Berliner Luft

Hier erhalten Sie eine Frischluft-Kur für den Kopf

Atemtherapeuten bieten im Volkspark Schöneberg Kurse zum Entspannen an. Das klingt einfacher als es ist. Ein Selbstversuch.

Im Volkspark Schöneberg:Mit Atemtherapie kann man gemeinsam entspannen

Im Volkspark Schöneberg:Mit Atemtherapie kann man gemeinsam entspannen

Foto: Amin Akhtar

Am Anfang bin ich noch im Außen. Meine Gedanken kreisen um den Tag, die kommende Woche, Termine, die anstehen. Derweil hüpft ein Hund an mir vorbei, Vögel zwitschern um die Wette, ein Kinderwagen quietscht, und ich sehe Jogger, die schnaufend ihre Runde laufen. Sonntagmorgen, 11 Uhr, im Volkspark Schöneberg, auf der Wiese am Ententeich, in der frischen Luft:

Die Füße fest auf dem Boden, die Beine hüftbreit auseinander, stehe ich im lockeren Kreis einer Gruppe von fast 50 Menschen. Sie alle sind gekommen, um an der offenen Stunde "Atmen im Park" teilzunehmen, die Berliner Atemtherapeutinnen in diesem Sommer mittlerweile schon zum fünften Mal in der Zeit von Juni bis Ende August 2015 anbieten.

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Eine kostenlose Schnupperstunde, an der ich heute teilnehme. Einfach mal Luft holen – im übertragenen Sinne. Ich will versuchen, meinen Atem zu finden, ihn kommen und gehen zu lassen und zu empfinden, was da gerade abgeht in mir. Das klingt einfach, fällt mir aber erst einmal gar nicht so leicht.

Denn hier geht es darum, dass ich den Atem bewusst erfahre, ohne ihn dabei jedoch durch die Gedanken oder meinen Willen zu steuern. Getreu eines der Leitsätze der internationalen Ikone der Atemtherapie, Ilse Middendorf (1910–2009), die unter anderem den Satz prägte: "Atem ist die absolute Gegenwart."

Dafür mache ich gegenwärtig jetzt erst einmal ganz leichte Dehnübungen der Arme und des Oberkörpers, mit denen Atemtherapeutin Gertrud Kutscher die Stunde im Volkspark Schöneberg beginnt.

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Noch immer etwas angespannt und im eigenen Gedankenkarrussell verhaftet, stehe ich immerhin gut auf dem Boden. Ich versuche, der Anregung von Frau Kutscher zu folgen, die sagt: "Lassen Sie sich vom Boden tragen." Das klingt ungewohnt, geht aber, wie ich mit einem Anflug erster Freude realisiere. Auch bei den sanften Gelenkbewegungen spüre ich, dass mein zunächst etwas unruhiger, ja fast aufgeregter Atem endlich ruhiger wird, ich langsam entspanne und einfach nur noch der Bewegung folge.

Im eigenen Rhythmus

Ich komme in meinem eigenen Rhythmus an und lasse bei der nächsten Übung die Schultern kreisen, ohne dabei noch viel zu denken – und auch der Rest des Körpers macht mit. Erst rechts, dann links. So weit, so gut und so entspannt – bis es mir plötzlich durch den Kopf schießt: Wie soll ich mir das jetzt bloß alles merken? Schließlich will ich ja über diese Stunde offener Atemtherapie im Volkspark Schöneberg schreiben.

Mitschreiben geht aber natürlich nicht, mitmachen bei gleichzeitiger Konzentration auf das Festhalten und Erinnern des eben Erlebten genausowenig. Denn Festhalten passt ganz und gar nicht zu dem, um das es hier geht. Ganz im Gegenteil. Deshalb schalte ich jetzt ganz bewusst ab. Und gönne meinem Kopf eine Atem-Pause. Ich merke, dass mein Gedankenkarussell langsam verebbt und irgendwann stoppt.

Der Atem als Geschenk

So bleibt es auch im zweiten Teil dieser Stunde, den Atemtherapeutin Regina Sattelmayer anleitet und bei dem wir uns unter anderem mit einigen Gehübungen Raum auf der Wiese im Park erobern.

"Lassen Sie durch das Nasentor die laue Luft einströmen", sagt die 56 Jahre alte Therapeutin. Der Atem, der kommt, sei ein Geschenk, betont Regina Sattelmayer und verabschiedet uns mit diesem wohltuenden Gedanken in den Sonntag, als die berühmte Glocke am Rathaus Schöneberg 12 Uhr schlägt.

Was ich in der kurzweiligen Stunde zuvor alles genau gemacht habe, weiß ich nach meiner Entscheidung zur Atem-Pause hinterher nicht mehr im Detail. Eins aber ist klar: Nach dieser Stunde fühle ich mich ruhiger, gelassener, entspannter und dadurch auch wohler als zuvor. Die Schnupperstunde zeigt Wirkung. Was ist passiert? "Den eigenen Atem zu erfahren, hilft, in der Gegenwart zu sein und sich zu sammeln, das lockert und entspannt", erläutert Gertrud Kutscher.

Atemtherapie hält jung

Sie spüre auch noch immer "das Aha-Erlebnis, dass nach der Atemtherapie das körperliche Wohlbefinden steigt", sagt Kutscher. So sei die Atemtherapie als positive Unterstützung auch hilfreich bei zahlreichen Krankheiten wie Asthma, aber auch bei Gelenkerkrankungen. Gerade Letztere beruhen oft darauf, so Kutscher, dass "wir heutzutage im Stress des Alltags oft festhalten, anspannen."

Übungen zum Entspannen wie auch die Atemtherapie seien, beteuern beide Therapeutinnen, ohne großen Aufwand möglich. "Schon tägliche einfache Übungen können bereits Entlastungen im Alltag bringen", sagt Gertrud Kutscher.

Dabei scheint Kutscher selbst wie eine Art leibhaftiger Beleg der positiven Wirkung von Atemtherapie. Denn wie die gerade 63 Jahre alt gewordene Therapeutin über ihre Arbeit spricht, offenbart mehr als die Freude an ihrem Tun. Frau Kutscher strahlt und wirkt äußerst frisch und lebendig. Darauf direkt angesprochen, lacht sie und nickt. "Ja, Atemtherapie hält jung", sagt Kutscher.

Leitsätze von Middendorf

Die Lehre der auch noch nach ihrem Tod als Grande Dame der Atemtherapie international bekannten Ilse Middendorf hat Kutscher und Sattelmayer nachhaltig beeindruckt. "Ich lasse meinen Atem kommen, ich lasse ihn gehen und warte, bis er von alleine wiederkommt" – dies ist für die beiden einer der essenziellen Leitsätze Middendorfs. Ihr 100. Geburtstag war denn auch Anlass für Kutscher, mit einigen anderen Kolleginen vor fünf Jahren die Aktion "Atmen im Park" zu initiieren.

Auch am nächsten Sonntag können Interessierte wieder am Volkspark in Schöneberg und am Volkspark Friedrichshain an der Schnupperstunde teilnehmen (siehe Infokasten). Ich kann es jedem nur empfehlen und sage: Gönnen Sie sich mal eine Atem-Pause!

Schnupperstunden und Aktionstag

Atmen im Park: Noch bis 30. August 2015 bieten Berliner Atemtherapeutinnen sonntags kostenlose Schnupperstunden an. Im Volkspark Schöneberg(Wiese am Ententeich) und im Volkspark Friedrichshain (Wiese hinter dem Märchenbrunnen) beginnen die Einführungen jeweils um 11 Uhr und dauern eine Stunde.

Aktionstag: Am Sonntag, 30. August 2015, bieten drei Praxen (in Friedenau, Schöneberg und Kreuzberg) zudem von 11 bis 15 Uhr die Möglichkeit einzelne Aspekte der Atemtherapie in Workshops kennenzulernen. Themen sind beispielsweise "Atem und Lampenfieber" oder "Loslassen - wie geht das und wie hängt es mit Atmen zusammen". Die Therapeutinnen stehen zudem für Gespräche und Fragen zur Verfügung.

Informationen: Weitere Hinweise wie die Adressen der drei Praxen, über die Therapeutinnen, díe öffentlichen Schnupperkurse oder auch den Aktionstag "Berlin atmet" finden Sie online auf der Homepage www.berlin-atmet.de

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