Berliner Luft

Wo sich Berlin anfühlt wie ein Luftkurort

Sie liegen mitten in der Stadt und sind doch nicht überrannt. Wir stellen Parks und Gärten mit der besten Berliner Luft vor.

Der Körnerpark in Nord-Neukölln sieht aus wie ein kleiner Schlosspark. Es gibt zwar kein Schloss, dafür aber eine schöne Orangerie mit Terrasse, Café und Galerie. Für gute Luft sorgen viele Bäume

Der Körnerpark in Nord-Neukölln sieht aus wie ein kleiner Schlosspark. Es gibt zwar kein Schloss, dafür aber eine schöne Orangerie mit Terrasse, Café und Galerie. Für gute Luft sorgen viele Bäume

Foto: Krauthoefer

19 Uhr in der U-Bahnlinie 1 Richtung Schlesisches Tor. Es ist ein Wochentag. Dicht gedrängt sitzen und stehen die Menschen in den Waggons. Auch auf den Bahnhöfen ist es laut und voll. Viele kommen von der Arbeit und wollen nach Hause. Viele andere sind Touristen, auf der Suche nach Stadtabenteuern.

Berlin ist eine Großstadt, es gibt viel Lärm und Gedränge. Menschen hetzen, schlendern, laufen. Sie reden, kaufen ein, arbeiten und essen, überall in der Stadt und fast zu jeder Tageszeit. Eine Großstadt ist ruhelos. Berlin ist ruhelos. Und doch gibt es Orte, an denen es plötzlich ganz anders ist – viel stiller und grüner. Und die Luft ist deutlich besser dort. Man kann durchatmen an diesen Orten, im besten Sinne des Wortes.

Berlin hat viele solcher Areale – große Parks und Gärten, kleine Grünanlagen, Dachterrassen, weiter draußen viel Wald und Wasser. Die meisten dieser Orte sind bekannt und stehen in jedem Touristenführer. Andere gelten fast noch als Geheimtipp. Wir stellen fünf solcher Orte vor, die zwar mitten in der Stadt liegen, aber trotzdem noch nicht überrannt sind. Man kann verschnaufen dort, zur Ruhe kommen, in den Himmel gucken und sich fühlen, als wäre man weit weg gefahren, fort aus der Stadt. Im Urlaub oder auf einer Landpartie. Dabei spielt es keine Rolle, ob man einen ganzen Tag oder nur wenige Stunden Zeit hat, vielleicht sogar nur die Mittagspause, an diesen Orten ist Erholung garantiert. Es sind wahre Luftkurorte mitten in der Stadt.

Körnerpark: Ein Schlosspark ohne Schloss

Am S-Bahnhof Neukölln ist es schmutzig, laut und rau. Fünf Gehminuten und 27 Treppenstufen tiefer aber steht man plötzlich im Grünen. Rosen blühen hier, Taglilien, Flox und Funkien. Ehrenpreis, Frauenmantel und Glockenblumen. Große Bäume spenden Schatten. Ein barockes Bassin gibt der Anlage etwas Vornehmes, sie sieht aus wie ein Schlosspark. Vornehm wirken auch die Geländer aus steinernen Säulen und die großen Kübel, in denen blaue Agapan­thus blühen, Oleander, Wandelröschen und Palmen.

Wir sind im Körnerpark, einer etwa 2,4 Hektar großen Anlage mitten in Nord-Neukölln – einem Ort zum Durchatmen, Schauen und Abschalten. Einem Ort mit Geschichte. Der Park wurde zwischen 1912 bis 1916 im Stil des Neobarocks angelegt. Zuvor befand sich auf dem Areal zwischen Jonasstraße, Schierker Straße, Selkestraße und Wittmannsdorfer Straße eine Kiesgrube. Deren Besitzer Franz Körner übergab das Gelände 1910 der Stadt, allerdings unter einer Bedingung: Der geplante Park sollte seinen Namen tragen. An der westlichen Einfassungsmauer des Parks befindet sich – ähnlich wie in Versailles – die Orangerie. Dort sind das „Zitronencafé“ und eine Galerie untergebracht. Für Musikfreunde gibt es ganzjährig kostenlose Konzertreihen. Einmal im Monat führt der Gärtner des Parks Interessierte durch die Anlage, anschließend wird im Café ein Menü angeboten.

Alter St.-Matthäus-Kirchhof: Grabmahle und Bienenstöcke

Wer sich in kürzester Zeit und ohne großen Aufwand möglichst weit weg beamen möchte aus der Stadt, der sollte einen der ältesten Kirchhöfe Berlins besuchen. Der Alte St.-Matthäus-Kirchhof an der Schöneberger Großgörschenstraße, in unmittelbarer Nähe des S-Bahnhofs Yorckstraße, ist ein magischer Ort. Am 25. März 1856 fand hier die erste Beisetzung statt. 1909 erhielt der Kirchhof seine eigenen Kapelle, erbaut im Stil italienischer Renaissance.

Begraben sind hier viele prominente Persönlichkeiten wie die Sprachwissenschaftler und Publizisten Jacob und Wilhelm Grimm, der Pädagoge Adolf Diesterweg, der Mediziner Rudolf Virchow, um nur einige zu nennen. 1996 wurde der Musiker Rio Reiser auf dem Matthäus-Kirchhof beigesetzt. Sein Grab liegt unmittelbar am Hauptweg der Anlage. Überall stehen Bänke, auf denen man sich ausruhen und über die Menschen und ihre Geschichten nachdenken kann, die auf dem Friedhof begraben sind. Alte Bäume sorgen für ein angenehmes Klima. Seit einigen Jahren stehen sogar etliche Bienenstöcke auf der Anlage.

Der Kirchhof ist im Sommer täglich bis 20 Uhr geöffnet. Am Eingang an der Großgörschenstraße 12 bis 14, im ehemaligen Verwalterhaus, gibt es das Friedhofscafé „Finovo“, ein beliebter Treffpunkt für die Anwohner. Etliche von ihnen haben sich vor einigen Jahren in dem Verein Efeu e. V. zusammengeschlossen. Sie setzen sich für den Erhalt gefährdeter historischer Grabmale ein und organisieren ein Kulturprogramm in der Kapelle des Kirchhofs.

Gleisdreieck: Ein Park für Stadtliebhaber

Der Park am Gleisdreieck ist noch relativ neu, bei den Berlinern aber schon sehr beliebt. Er hat einen sehr urbanen Charakter und liegt auf den ehemaligen Bahnbrachen des Anhalter und Potsdamer Güterbahnhofs am Gleisdreieck. Er erstreckt sich vom Landwehrkanal über die Yorckstraße bis zur Monumentenbrücke.

Die gesamte Anlage besteht aus drei Parkteilen, die zwischen 2011 und 2014 eröffnet worden sind. Es gibt weite Rasenflächen mit Liegewiesen und vereinzelten Baumgruppen, mehrere Wäldchen, lange Holzbänke, Sport- und Spielflächen, breite barrierefreie und asphaltierte Wege für Fußgänger, Radfahrer und Skater, eine Kleingartenkolonie, hier und da historische Relikte aus der Bahnzeit des Geländes.

Sehr besonders sind einige dichte Wildwuchsflächen, die sich aus den alten Gleisanlagen, Signalresten, Gleisgruben und Wassertümpeln heraus entwickelt haben und ein eigenes Biotop bilden. Sie wurden „Gleiswildnis“ getauft und sind teilweise für Besucher nicht zugelassen.

Besonders schön ist es in diesem Park zur blauen Stunde, wenn die Touristen längst fort und auch die Kinder wieder zu Hause sind. Dann ist es besonders ruhig hier und die Hochbahntrasse der U2 sowie das Viadukt der U-Bahnlinie 1, die beide die Anlage kreuzen, kommen so richtig zur Geltung. Das fühlt sich rau an und erinnert fast ein wenig an Parks in New York. Man ist mitten drin in der Stadt und kann trotzdem gut Luft holen.

Schloss Biesdorf: Luftholen im Teehaus

Der Park von Schloss Biesdorf ist für Luftholer und Ruhesucher noch ein Geheimtipp. Die Anlage liegt zwar nicht in der Innenstadt, ist aber mit der S-Bahn problemlos zu erreichen. Vom Ostkreuz aus dauert es gerade einmal eine gute Viertelstunde bis zum S-Bahnhof Biesdorf. Von dort ist man in fünf Minuten im Park.

Der Biesdorfer Schlosspark ist als Denkmal geschützt. Angelegt wurde das vier Hektar große Areal im Jahre 1868. In diesem Jahr ließ der Gutsbesitzer Hans Hermann von Rüxleben auch das Schloss erbauen. 1887 erwarb Werner von Siemens das gesamte Gut. Zwei Jahre später übernahm sein Sohn Wilhelm von Siemens den väterlichen Besitz. Unter seiner Federführung wurde der Park 1891 vom Berliner Stadtgartendirektor Albert Brodersen im englischen Stil angelegt und erweitert.

Das Besondere dieser Anlage ist der Wechsel von großen hellen Wiesenräumen mit dicht bepflanzten Strauch- und Baumhainen und -rondellen. Bis heute sorgt diese Gartenarchitektur für malerische Ausblicke und Blickachsen.

Der Park stellt den ältesten und größten zusammenhängenden Baumbestand in Marzahn dar. Es gibt einen um 1900 entstandenen Fontänenteich und einen Eiskeller mit doppelter Freitreppe. Luftholen kann man auch in dem hölzernen Teepavillon oder im Ruhe- und Lesegarten, in dem zehn große weiße Bänke stehen. Das Schloss Biesdorf wird zurzeit saniert. Wenn alles fertig ist, sollen in den Räumen des Schlosses DDR-Kunstwerke ausgestellt werden.

Volkspark Prenzlauer Berg: Dem Himmel ein Stück näher

Vom unbewaldeten Hang aus, auf dem jetzt Wegwarte, Scharfgarbe und Rainfarn blühen, schaut man über den Rand der Stadt hinaus weit in den Himmel. Oderbruchkippe heißt das Areal im Volksmund, im Stadtplan ist es als Volkspark Prenzlauer Berg eingetragen. Auf dem etwa 29 Hektar großen Areal am östlichen Rand des Bezirks Pankow gab es bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges Ackerflächen und Brachland. Dann wurden dort Kriegstrümmer abgeladen. Zwei Hügel entstanden. Einer davon ist 91 Meter hoch. Er gehört zu den neun höchsten Erhebungen der Stadt.

Mehr als die Hälfte der ehemaligen Kippe ist längst mit Bäumen bewachsen. Pappeln stehen da, Eschen, Ahorn, Robinien und Weiden. Wer hier spazieren geht, fühlt sich deshalb wie auf dem Lande. Nur selten und ganz von fern dringen städtische Geräusche bis in diesen wilden, dichten Wald. Mitten in der Woche ist der Spaziergänger fast allein hier. Er kann sich ins Gras legen, tief Luft holen und in den Himmel schauen. Oder wandern, bergauf und bergab.

Wer mit der Straßenbahn vom S-Bahnhof Landsberger Allee kommt und an der Haltestelle Oderbruchstraße aussteigt, muss 220 Stufen hochsteigen, um das 91 Meter hohe Plateau zu erreichen. Ärgerlich nur, dass die Treppenanlage nicht gepflegt ist und auch der Wald fast vollkommen sich selbst überlassen wird.

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