Berliner Luft

Mit dem Kran im Himmel über Berlin

| Lesedauer: 7 Minuten
Isabell Jürgens

Kranführer Suleyman Suljovc baut mit am Upper-West-Tower in der City West. Sein Job ist nur etwas für Schwindelfreie.

Der Arbeitstag von Suleyman Suljovc beginnt mit einer schwindelerregenden Kletterpartie. Jeden Morgen kraxelt der 58-Jährige in beachtlicher Geschwindigkeit die rund 160 Stufen im Gittermast des Baukrans zum Führerhaus in 50 Metern Höhe empor – während sich die gesamte Stahlkonstruktion leicht im Wind wiegt.

Wenn der Kranführer oben ankommt, ist er noch nicht einmal außer Atem – und Angstschweiß steht ihm erst recht nicht auf der Stirn. „Für mich ist das schließlich ganz normal, ich mache den Weg mindestens vier Mal täglich“, sagt Suljovc, der als Kranführer auf der Baustelle des Upper-West-Hochhauses den wohl luftigsten Arbeitsplatz in ganz Berlin hat. Den mit der spannendsten Aussicht hat er ohnehin.

Suleyman Suljovcs Kran steht neben dem im Rohbau befindlichen Hochhaus, das einmal knapp 119 Meter messen soll. Doch so weit ist es längst noch nicht. Im November 2012 begann der oberirdische Komplettabbruch des Vorgängerbaus, des Schimmelpfeng-Hauses, das zum Teil bereits für das Nachbarhochhaus, das sogenannte Zoofenster, abgetragen worden war.

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Im Februar 2013 starteten die Aushubarbeiten für die Baugrube. Seit August 2014 geht es nun in die Höhe – seitdem stehen auch die drei Kräne auf der Baustelle. Im März 2015 konnten Passanten erstmals mit eigenen Augen sehen, dass es hinter dem 2,50 Meter hohen Bauzaun voranging – das erste Geschoss war errichtet und lugte über die Bretterwand.

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Mittlerweile sind die rund 100 Bauarbeiter, die sechs Tage die Woche mit der Errichtung des Rohbaus beschäftigt sind, im neunten Obergeschoss angekommen – das entspricht einer Höhe von rund 30 Metern.

Ohne die drei Kräne wäre es auf dem schmalen Baugrundstück direkt am Breitscheidplatz zwischen Kantstraße und Kurfürstendamm gar nicht möglich, den 119-Meter-Turm zu errichten. Das Grundstück in bester City-West-Lage und unmittelbar neben dem Eingang zum U-Bahnhof Kurfürstendamm gelegen ist nur 3355 Quadratmeter groß und gut die Hälfte des Areals wird überbaut. Weil Betonmischer und andere Baufahrzeuge ebenfalls Stellflächen benötigen, gibt es auf der Baustelle kaum Platz zum Lagern von Baumaterialen.

Strategisch gut verteilt sorgen die Kräne dafür, dass die schweren Bauteile nicht lange am Boden bleiben, sondern gleich an der Stelle einschweben, an der sie auch eingebaut werden sollen. An diesem Arbeitstag sind das vor allem 3,5 Tonnen schwere, komplett eingerichtete „Badezimmer“, die Suljovc und seine Kollegen in den beiden anderen Kränen am Haken haben.

Der Kran wächst mit dem Turm

Alle acht Tage bringen Lkw 40 dieser 2,20 mal 1,70 mal 2,50 Meter messenden Fertigbadzellen aus einer Fabrik im fernen Slowenien auf die Baustelle. Am Ende werden etwa 500 dieser Betonklötze verbaut. Nur wenige der insgesamt 582 Zimmer des künftigen Motel-One-Hotels, das die 1. bis 18. Etage im Turm belegen wird, benötigen aufgrund eines anderen Zimmerzuschnitts ein handgefertigtes Badzellen-Format.

Momentan stehen die Kräne noch frei auf ihren drei Meter dicken Bodenplatten. Doch das wird sich bald ändern. Denn mit dem Rohbau wachsen auch die Kräne in den Himmel.

Zwei der drei Kräne auf der Baustelle des Upper West sind sogenannte Drehturmkräne. Diese sind keine fix montierten Türme, sondern bestehen aus einer Vielzahl stählerner Gitterelemente. Geht es mit dem Bauwerk in die Höhe, nimmt der Kran sich ein weiteres Gitterelement an den Haken und hebt es bis zur Unterkante der Kanzel. Hydraulisch wird die Kanzel dann emporgehoben und das neue Mastelement an der frei gewordenen Stelle eingesetzt. Rund eine halbe Stunde dauert dieser Vorgang, an dessen Ende der Kran rund drei Meter an Höhe gewonnen hat. „Im Zuge der Rohbauarbeiten werden die Kräne jeweils zwei Mal ,klettern’ und zwei Mal am Rohbau verankert“, erläutert Michael Walther, technischer Projektleiter der Baufirma Züblin.

Voraussichtlich Ende September, Anfang Oktober werde dies das erste Mal der Fall sein. Die Hakenhöhen betragen dann im höchsten Stand 138, beziehungsweise 149 Meter. Läuft alles wie geplant, wird der Rohbau im März, spätestens im April des kommenden Jahres seine volle Höhe erreicht haben. Dann geht es an den Innenausbau. Die Gesamtfertigstellung des Gebäudes sei für Frühjahr 2017 geplant, verrät Projektleiter Michael Walther. Von seiner Kanzel über der Baustelle hat Kranführer Suljovc nicht nur das Baugeschehen bestens im Blick, sondern auch einen hervorragenden Panoramablick auf den Zoologischen Garten, die Gedächtniskirche, den benachbarten Hotelturm des Waldorf Astoria, den Bahnhof Zoo und die grünen Weiten des Tiergartens. Dazwischen wieseln ameisenklein die Menschen auf dem Breitscheidplatz umher. In der Ferne ist auch der Fernsehturm am Alexanderplatz gut zu sehen. Dazu rauscht nur der Wind um seine Kanzel, nur gelegentlich dringt von Ferne ein Hupen herauf, selbst der geschäftige Baustellenlärm ist nur gedämpft zu hören.

Ein einsamer Arbeitsplatz

Doch für die schöne Aussicht hat Suljovc keine Zeit. „Ich konzentriere mich voll auf die Arbeit, anders geht es nicht“, sagt der Kranführer. Kaum habe er ein Betonfertigteil vom Haken gelassen, wartet unten schon die nächste Last, um nach oben gezogen zu werden. Seit 18 Jahren arbeitet der gebürtige Serbe auf den verschiedensten Baustellen Berlins, war unter anderem bei der Errichtung des Hauptbahnhofs, des Hochhauses Spreedreieck an der Friedrichstraße und am Total-Tower an der Heidestraße dabei. Wackelige Beine und ein nervöses Ziehen im Magen hatte Suljovc nach eigener Aussage nur an den ersten drei Tagen seines luftigen Jobs. „Man gewöhnt sich sehr schnell an die Höhe“, sagt er. Und an den beengten Arbeitsplatz – nur gut anderthalb Quadratmeter Platz bietet seine Kanzel.

Auch die Einsamkeit so hoch oben in der Luft ist für ihn kein Problem. Nur über das Funkgerät kommuniziert Suljovc mit den Kollegen am Boden. Und was da aus dem Sprechgerät kommt, sind oft nicht einmal vollständige Sätze, sondern nur knappe Kommandos: „Höher. 60 Grad. 70 Grad. Langsam.“ Den 58-Jährigen stört das nicht. Im Gegenteil: „Ich mag es, wenn es ruhig ist“, sagt der wortkarge Mann. „Mir fehlt hier oben nichts“, beteuert er. Oft bleibt er sogar in einer seiner beiden halbstündigen Arbeitspausen freiwillig oben in seinem Kran, spart sich die mühsame Kletterei. „Etwas zu essen habe ich immer dabei, außerdem kann ich Radio hören und oder lesen, mir gefällt das so“, sagt Suljovc.

Eine Klimaanlage habe er zwar nicht, aber in der Regel wehe so hoch oben immer ein frischer Wind. Und wenn die Kollegen im Winter in dem eiskalten Rohbau schuften, „sitze ich hier oben ganz gemütlich und habe es mit meiner Heizung mollig warm“.

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