Tierarztgeschichten

Der Doktor und das liebe Berliner Vieh

Haustiere sind oft Ersatz für Partner oder Kind und werden auch so behandelt. Skurrile Geschichten aus einer Berliner Tierarztpraxis.

Tierarzt Klaus Lendner, hier mit Hund Whisky und Sohn Leon, erlebt in seiner Praxis einige schräge Fälle

Tierarzt Klaus Lendner, hier mit Hund Whisky und Sohn Leon, erlebt in seiner Praxis einige schräge Fälle

Foto: Krauthoefer

An der Waage kommt niemand vorbei. Sie steht gleich neben dem Eingang im blau gestrichenen Wartezimmer. Ein bisschen wirkt sie da wie eine Mahnung. „Ja, das Gewicht ist oft ein Problem“, sagt Klaus Lendner. Der 63-Jährige ist Tierarzt, hat eine eigene Praxis in Schöneberg. Seit fast einem Vierteljahrhundert.

Da muss er wissen, wo es bei Katz und Hund zwickt und zwackt. Und das ist eben oft an Bauch und Hüfte der Fall.

Gegen den Speck kommt Klaus Lendner nur schwer an. Klar, gibt es Diätfutter und mehr Bewegung würde auch nicht schaden. Aber da sind ja noch Herrchen und Frauchen. Und mit denen sind Leckerli oft nicht verhandelbar und oft entpuppen sie sich als die wahren Patienten in der Praxis.

Tierarztgeschichten als Buch

Mit dieser Beobachtung steht er nicht allein. Gerade ist ein Buch mit haar- und fellsträubenden Tierarztgeschichten aus Berlin und anderswo erschienen: „Herr Doktor, mein Hund hat Migräne“ (hg. von Heike Abidi und Anja Koeseling, Eden Books, 9,95 Euro).

Da ist zum Beispiel die Frau, die ihrer Katze das Mäusefangen abgewöhnen will und zu diesem Zweck nach Psychopharmaka verlangt. Da ist der Junge, der für sein Kaninchen gern eine Zahnspange hätte, damit die Zähne nicht mehr falsch wachsen und geschnitten werden müssen.

Da ist die besorgte Hundebesitzerin, die Angst um ihren Schoßhund hat, nachdem dieser eine ganze Sahnetorte verspeist hat. Und da ist das Paar, das mit einem Schwein in die Kleintierpraxis kommt, weil es verhaltensauffällig geworden ist.

Ein Schwein, nein, das ist Klaus Lendner noch nicht untergekommen. Auch Schlangen und Vögel kommen nur selten, denn dafür gibt es ja längst Fachärzte. Zu ihm kommen vor allem Hunde, Katzen und alle Arten von Nagern. Aber die Geschichte mit der Sahnetorte, die gehört auch bei ihm so oder ähnlich zum täglichen Geschäft.

Aureden der Herrchen und Frauchen

Und ohne die Waage am Eingang würde ihm wohl kein Besitzer glauben, dass der Vierbeiner zu dick ist. Macht das Tier einen gar zu rundlichen Eindruck, wird schnell mal abgewehrt: „Nein, Herr, Doktor, das ist das Fell, das lässt ihn so dick aussehen.“ Oder: „Herr Doktor, wenn er so guckt, dann hat er doch Hunger, dann muss ich ihm doch was geben.“

Nein, sagt Lendner, natürlich muss man nicht, „aber Hunde sind schlau. Die lernen schnell, wie sie schauen müssen, damit es etwas zu fressen gibt.“ Ob es ihnen nun guttut oder nicht.

Meist stößt der Tierarzt aber auf taube Ohren: „Die Einsicht der Tierhalter geht gegen Null.“ Denn das würde ja auch eine Verhaltensänderung bei Frauchen oder Herrchen nötig machen. Und um hier überhaupt eine Chance zu haben sei viel psychologisches Geschick erforderlich. Doch das wird an der Uni nicht gelehrt.

Jeder im Hundeklub hat einen Tipp

Aber auch das medizinische Wissen, das im Studium dafür umso eingehender vermittelt wird, hinterfragt der Tierbesitzer heute gern. Er hat oft genaue Vorstellungen davon, wie sein kleiner Liebling behandelt werden soll. „Da wird viel gelesen im Internet, und im Hundeklub hat auch jeder noch einen anderen Tipp“, weiß Klaus Lendner.

Diese Ratschläge werden dann erst einmal durchprobiert, bevor sich der Halter meist doch irgendwann zum Tierarzt bewegt, weil nichts hilft. Dann soll er es richten, aber bitte nur biologisch und natürlich. Kügelchen und überhaupt Homöopathie sind heute auch in der Tierarztpraxis ein ganz großes Thema. Und möglichst günstig sollte das Ganze ebenfalls sein. „Gefeilscht wird wie auf dem Markt“, hat der Tierarzt beobachtet.

Es gibt aber auch die Besitzer, die wohl so ziemlich alles tun und zahlen würden für ihren lieben Vierbeiner. Als Beispiel fällt ihm da gleich die Kastration eines Rüden ein. Normalerweise nimmt der Tierarzt bei der Operation gleich alles weg, was hängt.

Aber so wollte es das Herrchen nicht. „Wie fühlt er sich denn dann ohne Eier?“, fragte er mit besorgtem Blick auf seinen Hund. Und so bekam der seiner Männlichkeit Beraubte eben ein Hodenimplantat, damit er zumindest äußerlich nach Mann aussah. Dem Hund war das vermutlich herzlich egal, doch Herrchen fühlte sich besser so.

Der schwere Abschied vom Tier

Der medizinische Fortschritt macht heute auch vor der Tierarztpraxis nicht Halt und so ziemlich alles ist möglich. Auch wenn es darum geht, den Tod eines Tieres hinauszuzögern. „Natürlich ist es sehr schwer, das geliebte Tier gehen zu lassen“, sagt Lendner voller Verständnis.

Und auch nach 23 Jahren in der Praxis fällt selbst ihm der Abschied manchmal nicht leicht. Aber wenn ein Tier nicht mehr allein laufen oder fressen kann, wenn es Schmerzen hat und eine weitere Operation nur noch ein bisschen Aufschub, aber kein Ende des Leidens bringt, dann tue man wohl mehr für ein Tier, wenn man es einschläfern lässt.

„Ich sage den Haltern immer: Sie erkennen, wenn es soweit ist“, aber er weiß auch, dass es Frauchen und Herrchen heute manchmal schwerer fällt, diese Erkenntnis zuzulassen, weil das Tier oft einen enormen Stellenwert hat.

Der Hund muss artgerecht behandelt werden

Symbiotische Beziehungen zwischen Halter und Tier sind insbesondere in einer Single-Hochburg wie Berlin verbreitet. Der Hund schläft mit im Bett, hat die gleichen Haarspangen wie Frauchen im Fell und das Halsband passend zur Handtasche um den Hals.

So lange der Hund dabei trotzdem noch artgerecht behandelt wird, bleibt der Tierarzt entspannt. Den Kopf muss er aber doch bei mancher Begegnung schütteln.

Die Autorinnen von „Herr Doktor, mein Hund hat Migräne“ haben mal genauer in die Praxen geschaut und eine Typologie der Besitzer erstellt: Da gibt es zum Beispiel die Supermamas und –papas, die generalsstabmäßig die Entwicklung, Erziehung und Ausstattung ihres Tieres planen.

Das beginnt schon bei der Anschaffung (natürlich nur Rassetiere), setzt sich bei der ausgefallenen Namensgebung fort und hört bei der Anmeldung in der Welpenschule und später im Hunde-Fitness-Center mit Dog Dance und Yoga noch lange nicht auf.

Kümmerer und „Der tut nix“-Sager

Da gibt es außerdem die Kümmerer, die ein Herz für schwache und kranke Tiere haben und jeden Streuner bei sich aufnehmen – bis sie vor lauter Überforderung oder Überfüllung in der Wohnung kapitulieren.

Da gibt es die schon erwähnten Homöopathen und die schon oben erwähnten Besserwisser. Und natürlich sind da auch noch die „Der tut nix“-Sager, auf deren Behauptung sich weder Passanten noch Tierärzte aber so ohne weiteres verlassen sollten, denn auf ein „Platz“ oder „Sitz“ hört der vermeintlich nix-tuende Hund ja schließlich auch nicht.

Veterinär Klaus Lendner kennt all diese Tierhalter und die Blüten, die der entsprechende Umgang mit dem Tier dann treiben kann. Die Verhaltensauffälligkeiten beim Tier haben aus seiner Sicht zugenommen. Neben der nicht immer artgerechten Haltung – „was hat zum Beispiel ein Husky in einer Stadt zu suchen? – sieht er als Ursache aber auch den zunehmenden Stress in der Stadt.

Es gibt auch noch normale Hunde

Vor allem auf Hunde wirke sich der aus. So habe sich die Lebensqualität für sie in Berlin eindeutig verschlechtert, zum Beispiel sei die Zahl der Hundeauslaufgebiete immer weiter reduziert worden, zugleich würden die Anfeindungen gegen sie aber immer weiter zunehmen.

Teils hätten das allerdings Hundebesitzer auch selbst zu verantworten, denn wer von einem wildfremden Hund angesprungen wird, egal ob aus Freude oder Angriffslust, würde sich wohl kaum von einem „der tut doch nix“ beruhigen lassen.

Der Hund als Status-Symbol, der Vierbeiner als Kindersatz, überforderte Tierhalter – geht es auch noch anders, normaler? „Doch, selbstverständlich gibt es auch noch den Hund als Hund“, sagt Lendner. Er zeigt auf Whisky, der vor ihm auf dem Behandlungstisch sitzt.

Der dreijährige Labrador sei ein ganz normales Familienmitglied, gut erzogen, jeder in der Familie geht mit ihm aus und kümmert sich um ihn und trotzdem sei Whisky immer noch ein Hund. Doch auf so viel Normalität trifft er immer seltener in seiner Praxis.