in der Berliner Luft, die passe in kein Flakon hinein. Die Hitze im Sommer. „Da bräuchte man etwas, das heiß macht“, sagt Schön. Ein scharfes Gewürz vielleicht. „Aber das wirkt immer ein bisschen gewollt.“

Manchmal kommt jemand mit Kindheitserinnerungen zu Schön. Jemand, der ihm vorschwärmt, wie es früher in seinem Bezirk nach Zuckerwatte roch. „Auch das geht dann nicht“, sagt er. „Jeder Mensch hat seine Art zu riechen.“ Schön schreibt das Rezept für die Grundrezeptur in seinem Parfümlabor selber. „Akkord“ nennt er das. Wiegt ab, mischt die geheimen Rohstoffe in Fläschchen zusammen. Nicht zu viele Substanzen nehmen, „sonst verliert man den Überblick“.

Riechen, in einer neutralen Umgebung. Modifizieren, twisten, überprüfen. „Das muss so sein, dass nichts raus sticht“, sagt er. So ausgewogen, dass ein bisschen was von frisch geteerter Straße im Reinickendorfer Parfüm drinstecke, es aber trotzdem angenehm bleibt. Nicht alle Gerüche lassen sich gut imitieren. „Essen ist zum Essen da. Will man das riechen?“ fragt er. Und selbst dann: „Wenn du willst, dass man Fisch riecht, dann musst du einen Fisch auf den Tisch legen.“

Er beschränkt sich auf die Palette, die er hat. Die Substanzen, mit denen er arbeitet, können nur einen Hauch dessen wiedergeben, was der Berliner in seiner Stadt wahrnimmt. „Jeder verbindet etwas anderes mit seiner Umgebung“, sagt Schön.

Frische und Spritzigkeit

„Berlin ist eine Stadt, die pulsiert“, sagt Stefanie Hanssen, 46, Geschäftsführerin von Frau Tonis Parfum. „Berlin, das ist Frische, Spritzigkeit. Besonders im August.“ Das Lebensgefühl der Stadt hat sie mit Zitrus und Melisse in einem Duft mit dem Namen Berlin Summer eingefangen. Mehr als 100 Komponenten sind in dem Parfüm enthalten. In der Variante Orange Berlin wirke das Parfüm eher wie ein Stimmungsmacher, „besser als jedes Antidepressivum“, sagt Hanssen.

Etwa die Hälfte ihrer Käufer sei Stammkundschaft. Manche Touristen nähmen sich die Flakons aber auch als duftende Erinnerung mit. „Natürlich haben 100 Leute 100 unterschiedliche Assoziationen zu Düften“, sagt sie. „Wir wollen ein ganz bestimmtes Lebensgefühl mit den Parfüms vermitteln. Und Berlin steht bei uns für Jugendlichkeit.“

Gerüche verraten viel über die Orte und die Bewohner, die dort leben. Texturen haben einen Eigengeruch, nehmen Gerüche ihrer Umwelt an. Autos hinterlassen ihre Abgase, Menschen schwitzen. Blumen und Bäume duften im Sommer anders als im Frühling. Sonne und Regen verändern die Gerüche, verstärken sie oder spülen sie davon.

Heute ist es trocken. „Trockenere Luft hat eine andere Note als feuchte Luft“, sagt Schön. An manchen Sommertagen weht vom Fluss der Geruch von Moder und Müll in einer leichten Brise zu den Kreuzberger Cafés herüber. Die Spree sammelt die täglichen Spuren Berlins. „Da liegen manchmal Schiffe am Ufer. Die tragen den Geruch von Diesel, brackigem Wasser und altem Holz“, sagt Schön. „Oder nehmen wir ein altes Plastikkissen, das der Witterung ausgesetzt war. Das hat einen starken Eigengeruch.“

Die Leute haben inzwischen Angst vor Gerüchen

Manchmal wird Schön nostalgisch und sehnt sich nach den Zeiten, als in den Städten noch gearbeitet wurde, als das produzierende Gewerbe noch im Speckgürtel Berlins angesiedelt war. Als ein Hauch von Klebstoff, Farben, der Rauch von Fabrikschlöten in der Luft lag. „Die Kohleöfen vom Prenzlauer Berg, die mochte man fast“, sagt Schön. „Das hatten andere Städte nicht. Das hatte was Heimeliges.“

Heute dagegen, wie rieche Prenzlauer Berg denn heute noch? Mit dem Umzug in die Berliner Vorstadt habe sich das Zentrum in ein neutrales Environment verwandelt. „Damit gehen natürlich auch die Gerüche flöten“, so Schön.

Der Parfümeur glaubt, dass die Menschen inzwischen Angst vor Gerüchen empfinden. „Viele leben hauptsächlich über das Visuelle“, sagt er. Die Umgebung heute sei zu sehr abgesichert. Auf den Eiern im Supermarkt ist das Verfallsdatum aufgedruckt. Wilde Tiere verirren sich nur noch selten in die Stadt.

Die Nase brauche man heute kaum noch. „Man riecht etwas, kann aber nicht damit umgehen“, sagt er. Und je schwerer der Geruch für die Berliner greifbar wird, desto schwerer werde es, ihn nachzustellen.

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