Berliner Luft

Im Grunewald ist die Berliner Luft am saubersten

Die beste Luft Berlins gibt es laut offiziellen Messwerten im Südwesten. Kein Wunder, sagen Spaziergänger wie Wissenschaftler.

Forstbeamter Hans Lippert wohnt im Grunewald. Dass hier die Luft besonders gut ist, wusste er bereits aus eigener Erfahrung

Forstbeamter Hans Lippert wohnt im Grunewald. Dass hier die Luft besonders gut ist, wusste er bereits aus eigener Erfahrung

Foto: Marion Hunger

An dieser Quelle läuft kaum jemand vorbei. Leise und beständig plätschert das Wasser in die hölzerne Tränke, an der sich weniger Tiere, dafür aber fast jeder vorbeikommende Spaziergänger, Fahrradfahrer oder Jogger erfrischt.

Und das sind nicht wenige. Selbst an normalen Wochentagen bleibt man auf den Wegen rund um die Saubucht im Grunewald kaum fünf Minuten ohne Begegnung. Viele Millionen Waldbesucher kommen jedes Jahr in den 3200 Hektar großen Forst, sie suchen Erholung von der Hektik der Metropole, Ruhe vor dem Verkehr, Entspannung für die Seele. Einmal tief Luft holen.

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„Es macht einen Unterschied, ob wir hier laufen oder in der Stadt“, sagt Gregor Brandt. Der Zehlendorfer joggt regelmäßig mit seinen Laufkameraden vom Mommsenstadtion aus Richtung Havel, vorbei an der Wasserstation am Alten Forsthaus Saubucht. „Hier kann man richtig durchatmen“, sagt auch Karin Susewind, die mit ihrem Mann Teja wenige 100 Meter zum Grunewaldturm unterwegs ist.

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Wie Recht die Steglitzerin hat, lässt sich wissenschaftlich belegen: Im Grunewald, zwischen dem ehemaligen Munitionsdepot der Alliierten und dem Dahlemer Feld, ganz exakt bei 52 Grad 28 Minuten Nord und 13 Grad 13 Minuten Ost, misst das Luftgüte-Messnetz „Blume“ der Senatsumweltverwaltung die besten Werte im ganzen Land Berlin.

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Der graue Kasten mit den Messcomputern steht versteckt im Wald, in jenem Planquadrat, das die Förster „Jagen 91“ nennen. Zwölf Mikrogramm Feinstaub pro Kubikmeter wurden dort am vergangenen Dienstag gemessen. Am höchsten war der Wert am selben Tag am Mariendorfer Damm, hier waren es 26 Mikrogramm Feinstaub.

Ähnliches ist es beim Ruß: 0,6 Mikrogramm waren es im Grunewald, am Mariendorfer Damm 3,5. Nur beim Abgasprodukt Stickstoffdioxid lagen Marienfelde mit sieben Mikrogramm und Buch mit neun Mikrogramm niedriger als der Grunewald, der auf einen Wert von zehn Mikrogramm kam. Die Silbersteinstraße in Neukölln erreichte 98 Mikrogramm.

Hier ist es kühler

Ja, den Container habe sie gesehen, sagt Spaziergängerin Karin Susewind. „Ich wusste aber nicht, was das ist.“ Dass Berlins Luft nirgendwo so gut ist wie gerade hier, überrascht sie nicht: „Das hätte ich mir gedacht, man riecht es auch, dieser moosige Duft.“

Der Geruch ist es auch, der der Zehlendorfer Imkerin am Alten Forsthaus sofort einfällt, das Aroma feuchten Holzes. „Außerdem ist es kühler“, sagt sie. Reine Emotion sind diese Sinneserfahrungen nicht. Die Begleiterscheinungen des Waldklimas taugen durchaus als Indikatoren für bessere Luft, sagt Wilfried Endlicher, Professor für Klimatologie und Vegetationsgeografie an der Humboldt-Universität.

Luftfeuchtigkeit ist höher

„Der Wald“, sagt Endlicher, „funktioniert anders herum als unsere Lunge. Wir verbrauchen Sauerstoff und produzieren Kohlendioxid, die Photosynthese macht es umgekehrt. Aber Wald als Ökosystem ist komplex. Er spendet Schatten, filtert Feinstaub, bremst Winde, reduziert die Wärmebelastung.“ Und: „Die Luftfeuchtigkeit ist höher, die Transpiration der Nadelbäume kann man riechen. Im Frühjahr, ohne Laub, lässt er die Sonne dagegen durch.“ In der Summe sorge Wald für ein ausgeglichenes Klima, so Endlicher: „Und das empfinden wir als angenehm.“

Und doch: Auch im Grunewald, vom Bund Deutscher Forstleute zum „Waldgebiet des Jahres 2015“ gekürt, ist nicht alles eitel Sonnenschein. „Gerade dort, wo die Senatsverwaltung die beste Luft misst, haben wir zugleich die höchsten Belastungen“, sagt Elmar Kilz, Leiter des Forstamtes Grunewald. Neben dem „Blume“-Messcontainer steht im Jagen 91 eine Messstation der Forstlichen Umweltkontrolle, die laut Kilz in heißen Sommern die höchsten Ozonwerte misst. Kein Wunder, so Endlicher: Die Bildung des Reizgases Ozon, das Menschen mit Atemproblemen zu schaffen macht und zu Sommersmog führt, braucht Sonne, Wärme und wird durch Stickoxide aus Autoabgasen begünstigt.

Nachteilig ist die Zahl der Kiefern

Während es in der Innenstadt entsteht und dort auch tagsüber Probleme bereitet, sorgen dieselben Verkehrsabgase des nachts, ohne Sonneneinstrahlung, aber wiederum für den Ozonabbau. „Im Wald, wohin das Ozon geweht wird, ist aber kein Verkehr, die Ozonwerte bleiben nachts hoch“, sagt Endlicher.

Zum Nachteil gereicht dem Grunewald dabei, dass er nach dem Kahlschlag in Folge des Krieges vor allem mit Kiefern aufgeforstet wurde. „Ozonmoleküle passen in Eichenblätter, aber nicht in die Nadeln der Kiefer“, sagt Chef-Förster Kilz. Dafür allerdings trägt der Nadelbaumbestand – 55 Prozent des Forstes stellen Kiefern, nur 21 Prozent Eichen – im Winter zur Luftverbesserung bei. „Alle Bäume filtern Schadstoffe“, sagt Kilz. Laubbäume seien im Sommer dabei zwar effektiver, verlören aber im Herbst das Blattwerk.

Autos schaffen nicht, gegen Wald anzustinken

Hans Lippert, Forstwirtschaftsmeister im Ruhestand, erinnert sich noch gut, wie „wir nach dem Krieg wie verrückt Kiefern gepflanzt haben, ich allein weit über eine Million Bäume“. Seit 22 Jahren bewohnt Lippert das Alte Forsthaus Saubucht. Nein, einsam sei ihm hier im Wald nicht. Bei schönem Wetter sei er so viel wie möglich draußen, „und bei schlechtem Wetter auch“. Dass vielleicht niemand in Berlin in so guter Luft lebt wie er, „das wusste ich aus Erfahrung“, sagt der 77-Jährige schlicht.

Dabei ist die Avus ziemlich nah. Lippert: „Das schaffen die Autos aber nicht, gegen den Wald anzustinken.“ Luftverschmutzung, so der Klimatologe Endlicher, bleibe im bebauten Gebiet nahe der Straße. „An der Avus wird die Luft stärker verwirbelt und schnell weggetragen, das beeinflusst die Messstation im Wald nicht.“ Andersherum wirkten Parks und kleinteiliges Stadtgrün innerhalb Berlins mit ihren positiven klimatologischen Effekten rund 300 Meter in die Umgebung. Stadtentwicklungspolitik, so Endlicher, müsse daraus Konsequenzen ziehen. Gerade in Phasen verstärkten Bauens: „Wir müssen nicht jede Lücke erhalten“, so der Wissenschaftler. „Aber wir dürfen auch nicht jede Lücke zubauen.“

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