Berliner Spaziergang

Hans Georg Näder - Der Künstler unter den Managern

Wir treffen Menschen, die etwas für Berlin bewegen. Diesmal: Hans Georg Näder, Berliner Unternehmer und Manager.

Hans Georg Näder an der Bötzow Brauerei

Hans Georg Näder an der Bötzow Brauerei

Foto: Reto Klar

Eine schöne, junge Frau deutet den Weg zu Hans Georg Näder. Sie trägt ein kurzes, schwarzes Kleid und ihr braunes Haar fällt über ihre Schultern. Sie empfängt die Gäste der Galerie Kicken in der Linienstraße. In einem länglichen und irgendwie gebogenen Raum sitzen neben Näder zwei weitere Menschen am Tisch.

Die Galeristin Annette Kicken und Näders Mitarbeiter Uli Maier. Sie trinken Cappuccino, und auf einer Etagere liegen kleine Franzbrötchen und Croissants. Die weißen Wände schmücken Fotografien von Helmut Newton. Porträts von schönen, starken Frauen, die selbstbewusst ihre blanken Brüste herzeigen. Näder mag diesen Laden. Das elegante, intellektuelle Interieur, die Bilder und die Galeristin. Sinnbildlich, so viel ist klar, soll diese Galerie für ihn stehen.

Näder spricht über seine Art zu sammeln. Seine Stimme ist tief und nicht besonders laut. Man muss schon genau zuhören. Er besitzt 142 Newtons. Während jetzt die Galeristin redet, holt er ein weißes Notizbuch aus seiner Tasche. Auf den Buchrücken sind seine Initialen gedruckt, in Orange. „HGN“ – so nennen ihn auch seine Mitarbeiter.

Näder, sagt die Galeristin, kaufe, was ihm gefalle, da folge er nicht dem Rat eines Kurators. Näder hört sich das an. Dann sagt er: „Das ist ein immerwährendes Missverständnis zwischen Intellektuellen und normalen Menschen. Die einen sind der Meinung, zu wissen, wie es geht, und die Normalen haben den Luxus der Normalität und vielleicht auch mehr Spaß.“ Ein kleine Unverschämtheit und ein kurzer Flirt. Die Galeristin hält ihm kokett die sich bewegenden Finger ihrer rechten Hand entgegen und fordert: „Say stop!“ Trotz seiner Beratungsresistenz oder gerade ihretwegen sei Näders Sammlung einmalig in Deutschland. „Wie ein bunter Strauß schöner Blumen.“

Bisky und Rauch

Näder besitzt 1200 Kunstwerke, darunter auch Großformate von Norbert Bisky und Neo Rauch. Später auf diesem Spaziergang wird er sagen: „Neo Rauch ist für mich noch vor Ernst Ludwig Kirchner der deutsche Picasso.“

Auffällig an Näders Äußerem ist seine schwarze Brille, im Stil einer 60er-Jahre- RayBan, sein weiß-blauer Schal aus Baumwolle und diese Tüte. Er trägt keine Aktentasche und keinen Louis-Vuitton-Lederbeutel. In der gelben, festen Plastiktüte einer Fromagerie aus Saint-Tropez verstaut er seine Sachen. Im Grunde sieht er selbst aus wie ein Galerist. Aber einer mit einer Plastiktüte.

So ist bei der Beantwortung der Frage – wie ein Mensch also lebt und denkt, der keine finanziellen Sorgen hat, der das für die Prothesenherstellung bekannte Unternehmen Otto Bock in nun dritter Generation weiterführt und dessen Umsatz und Größe unter seiner Regie bisher verachtfacht wurde – schon einmal festzuhalten: So einfach wird das nicht.

Am Tag vor dem Treffen schlug Näder per E-Mail einen neuen Treffpunkt vor. Da war es Sonntagmittag, er war noch auf Ibiza bei Freunden. Als keine Antwort kommt, schreibt er um 21 Uhr eine SMS aus dem Berliner Olympiastadion, da ist er auf dem Helene-Fischer-Konzert. Dabei ist er Rolling-Stones-Fan. Zwei Stunden später klappt der Dialog endlich und der Treffpunkt am nächsten Morgen ist fix. Was ist das Besondere? Näder hat Sprecher, Eventmanager, Assistenten und 8000 Mitarbeiter, die ihm eine solche Kommunikation abnehmen könnten. Doch er macht das selbst. Ist das unprätentiös, hemdsärmelig oder passt dieses „die Dinge selbst in die Hand zu nehmen“ doch eher zu jemandem, der gern kontrolliert?

Bevor wir die Galerie verlassen, soll ich mir noch den Keller anschauen. Ein Vorwand der Galeristin, Näder nach unten zu kriegen. Dort hängen drei Bilder, die ihr Kunde mögen wird. Es sind Bilder von Karl Blossfeldt und Peter Keetman. An letzterem bleibt Näder hängen. Es ist der hintere Kotflügel irgendeines VW-Wagens aus den 50er-Jahren, doch so nah fotografiert, dass das Ganze dem weiblichen Geschlecht ähnelt. Näder macht ein Handyfoto. Die Galeristin betont noch einmal, dass seine Sammlung „total authentisch und persönlich“ sei. Und Näder, von dem man dachte, er habe nicht zugehört, sagt: „Bei mir ist alles subjektiv.“

Hier muss man mal kurz innehalten: „... alles subjektiv.“ Er leitet ein millionenschweres Traditionsunternehmen mit dem Anspruch auf Weltmarktführerschaft. Man würde von so einem Logik und Objektivität erwarten. Vergleicht man seine Kunstsammlung mit der Firmengruppe, findet man auch hier Ähnlichkeiten: in der Vielfalt. Es gibt die Otto Health GmbH, das Prothesenkerngeschäft, die Otto Bock Kunststoff Holding, eine Kommunikationstechnologiesparte namens Sycor, die Firma Technogel für Einlegesohlen und das Schiffsbauunternehmen Baltic Yachts, den HGN Incubator und das Näder Family Office. Dahinter verbergen sich die Immobilien, Aktien, die Kunst und andere Geschäftszweige. Und er ist der Chef von „diesem bunten Blumenstrauß“. Was er mache, wenn eine Unternehmung nicht laufe? „Dann trenne ich mich wieder. Nach einer gewissen Zeit.“ Also doch nicht nur subjektiv. Zumindest beim Geschäft.

Draußen auf der Linienstraße brennt die Sonne. Näder geht zügig, aber wenn man sein Tempo erhöhen müsste, bei Straßenüberquerungen zum Beispiel, macht er das nicht mit. Wir gehen durch einen Hinterhof auf die Torstraße und werfen Schatten. Er erzählt von einem Bild von Man Ray, darauf sieht man einen Schatten eines Rollos auf einem Frauenkörper: „Genial“ findet er das, das Foto besitzt er natürlich auch.

Angefangen habe das mit der Kunst bei ihm in den 80er-Jahren in New York. Damals habe er Polaroids von Andy Warhol gekauft. Dass die Bilder mal viel mehr wert sein würden, damit habe er nicht gerechnet. Das sagt er, und ich will es ihm nicht glauben. „Die Kunst ist eine Sucht. Wie Schokoriegel für Kinder.“ Und weil 1200 Werke ziemlich viel sind, hat er in Duderstadt eine Kunsthalle gebaut, in der ein Teil der Werke ausgestellt ist. Und weil er auch noch einen gesellschaftlichen Auftrag hat, ist der Eintritt frei.

Das ist wohl das Näder-Prinzip: Er macht, was ihm gefällt. Und meist ist damit ein gutes Geschäft verbunden. Nicht unmittelbar, aber irgendwann. Er liebt Kuba. Also hat er in Havanna ein Designhotel eröffnet, weil er eben auch Hotels mag. Oder er will zu seinem 50. Geburtstag ein SOS-Kinderdorf in Deutschland bauen, und weil das nur im Ausland möglich wäre, kooperiert er mit Peter Maffay und seiner Tabaluga-Stiftung und finanziert drei Häuser.

Maffay sei sein Kumpel, er habe ihn auf einem Konzert kennengelernt. Im vergangenen Jahr waren sie zusammen in Näders Haus in Uruguay und sind mit dem Motorrad unterwegs gewesen. Und weil er schon seit seiner Kindheit segelt, gehört ihm auch ein Schiffsbauunternehmen. Wie das alles zu ihm komme? „Vieles im Leben geschieht per Zufall“, sagt er, „aber Zufälle gibt es wiederum nicht. Man muss nicht an Kismet glauben, aber irgendetwas muss in uns drin sein, das unser Leben vorbestimmt.“

Näder zeigt auf ein Restaurant, das „3 minutes“, ganz wunderbar sei das, da gehe er oft hin. Es ist ein typisches, kleines Mitte-Restaurant. Etwas weiter die Torstraße hinauf bleibt er begeistert vor dem „Waschsalon“ stehen: „Ein super Laden ist das. Die Konzerte, einmalig.“ Die Torstraße ist laut, und an ihr zeige sich das Unfertige Berlins. Das, was die Stadt unterscheide von den anderen Metropolen. Schon als die Mauer noch stand, sei er zum Feiern nach Berlin gekommen, „damals war Berlin auch schon supersexy“. Als Student sei er sogar mal im Club von Rolf Eden gelandet und hätte es nicht glauben können. „Dieser alte Typ mit den vielen schönen Frauen.“ Näder grinst, damals habe er ja noch nicht viel von der Welt gekannt.

Nach dem Mauerfall ist er mit seinem Vater nach Königssee in Thüringen gefahren, um das Stammhaus der Firma von der Treuhand zurückzukaufen. „Wir haben nicht auf Rückgabe geklagt wie viele andere. Denn unser Familienleitsatz war schon immer: Nicht mäkeln, sondern machen.“

Nach dem Zweiten Weltkrieg bauten Näders Eltern die Firma in Duderstadt wieder auf und ließen Königssee hinter sich. Man hört das Niedersächsische in der Art, wie er die Wörter betont. Das „E“ schon mal ein „A“ wird und sich zum „I“ in Kirche schon mal ein leichtes „A“ gesellt. Näders Heimat ist immer noch Duderstadt, auch wenn er 200 Tage im Jahr unterwegs ist. Mit dem Privatjet, dem eigenen Helikopter oder den Atlantik besegelt mit der Jacht „Pink Gin“. Von außen betrachtet klingt sein Leben wie ein Jetsetter-Märchen. Aber im Lied der Niedersachsen heißt es, sie seien „sturmfest und erdverwachsen“.

Zu seinem 25-jährigen CEO-Jubiläum hat er eine Party gefeiert. Aber nicht mit Kunden und seinen Führungskräften bei „Steak, Mojito und Zigarren“, wie er sagt, sondern mit 300 Flüchtlingen aus Duderstadt. Denn auch seine Eltern sind nach dem Zweiten Weltkrieg als Flüchtlinge nach Duderstadt gekommen und hätten dort die Chance bekommen.

In Deutschland ist Berlin nun seine zweite Heimat. Auf Initiative der Mutter ist das Otto Bock Science Center am Potsdamer Platz entstanden. In dem weißen Haus mit der geschwungenen Fassade hat Näder ein Büro. Ein zweites, ein privateres, befindet sich im Beisheim-Center, wo er auch mal nach einer Berliner Nacht auf dem Sofa schläft, wenn er es nicht mehr in sein Haus nach Caputh am Schwielowsee geschafft hat.

Im Soho-House

Wir biegen in die Prenzlauer Allee. Er bleibt vor dem Soho-House stehen. Wir müssen reingehen. Vor einer Wand steht eine weiße, zwei Meter hohe Box. „Hinter der Box“, sagt er, „ist ein von Damien Hirst gemalter Hai.“ Das Ding sei Millionen wert. Jetzt sieht man nur die Schnauze, mehr nicht.

Die Prenzlauer Allee wird zum leichten Anstieg. Wir gehen langsam, und er blickt abfällig zurück. „Das Soho-House ist eigentlich schuld daran, dass ich die Bötzow-Brauerei gekauft habe.“ Vielmehr ein Barkeeper, der im Soho-House, obwohl er Deutscher gewesen sei und Näder ja auch, ständig mit ihm Englisch gesprochen habe. „Das fand ich so affig“, sagt Näder. Er sei dann sofort raus. Ein paar Meter weiter hochgelaufen, auf dem Bötzow-Gelände gelandet. Am nächsten Tag hätte er rausgefunden, dass das Gelände der Metro gehört. Eigentlich sollte dort ein Einkaufszentrum entstehen. Ziemlich bald „saß ich Leuten gegenüber, denen es nur ums Geld geht“.

In der Galerie wollte ich ihn schon fragen, wie es ist, wenn die meisten Menschen ein Geschäft mit ihm machen wollen. Er habe sich daran gewöhnt, sagt er, und er finde es auch nicht schlimm. Schlimm findet er arrogante Manager. Noch schlimmer langweilige Manager. Diese ganze Klasse, die man werktags auf den Flughäfen von München und Frankfurt treffe. „Alle tragen Hugo-Boss-Anzüge. Und wenn sie dann auch noch diese Rucksäcke aufhaben. Das ist übel.“

Wir stehen inmitten des Bötzow-Geländes: Ein ausgebrannter Bus ragt in die Höhe. Es ist eine Skulptur von Norbert Bisky, ein Teil, der hier gezeigten Ausstellung „Balagan“. Eine Auftragsarbeit. Im klassischen Sinn ist Näder nun auch noch Mäzen.

Links von uns befindet sich ein Bau, in dem Otto Bock mit einem Start-up-Unternehmen kooperiert, den Machern des Fab Lab Berlin. Näder zeigt sein drittes Büro in Berlin. Einen silbernen Campingwagen, der auf dem Gelände steht. Eine Angestellte bringt uns nach einem kurzen Wink des Chefs Kaffee. Wer wird sein Nachfolger werden? „Der Beste meiner 8000 Mitarbeiter. Oder eine von meinen zwei Töchtern, aber die müssen sich auch beweisen.“ In der Kunst hat er den neuen Picasso schon gefunden, in seinem Unternehmen sucht er noch.

Und wie sieht es mit seinem Privatleben aus? Bei all den Aktivitäten? „Ich mache es kurz. Ich habe zwei Töchter von zwei Ex-Ehefrauen. Und habe heute nur noch gute Freundinnen.“ Die Ehe funktioniere für ihn nicht mehr. Er würde ein Leben im Hochgeschwindigkeitszug führen und abends darüber Bericht zu erstatten, das ginge nicht, er sei einfach oft nur noch „auskommuniziert“. Und in den einsamen Momenten? Er erzählt von seiner kubanischen Freundin. Einer Sängerin. Die CD ist in Näders Musikverlag erschienen. Klassischer Kuba-Sound, sommerlich und leicht.

Zwei Tage später, ich habe noch eine Frage. Er antwortet wie immer sofort per SMS. Er sei gerade in Griechenland und was hier passiere, sei schrecklich.

Drei Tage später, er sitzt in seinem Büro im Beisheim-Center und wälzt Wirtschaftsakten. Ich frage ihn, wo er am Sonntag sein wird. Seine Antwort: „Berlin auf dem Weg nach Habvana via Ibiza“.