Ende eines Langzeitdramas

Das ist Berlins teuerste Tramhaltestelle

Die monumentale Betonkonstruktion am Hauptbahnhof kostet 1,5 Millionen Euro. Ende August soll die erste Straßenbahn dort halten.

Die Tramhaltestelle am Hauptbahnhof soll bis August fertig gestellt sein. Dafür gibt es noch einmal erhebliche Verkehrseinschränkungen an der Invalidenstaße

Die Tramhaltestelle am Hauptbahnhof soll bis August fertig gestellt sein. Dafür gibt es noch einmal erhebliche Verkehrseinschränkungen an der Invalidenstaße

Foto: Massimo Rodari

Die meisten Passanten hasten auf dem Weg zum Hauptbahnhof daran vorbei. Einige wenige schauen etwas irritiert hinüber. „Ach, das soll eine Haltestelle für die Straßenbahn werden?“, fragt David Steiner. Der Berlin-Besucher aus Köln vermutete in der monumentalen Betonkonstruktion in der Mitte der Invalidenstraße eher den Rohbau für einen Verkaufspavillon. Doch tatsächlich entsteht da Berlins umstrittenste und teuerste Tramhaltestelle.

Offizielle Angaben zu den Baukosten für das Bauwerk sind auf Anfrage weder bei der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung noch bei den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) zu erfahren. Früheren Angaben aus BVG-Kreisen zufolge liegen sie aber bei rund 1,5 Millionen Euro, andere wollen gar von Gesamtkosten von zwei Millionen Euro wissen. In jedem Fall ist dies ein Vielfaches dessen, was die BVG normalerweise für eine Unterstellmöglichkeit an ihren Bus- oder Tramlinien ausgibt.

Wettbewerb für eine Haltestelle

Doch normal war das Projekt von Anfang an nicht. Auf Wunsch der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung hatte die BVG 2011 einen Architektenwettbewerb ausgelobt. Berlins Senatsbaudirektorin Regula Lüscher soll sich dafür eingesetzt haben, nachdem es zuvor wiederholt Kritik an der einfallslosen Architektur rings um den Berliner Hauptbahnhof gab.

Zu dem konkurrierenden Gutachterverfahren wurden schließlich vier Berliner Architektenbüros eingeladen. Ausgewählt wurde der Entwurf von Gruber + Popp. Vorgegeben war damals übrigens ein Kostenrahmen von 860.000 Euro netto, was einem Bruttopreis von rund einer Million Euro entspricht.

Extravaganter Architekten-Entwurf

Dass es dabei am Ende nicht blieb, hängt vor allem mit den Problemen bei der Umsetzung des extravaganten Entwurfs zusammen. Die Architekten von Gruber + Popp hatten sich zwei geschwungene Betonschalen als Überdachung der beiden Bahnsteige ausgedacht.

Getragen wird die fast 60 Meter lange und bis zu sechs Meter breite Konstruktion aus Sichtbeton von jeweils sechs Stahlstützen. Die Preisrichter lobten die „leichte und kunstvoll filigrane Geste“ des Entwurfs. Sie würde der von Stahl, Glas und Beton dominierten Stadtschwere eine Leichtigkeit gegenüberstellen.

Mehr Zeit zum Aushärten als gedacht

Die bauliche Ausführung gestaltete sich dann aber alles andere als leicht. So durfte das Dach an den Enden nur wenige Zentimeter stark sein – der Spezialbeton dafür brauchte dann auch mehr Zeit zum Aushärten als anfangs gedacht. Also befand sich im Dezember 2014, als die BVG die erste Linie zum Hauptbahnhof verlängerte, die gesamte Haltestelle noch in einer dicken Ausschalung aus Holz.

Für die M5 mussten die Verkehrsbetriebe damals nicht nur ein Provisorium hinter dem eigentlich geplanten Haltepunkt bauen. Damit die Züge an der Verschalung überhaupt vorbeifahren konnten, verlegte die BVG zunächst nur einen Schienenstrang.

Zahlreiche Löcher im Beton

Im Frühjahr diesen Jahres tauchten weitere Probleme auf. Als die Verschalung des Daches abgebaut werden konnte, wies der Beton zahlreiche Löcher auf. Um das Gewicht der „schwebenden“ Dachkonstruktion zu verringern, hatte die Baufirma neuartige Verfahren und Materialien eingesetzt. So ist der Beton mit Styroporkugeln durchmischt. Die BVG sprach von einer nicht ausreichenden Verdichtung des Materials. Eine aufwendige „Betonkosmetik“ war notwendig. Diese soll aber zu keinen weiteren Mehrkosten führen, weil die bauausführende Firma für die Qualität geradestehen muss.

Warum die erst halb fertige Straßenbahnstrecke am 14. Dezember 2014 eröffnet wurde, bleibt für viele Beobachter ein Rätsel. „Nach der Dauerkritik am jahrelangen Baustellenchaos auf der Invalidenstraße wollten BVG und Senat wohl ein Zeichen setzen, dass es vorangeht“, vermutete ein Fahrgastvertreter. So konnte der damals gerade neu ins Amt berufene Verkehrssenator Andreas Geisel (SPD) als erste öffentliche Amtshandlung gleich mal eine Straßenbahnstrecke eröffnen.

Neuer Engpass für Autofahrer

Weitere sollen möglichst folgen, kündigte er damals als ein Credo seiner Arbeit selbstbewusst an. Immerhin: Die Invalidenstraße, über die die Tramstrecke zum Hauptbahnhof führt, konnte von den Autofahrern nach vielen Umbaumonaten wieder durchgängig befahren werden. Damit ist jetzt allerdings erst einmal wieder Schluss.

Denn seit ein paar Tagen steht den Autos auf der Invalidenstraße in Höhe Hauptbahnhof nur noch eine Fahrspur pro Richtung zur Verfügung. Auf der wichtigen Ost-West-Verbindung kommt es dadurch zu langen Staus, wie so oft in den letzten Jahren. Bauleute brechen mit Bohrhämmern das bereits vorhandene Straßenbahngleis aus der Fahrbahn heraus, damit die eigentlich an der Haltestelle geplanten zwei Gleise eingebaut werden können.

Mehr Platz für Baufahrzeuge

„Bisher wurde auch ein Großteil des Baumaterials über die Schiene herangebracht. Weil das Gleis aber jetzt fehlt, brauchen wir mehr Platz auf der Straße für Baufahrzeuge“, sagte BVG-Sprecher Markus Falkner. Das werde auch bis Ende August so bleiben.

Komplett gesperrt ist die Invalidenstraße gar in Höhe Gartenstraße. Dort baut die BVG gerade die Kurve und die weiterführenden Gleise ein, über die die Züge der M8 und M10 über die aktuelle Endstation Nordbahnhof hinaus bis zum Hauptbahnhof fahren können.

Haltestelle für die Metrolinien M5, M8 und M10

Am 28. August wollen der Senat und die Verkehrsbetriebe die fertige Strecke endlich feierlich eröffnen. Tags darauf sollen dann die Bahnen der drei Metrolinien M5, M8 und M10 ganz regulär an der umstrittenen Haltestelle halten. Dies könnte dann der Schlusspunkt unter dem Langzeitdrama mit dem Titel „Straßenbahnanbindung des Hauptbahnhofs“ sein. Diese sollte eigentlich schon 2006 zur Eröffnung des Bahnhofs gebaut sein.

Die gerade einmal 2275 Meter lange Neubautrasse kostet inklusive aller Straßen- und Leitungsarbeiten 70,5 Millionen Euro. Der Anteil für den Straßenbahnbau liege bei 27 Millionen Euro. Diese Budget werde, so betont BVG-Sprecher Falkner, trotz der Probleme mit der Haltestelle auch eingehalten. Die Verkehrsbetriebe rechnen auf dem neuen Streckenabschnitt mit täglich bis zu 20.000 Fahrgästen.