Berliner Luft

Das sind die Herrscher der Berliner Nachtluft

Fledermäuse, Tauben und Mücken sind nur einige Tierarten, die die Berliner Luft bevölkern. Um sie ranken sich Mythen und Vorurteile.

Robert Henning vom Berliner Artenschutz-Team weiß, wie er die Fledermäuse in der Zitadelle Spandau anlocken kann: mit ihrer Lieblingsspeise Banane

Robert Henning vom Berliner Artenschutz-Team weiß, wie er die Fledermäuse in der Zitadelle Spandau anlocken kann: mit ihrer Lieblingsspeise Banane

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Vampire, Graf Dracula, Batman. Teufelsspuk und Schauermärchen. Und seit Ewigkeiten dabei – die Fledermaus als blutsaugender Mythos, als geheimnisvolle Herrscherin der nächtlichen Lüfte, zielsicherer Jäger, zu Hause auf Burgen, Schlössern und – hier, auf der Zitadelle Spandau. „Hallo, ist da jemand?“ Stille. Die Gänge sind leer.

„Wir sind in der Pulverhalle“, sagt Robert Henning vom Berliner Artenschutz-Team e.V., kurz BAT (englisch für Fledermaus), und weiß: Sie kommen wieder. „Dieser Ort liegt an einer Flusskreuzung von Havel und Spree, schon immer ideale Station für Fledermäuse.“ Flüsse sind Orientierungshilfen, zentrale Wanderrouten für die Tiere. Viele legen bis zu 2000 Kilometer zurück zwischen Winter- und Sommerquartier. Die Zitadelle ist größtes Fledermaus-Winterquartier in Mitteleuropas Fledermaus-Hauptstadt Berlin. 17 Arten wurden hier nachgewiesen, fünf davon bleiben im Winter, wie etwa die Zwergfledermaus oder der Große Abendsegler. Die Stadt hat noch 31 weitere Winter-Unterkünfte eingerichtet – in Kellern, Bunkern und Wasserwerken, denn Fledermäuse sind in Mitteleuropa stark bedroht. Sie gehören zur Gruppe der Fledertiere, der einzigen aktiv fliegenden Säugetierart überhaupt.

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Die Wände der Zitadellen-Katakomben sind übersät mit Löchern und Spalten. Dahinter in Hohlräumen: perfekte Verstecke für die geflügelten Untermieter. Etwa 10.000 sollen es schätzungsweise pro Winter sein: vor allem Großes Mausohr, Wasser-, Breitflügel- und Fransenfledermaus. Das BAT-Team, darunter mehrere Biologen, sorgt für die Tierbetreuung, rettet verletzte und gestrandete Fledermäuse aus dem Stadtgebiet, führt Besucher durch die Winterschlafplätze. Manche sind nur von Mai bis Anfang August zugänglich: Durch Lufterwärmung, Lichtreize, Berührung könnten die kopfüber hängenden Tiere aufwachen. Fatal, weil kräftezehrend für diese an sich Wärme liebenden Luftsäuger, die sich an unsere kühlere Breiten durch ihre Fähigkeit zum Winterschlaf angepasst haben. Bei niedrigen Temperaturen und hoher Luftfeuchtigkeit schaltet ihr Körper auf Energiesparmodus, zehrt von sommerlichen Fettreserven: Atmung von ein- bis zweimal pro Minute, Herzfrequenz von 500 auf fünfmal pro Minute herabgesetzt.

Zylinderartige Schächte durchbrechen die Decke der Oberen Feuergalerie. „Typische Junggesellen-Quartiere. Die Mausohr-Männchen warten hier auf die Weibchen.“ Mit der Aufzucht des jeweils einzigen Jungtiers beschäftigt, residieren bis zu 100 Mütter von Juni bis Ende August in einer der Wochenstuben im Stadtgebiet und Umland. Dann werden Paarungsquartiere für den neuen Reproduktionszyklus bezogen. „Unsere Schützlinge sind der Zitadelle treu“, sagt Henning über den angeborenen Rückkehr-Mechanismus. Abgesehen von natürlichen Feinden – Greifvögeln, Katzen, Mardern, Füchsen – schade den Tieren vor allem der Quartiersverlust durch den Menschen. Fledermäuse haben sich an urbane Bauwerke angepasst – in Hohlräumen, hinter Fensterläden, zwischen Dachziegeln, auf Dachböden. Bauherren sollten vor Sanierungs- und Wärmedämmungsarbeiten Fledermausquartiere melden, damit die Behörden in Sachen Quartierserhalt tätig werden.

Schlechter Ruf der Taube

Ornithologe Rainer Altenkamp sieht das ähnlich. Der Vorsitzende des Naturschutzbundes Berlin (Nabu) beklagt die rückläufige Anzahl an Quartieren für Mauersegler und Sperlinge. Ein Sonderfall ist die Straßentaube. Auch diese Art wird in Berlin seltener. Verantwortlich für den Rückgang seien nicht natürliche Feinde, also Greifvögel wie der auch in Berlin lebende Habicht. Vielmehr vertreiben Bau- und Sanierungsmaßnahmen diese Vogelart. Die Straßentaube, in Ruinen, Dachböden und Hohlräumen zu Hause, steht zudem zu Unrecht im schlechten Ruf, durch ihre Ausscheidungen Gebäude zu beschädigen, Krankheiten zu übertragen. Infektiologische Nachweisversuche indes seien gescheitert, und die Diskussion um die Taubenzecke gehe in die falsche Richtung, sagt Altenkamp. „Wir haben in Berlin kein Taubenproblem, sondern eher ein Sanierungsproblem.“ Der im Brutbereich angesiedelte Parasit greife nur dann auf den Menschen zurück, wenn Straßentauben aus versiegelten Dachböden ausgesperrt werden, ohne den Dachboden komplett zu erneuern.

Unumstritten ist die in Baumkronen nistende, größere Ringeltaube mit einer Population von immerhin rund 20.000 Paaren in Berlin. Generell gelte für alle einheimischen Vogelarten der Artenschutz – wie eben für die Fledermäuse auf der Zitadelle. Dort, im Haus 4, ist der Fledermauskeller das Kernstück des BAT-Projekts. Eine Ausstellung vermittelt Biowissen auf Schautafeln und Empfehlungen zur Einrichtung von Quartierhilfen wie Fassadenhohlräumen und Fledermausbrettern.

Ähnlich funktionieren auch die Bruthilfemaßnahmen für bedrohte Vogelarten. Von den Berliner Behörden empfohlen, vom Nabu praktisch umgesetzt: Brutkästen und Nistbretter für Wander- und Turmfalken. So wurden insgesamt 70 Kirch- und Gebäudetürme für Turmfalken hergerichtet, beispielsweise die Gedächtniskirche. Mittlerweile nisten Wanderfalken unter anderem auf den Türmen der Marienkirche in Mitte, des Alten Stadthauses, selbst über dem Eingang des Roten Rathauses.

Für den Vogelschutz könne jeder Berliner etwas tun, so Altenkamp. Er empfiehlt, im Garten „einen Winkel Wildnis, eine Ecke Urwald“ sich selbst zu überlassen – als Lebensraum für Insekten, der Nahrung für Vögel, die vorzugsweise in nicht beschnittenen hohen Büschen und einheimischen Obstbäumen brüten.

Endlich am Schaugehege des Fledermauskellers. Hinter dickem Glas flattern die Dauergäste: 30 Nilflughunde und 110 südamerikanische Brillenblattnasen faszinieren vor allem junge Besucher. Der 37 Jahre alte Diplom-Biologe Henning spickt die Exkursionen mit Wissensbrocken gegen Vorurteile. So gibt es weltweit nur drei Tierblut trinkende Arten – in Südamerika. Oder dem Irrtum, die Tiere würden sich in den Haaren verfangen. „Man sollte sie aber nicht anfassen“, warnt er. Denn sie können Tollwut übertragen. Ungefährlich sind da die Bewohner des Geheges. Henning öffnet behutsam den Zugang. Sofort flattern gefühlte 1000 Flügel um unsere Ohren, ohne zu kollidieren – als Beweis ihrer Echo-Ortungskünste im für Menschen unhörbaren Ultraschallbereich. Trotzdem duckt man sich instinktiv. Ein Stück Banane, ihr Leibgericht, wirkt Wunder: Mehrere Brillenblattnasen beißen im Flug ab, andere krallen sich behutsam an den Fingern fest. Die meisten einheimischen Arten dagegen haben Mücken auf dem Speiseplan. Die Zwergfledermaus etwa schafft pro Nacht 2000 bis 2500 Mücken.

Die spielen eine entscheidende Rolle im Ökosystem Stadt: als Nahrungsquelle für Vögel, räuberische Insekten, Frösche, Reptilien. Selbst Fische fressen ihre Larven. Mückenexpertin Doreen Werner vom Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung e.V. (ZALF) mahnt deshalb: „Werden Mückenpopulationen drastisch dezimiert, folgt eine Störung des ökologischen Gleichgewichts.“ So schrumpfen Singvögel-Populationen, wenn Tümpel und Teiche trockengelegt werden. Denn die stehenden, warmen Gewässer sind sauerstoffarm, nährstoffreich und damit idealer Mücken-Brutplatz. Bis zu 3000 Eier am Stück können Weibchen ablegen. Dafür benötigen sie Blutmahlzeiten. Und von den 28 in Deutschland vorkommenden Mückenfamilien sind nur drei durch ihre blutsaugende Lebensweise bekannt und gelten damit als potenzielle Krankheitsüberträger: 50 Stechmücken-, 50 Kriebelmücken- und immerhin mehr als 300 Gnitzen-Arten.

Schwärmzeit startet Mitte August

Letztere waren es, die der in Deutschland seit dem Verschwinden der Malaria in den 50er-Jahren rückläufigen Mückenforschung aus dem Dornröschenschlaf halfen. 2006 grassierte in Mitteleuropa die Blauzungenkrankheit unter Wiederkäuern. Als Überträger der für den Mittelmeerraum typischen, von einem afrikanischen Virus verursachten Krankheit wurden sogar potienziell mehrere einheimische Gnitzenarten identifiziert.

Doch erst 2012 startete ein deutschlandweites Mücken-Monitoring-Projekt. Das Team um Doreen Werner kümmert sich um Identifizierung und Kartierung der Arten, das Friedrich-Loeffler-Institut auf der Ostsee-Insel Riems um die molekularbiologische und infektiologische Untersuchung. „Für unser Projekt kann jeder Mücken aus seinem Umfeld fangen.“ Für die unversehrt eingereichten Exemplare gibt es im Gegenzug eine schriftliche Information über die Mückenart. „In Berlin sind bisher noch keine von Mücken übertragenen Krankheiten nachgewiesen worden. Und wir konnten noch keine invasiven Arten identifizieren“, so die promovierte Biologin. In anderen Bundesländern schon.

Fledermäuse sind bei Mückenarten nicht wählerisch. Nach Sonnenuntergang sind sie gut zu beobachten, die Jäger von der Zitadelle Spandau – bei ihren atemberaubenden Flügen mit den zackigen Kehrtwenden. Mitte August beginnt die Schwärmzeit. Dann werden sie wiederkommen, die wahren Burgherren. Noch ist es still in Einflugschneise und Gewölben. Die Zitadelle wartet.


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