Berliner Luft

Sport in 2500 Meter Höhe - mitten in Berlin

Ein Berliner Fitnessstudio bietet Training in Höhenluft. Das dient Sportlern zur Leistungssteigerung. Ein Selbstversuch.

Fitness unter Höhenluft, getestet von BM-Redakteurin Christine Eichelmann

Fitness unter Höhenluft, getestet von BM-Redakteurin Christine Eichelmann

Foto: Marion / Marion Hunger

Einen guten Ruf hat sie eigentlich nicht, die dünne Luft. Wer davon spricht, dass für irgendjemanden oder -etwas die Luft dünner wird, sieht Probleme kommen. Diese dünnere, in Wahrheit nur mit weniger Sauerstoffdruck versehene Luft, nimmt mit jedem erreichten Höhenmeter zu.

Um sich auf diese besondere Situation für den Körper einzustellen, trainieren etwa Sportler diese Mehrbelastung für den Körper in Höhenregionen. So wurde etwa im schweizerischen Sankt Moritz vor der Sommerolympiade 1968 in Mexiko ein spezielles Trainingslager eingerichtet, damit sich die Sportler an die dünnere Luft Mexikos gewöhnen konnten. Höhentraining, so die Erfahrung, führt zur Leistungssteigerung. Die Kondition wird gefördert, die Fettverbrennung im Körper angeregt. Wie fühlt es sich an, so ein Höhentraining? Wie schnell bleibt beim Dauerlauf auf knapp unter 2000 Meter über Normalnull wie in Sankt Moritz die Luft weg?

Das wollte ich testen, schließlich kann man so ein Training auch im Märkischen Flachland absolvieren. Im Hoch2, einem Fitnessstudios in der Köpenicker Altstadt, ist der Name Programm. Bei Magnus Liepins und seiner Partnerin Sabine Clausen können Besucher neben dem üblichen Sportprogramm zusätzlich Begleitumstände für ihr Training wählen, für die man ansonsten viele Kilometer zurücklegen müsste. Denn Berlin liegt nur zwischen 34 und 122 Meter über Normalnull.

Gründliche Anamnese

Zunächst sieht bei Hoch2 alles recht normal aus. Das Laufgerät, auf dem ich mich als Freilandjoggerin jetzt betätigen werde, befindet sich in einem kleinen Raum in der ersten Etage. Immerhin. Wirklich Höhe habe ich dadurch aber noch nicht gewonnen, von Hochgebirgslage keine Spur. „Keine Sorge, das macht unsere Anlage ganz von allein“, sagt Magnus Liepins.

Nachdem Liepins meinen Puls gemessen hat, setze ich mich langsam in Bewegung. Ich bekomme ein Messgerät für die Sauerstoffsättigung im Blut, das sich einfach auf den Finger stecken lässt. Für das einmalige Selbsterfahrungstraining wird das reichen. „Wenn jemand regulär zu uns kommt, ist die Anamnese sehr viel gründlicher“, sagt Magnus Liepins. Körperdaten, Fettanteil im Körper, Test der funktionalen Beweglichkeit und der Maximalkraft, Lifestyle-Anamnese, Ernährungsverhalten. „Wir schauen genau, welche Belastung passt, dann fangen wir erst mal mit 60 Prozent dieser Belastung an und steigern sie nach und nach.“

Kopfweh bei 5000 Höhenmetern

Der staatlich geprüfte Sportlehrer mit Zusatzausbildungen im Sport- und Gesundheitstraining zeigt mir auf einem Monitor an der Wand, was sich im Trainingsraum mittlerweile getan hat. Eine stilisierte Berglandschaft ist dort abgebildet, und nachdem die Technik im Hintergrund – unhörbar und zunächst auch nicht spürbar – ihren Dienst getan hat, wird das Erstaunliche offenbar: Die Hypoxieanlage, benannt nach der Mangelversorgung des Gewebes mit Sauerstoff, hat unseren Berliner Trainingsraum auf 2500 Meter Höhe katapultiert. Auf dem Crosstrainer merke ich davon aber zunächst nichts. Vielleicht deshalb, weil ich mit dem Rhythmus beschäftig bin. Immer wieder komme ich auf den Laufpedalen aus dem Tritt. Eine Joggingrunde zu ebener Erde ist halt etwas anderes.

Während ich vor mich hin strampele, kommt mir eine Busfahrt durchs Gebirge in Westchina vor 20 Jahren in den Sinn. Zweieinhalb Tage lang kroch ich gemeinsam mit den zumeist kettenrauchenden chinesischen Mitreisenden der tibetischen Hauptstadt Lhasa entgegen. Ab dem zweiten Tag bewegten wir uns oberhalb von 4000 Metern Höhe. Bei mehr als 5000 Höhenmetern stellte sich unangenehmes Kopfweh ein. Und das in Ruheposition, wenn auch unter zusätzlichem Sauerstoffmangel durch die Zigarettenraucher.

Schwitzen wie beim Joggen

Kopfschmerzen bekomme ich bei dem Training hier nicht. Auch ein leichtes Kribbeln im Kopf, von Liepins als ein Symptom beschrieben, bleibt aus. Dass mir aber die Luft bald knapp wird, merke ich, als Liepins und ich uns nebenher unterhalten. Zehn Minuten habe ich nun auf dem Crosstrainer gearbeitet. Normalerweise bin ich da gerade warm gelaufen. „Ihre Herzfrequenz beträgt 137“, sagt Liepins beiläufig nach kurzem Blick auf den Display meines Gerätes. Herzfrequenz misst man in Herzschlägen pro Minute. Schau an. So sehr war ich auf mögliche Erschöpfungssymptome konzentriert, dass ich die Datenanzeige gar nicht beachtet habe. 137, das sei aber völlig in Ordnung, sagt Liepins. „Die Sauerstoffsättigung“, ergänzt er wenig später, „ist jetzt bei
94 Prozent.“ Vor dem Training lag der Wert bei 98 Prozent.

Ob es daher kommt, dass ich trotz angenehmen Raumklimas unmäßig schwitze? Als ich nach gut 20 Minuten vom Crosstrainer absteige, fühle ich mich zwar nicht erschöpft, habe aber gefühlt so viel Wasser verloren wie sonst bei einer Stunde Joggen. Der Effekt der Höhenluft: die Atmung fällt schwerer, wird schneller und flacher, der Herzschlag beschleunigt sich. Jede Bewegung ist anstrengender. Damit reagiert der Körper darauf, dass er weniger Sauerstoff aufnehmen kann. Zwar ist die chemische Zusammensetzung der Luft immer die gleiche: 78 Prozent Stickstoff und 21 Prozent Sauerstoff enthält das uns umgebende Gasgemisch, der Rest sind Kohlenstoffdioxid und Edelgase. Unter verringertem Druck sinkt aber der Sauerstoffpartialdruck, der Sauerstoffgehalt pro Kubikmeter Atemluft ist in der Höhe geringer als auf Meeresniveau.

Vorbereitung für Wettkämpfe

Im Studio Hoch2 wird dieser Umstand simuliert, indem die Raumluft mit Stickstoff angereichert wird. Automatisch reduziert sich so der Sauerstoffanteil. 14,95 Prozent Sauerstoff bleiben bei simulierten 2500 Metern Höhe zum Atmen. Bei 4000 Metern wären es 12,66 Prozent. Theoretisch, sagt Liepins, könne er jede Höhe simulieren: „Ab 3000 Meter trainiert man bei uns aber auf eigenes Risiko.“ Außerdem werden Höhensportler engmaschig betreut. Denn ein Zuviel an Höhenluft kann auch gefährlich werden. „Wenn die Sauerstoffsättigung 75 Prozent erreicht, sollte man pausieren. Das ist das Zeichen einer absoluten Unterversorgung“, sagt Liepins.

Andere Höhentrainingsstudios arbeiten mit Kompressoren, die den Luftdruck verändern. „Der Vorteil unserer Technik ist, dass es extrem schnell geht. Die Anlage ist in wenigen Minuten hochgefahren.“ Das selbstregulierende System kontrolliere ständig die Luft im Raum. „Wenn Sie schneller atmen, verändert allein das schon den Sauerstoffgehalt“, sagt Magnus Liepins.

Sportler steigern ihre Kondition

Etwa 40 Prozent der Besucher des Fitnessstudios Hoch2 nutzen die Höhenluft. Nicht alle trainieren aber auch im Obergeschoss. „Es gibt Kunden, die setzen sich ungefähr eine halbe Stunde in den Raum, lesen und trinken etwas. Danach absolvieren sie ihr Training ganz normal im Untergeschoss“, sagt Liepins. Ein Effekt zeigt sich trotzdem: „Wir gehen eine Sauerstoffschuld ein, die noch eine gewisse Zeit erhalten bleibt.“ Gute Ergebnisse erziele Sport unter Sauerstoffmangel auch beim Gewichtsmanagement: Wegen des erhöhten Stoffwechsels gehe das schneller, so Liepins. Außerdem wirke Höhenluft als Appetitzügler. Andere wollen ihren Körper vor einer Reise ins Gebirge an die Höhe anpassen. „Wenn jemand in dem Raum übernachten möchte, dann stellen wir ihm auch eine Liege hin“, sagt Liepins.

Zwei Monate dauert in der Regel eine Akklimatisierung an die Höhe. In diesem Sommer trainierte in Köpenick eine Profiboxerin, die ihren Wettkampf in Kolumbien vorbereiten wollte. Bei Eckart Springer war es vor einiger Zeit eine Mountainbike-Fahrt durch die Südtiroler Alpen. „Ich habe schon gemerkt, dass ich fitter war“, sagt der 51-Jährige.

Positive Effekte spüren auch Melanie Haider und Thomas Jauerneck. Die beiden tanzen in der höchsten deutschen Amateurklasse Standard und Lateinamerika. „Ein Turniertanz von eineinhalb bis zwei Minuten entspricht von der Belastung her einem 400-Meter-Lauf“, sagt Jauerneck. Allerdings: Tänzer absolvieren pro Runde fünf dieser Tänze hintereinander. Eine Stunde pro Woche widmet das Paar vor Wettkämpfen dem Höhentraining, „um den Puls hochzufahren und die Leistung zu steigern“. Die Wirkung sei spürbar, sagt Jauerneck. „Auch im Beruf, wo ich merke, dass ich mich besser konzentrieren kann, denkfähiger werde. Ich fühle mich frischer.“

Das ist bei mir zwar nicht spürbar nach dem kurzen Höhentraining. Jedenfalls empfinde ich es nicht stärker als nach Sport allgemein. Gut getan hat es allemal. Dünne Luft, so meine Bilanz, ist wohl zu Unrecht so pauschal in Verruf.


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