Schwimmbad

700 Kinder sitzen bald auf dem Trockenen

Weil die Sanierung dem Bezirk zu teuer ist, soll das Bad einer Inklusionsschule in Westend schließen. Dagegen laufen die Eltern Sturm.

Jürgen Hügli, Leiter der Schwimmschule, zusammen mit Kindern.

Jürgen Hügli, Leiter der Schwimmschule, zusammen mit Kindern.

Foto: David Heerde

Jedes vierte Kind in Berlin kann nicht schwimmen, in manchen Bezirken ist der Anteil sogar noch höher. Neukölln startet daher jetzt ein Projekt, bei dem Kinder schon in der zweiten Klasse ans Wasser gewöhnt werden. In Charlottenburg ist nun eine gegenläufige Entwicklung zu beobachten. Dort soll Ende Juli ein Schwimmbad geschlossen werden, in dem zurzeit etwa 700 Kinder, überwiegend im Vorschul- und Grundschulalter, Schwimmen lernen. Die Sanierungskosten beziffert das Bezirksamt mit 750.000 Euro, das Geld steht aber nicht zur Verfügung.

Das Bad befindet sich in der Reinfelder-Schule in Westend. Es ist ein Therapiebad von acht mal zwölf Metern, dessen Boden von 30 auf 170 Zentimeter abgesenkt werden kann, die Wassertemperatur liegt bei warmen 32 Grad. Am Vormittag wird das Bad von den Erst- und Zweitklässlern der Reinfelder-Schule und den Kindern der benachbarten Ernst-Adolf-Eschke-Schule genutzt. Beide Schulen haben den Förderschwerpunkt Hören und Sprache und unterrichten viele hörgeschädigte Mädchen und Jungen.

Inklusion wird zum Boomerang

Eine frühzeitige Wassergewöhnung ist für diese Kinder sehr wichtig, weil gerade Menschen mit Hörschädigungen empfindlich auf große Lautstärke und Menschenansammlungen reagieren. In Zukunft soll es dieses Angebot aber nicht mehr geben, sondern die Kinder werden dann in der dritten Klasse mit dem Schwimmunterricht im Bad an der Krummen Straße beginnen.

Der Vorstand der Gesamtelternvertreter der Reinfelder-Schule, Frank Hätscher, glaubt aber nicht, dass das funktionieren wird: „Werden diese Kinder nicht schon in der ersten und zweiten Klasse vorsichtig an das Wasser herangeführt, haben sie keine Chance, in der dritten Klasse in einem großen Bad wie dem an der Krummen Straße Schwimmen zu lernen. Die Inklusion wird hier zum Boomerang.“ Denn einerseits würde zwar gefordert, Kinder mit besonderem Förderbedarf in Regelklassen zu integrieren, gleichzeitig seien hier aber die notwendigen Voraussetzungen für eine erfolgreiche Inklusion nicht gegeben.

120 Schüler nutzen das Bad derzeit am Vormittag, 85 davon haben einen entsprechenden Förderbedarf. Am Nachmittag ist das Bad von der Schwimmschule Fabius belegt. Der Betreiber Jürgen Hügli gibt hier seit 18 Jahren Kindern ab vier Jahren Schwimmunterricht. Mit etwa 600 Kindern pro Woche ist die private Schwimmschule einer der größten Anbieter in Berlin. Die Wartelisten sind lang, und der Einzugsbereich geht weit über den Bezirk hinaus. Doch damit soll nun Schluss sein.

Nur noch bis Ende des Monats kann Hügli Termine ausmachen. „Wenn bis dahin nichts passiert, war’s das.“ Einen alternativen Standort hat er nicht. Er sagt, dass er erstmals im Dezember über die Schließungspläne des Bezirksamts informiert wurde, „da wurde mir aber noch ein Jahresvertrag bis Ende 2015 angeboten“. Die Kündigung habe er dann erst im März dieses Jahres erhalten. Bezirksbürgermeister Reinhard Naumann (SPD) dementiert: „Nein, bereits im März 2013 hat die zuständige Bezirksstadträtin Elfi Jantzen beschlossen, das Bad 2015 zu schließen, und alle Beteiligten wurden damals auch schon informiert.“

Neues Gutachten wird erstellt

Im Jahr 2013 seien die Sanierungskosten bereits mit 660.000 Euro veranschlagt worden, in der Kasse seien aber nur 300.000 Euro für das Vorhaben gewesen. Daher habe es keine Alternative zur Schließung gegeben. Wieso aber vor diesem Hintergrund 2010 noch eine aufwendige Teilsanierung durchgeführt wurde, bei der die Belüftungsanlage erneuert und sämtliche Fenster ausgetauscht wurden, ist Naumann zum gegenwärtigen Zeitpunkt allerdings auch unklar. „Das werden wir prüfen lassen“, versichert der Bezirksbürgermeister.

Auch die Elternvertreter der Reinfelder-Schule haben erst im Frühjahr dieses Jahres von den Schließungsplänen erfahren. Seitdem laufen die Eltern Sturm dagegen. Sie haben eine Facebook-Seite „Rettet die Schwimmschule“ gestartet, die Schulkonferenzen beider betroffenen Schulen, der Bezirkselternausschuss sowie der Bezirksschulbeirat haben Beschlüsse gefasst, in denen sie sich für den Erhalt des Bades einsetzen. In der vergangenen Woche wurde beim Abgeordnetenhaus eine Petition mit fast 1000 Unterschriften eingereicht. Am kommenden Donnerstag, vor der letzten Bezirksverordnetenversammlung vor der Sommerpause, wollen sie ab 16 Uhr vor dem Rathaus Charlottenburg demonstrieren, um doch noch die Schließung abzuwenden.

Immerhin einen Erfolg konnten sie mit dem Protest bisher erreichen: Am heutigen Montag wird es einen neuen Vor-Ort-Termin geben, bei der nicht nur Vertreter des Bezirksamtes und die Bauaufsicht dabei sind, sondern auch der frühere Chef der Berliner Bäderbetriebe Klaus Lipinsky als fachkompetenter Berater. Auf Grundlage des neuen Gutachtens soll am Dienstag in der Sitzung des Bezirksamtes entschieden werden, ob das 36 Jahre alte Schwimmbad doch noch länger geöffnet bleiben, ob es gar saniert werden kann oder ob es bei den Schließungsplänen bleibt.

Alternative Finanzierung

Die Eltern wollen zumindest erreichen, dass das Bad erst einmal bis Ende des Jahres geöffnet bleibt. Dann bliebe Zeit und Luft, um mögliche alternative Finanzierungsmodelle auszuloten. Denkbar ist für Gesamtelternvertreter Frank Hätscher dabei auch, dass sich Vereine aus dem Kiez und der weiteren Umgebung an der Sanierung beteiligen. „Wenn das Bad aber in den Sommerferien zugemacht wird, sind Tatsachen geschaffen, dann wird ein Erhalt immer unwahrscheinlicher“, fürchtet der Elternvertreter. Und dann säßen 700 Kinder auf dem Trockenen.