Drogenkonsum

Unterwegs in Berlin, der Hauptstadt der Kiffer

Die Debatte über eine Legalisierung von Cannabis gewinnt an Tempo. Junge Berliner kiffen deutlich mehr als Jugendliche im Rest der Republik. Doch wie kann man sie besser vor den Drogen schützen?

Foto: Reto Klar

Die Großfamilie mit fünf Kindern trifft sich zum Picknick im Görlitzer Park, das mitgebrachte Buffet sieht üppig aus. Mit gesenktem Kopf eilt eine junge Frau in Leggings Richtung Parkausgang. Als ein Farbiger mit Basecap auf sie zugeht, schüttelt sie nur den Kopf und beschleunigt ihre Schritte. Rund 20 weitere Männer spazieren in der Nähe des Eingangs auf und ab, während ihre Blicke das Gelände absuchen. Einer will der Reporterin auf einer Bank Gras verkaufen. „Die Geschäfte laufen schlecht, es gibt zu viele Händler“, sagt er auf Englisch und wirkt frustriert. Viele Deals jedenfalls werden an diesem Nachmittag nicht abgewickelt.

Zwei Tage später, an einem lauen Frühsommerabend, ist die Wiese deutlich voller. Die Besucher reden und lachen, lesen, trinken Bier. Einige rauchen, hie und da weht süßlich-herber Marihuanageruch über die Grünfläche. „Wann ich das erste Mal gekifft habe?“ Julia, 20, lacht. Die Studentin der Humboldt-Universität weiß nur noch, dass es ein warmer Sommerabend gewesen sein muss. In ihrem Freundeskreis wird oft Gras geraucht. „Irgendwann habe ich dann auch mal einen Zug genommen“, erzählt sie. Beim ersten Mal hat sie wenig gemerkt, beim zweiten Joint war das schon anders: „Ich habe irgendwann angefangen zu lachen und konnte nicht mehr aufhören! Wenn ich von der Uni gestresst bin, ist das der perfekte Ausgleich.“ Während sie erzählt, finden auf einer Bank am Parkrand gerade Verkaufsgespräche statt.

Null-Toleranz-Regel seit 1. Mai

So sieht er aus, der Alltag im Görlitzer Park, in dem seit dem 1. April die Null-Toleranz-Regel gilt. Nach den Riesenschlagzeilen des Vorjahres – alarmierte Eltern berichteten von Jointstängeln auf Spielplätzen, im November gab es eine Messerstecherei mit lebensgefährlich Verletzten – wurden die Rufe nach einem harten Durchgreifen immer lauter. Innensenator Frank Henkel richtete eine Taskforce gegen die Dealer ein, der Bezirk ließ die Hecken stutzen, die als Versteck für Drogen dienten, die Polizei schob vermehrt Einsätze. 64 waren es im November, 87 im Dezember. Seit Anfang des Jahres sind es wieder weniger, doch auch im April 2015 gab es im Görlitzer Park 53 Einsätze, bei denen die Beamten 775 Personen kontrollierten. 185 von 246 Strafanzeigen im April galten Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz.

Für die im Park ertappten Konsumenten und Dealer macht die Null-Toleranz-Regel des Senats einen großen Unterschied: Die sonst in Berlin übliche Straffreiheit für den Besitz von Marihuanamengen unter 15 Gramm zum Eigenkonsum ist im Görlitzer Park seit April außer Kraft gesetzt, im Umkreis von Schulen und Kitas schon lange. „Ziel der Null-Toleranz-Grenze ist es, das Bewusstsein bei allen zu schärfen, dass ein Strafverfahren folgen kann“, so Polizeisprecher Thomas Neuendorf.

24.000 Berliner kiffen täglich

Kiffen ist in der Hauptstadt weit verbreitet, weiß Psychologe Andreas Gantner vom Therapieladen an der Potsdamer Straße in Schöneberg. „24.000 Berliner konsumieren täglich Cannabis“, sagt der Geschäftsführer des Suchthilfevereins. Noch höher ist die Zahl derer, die in den letzten 30 Tagen gekifft haben: 140.000 Berliner. In den Therapieladen kommen nicht die Kiffer, die sich an Wochenenden gelegentlich einen Joint genehmigen und ihren Genusskonsum im Griff haben. Sondern die Menschen, die Hilfe suchen, weil sie Probleme haben mit Marihuana und/oder Partydrogen. Die in der Schule oder im Beruf nicht mehr klarkommen und deren Familienleben unter ihrer Sucht zu zerbrechen droht. Die an Depressionen oder Ängsten leiden. Rund 50.000 Kiffer zwischen 15 und 64 Jahren haben nach Auskunft von Gantner einen problematischen Cannabiskonsum. Eine Zahl, die sich seit Jahren auf diesem Niveau eingepegelt hat. Kontinuierlich wächst dagegen die Zahl der Leute, die sich mit der Hauptdiagnose Cannabis ambulant oder stationär behandeln lassen – weil immer mehr vom Suchthilfssystem erfasst werden.

Gruppenzwang und „Problemen ausweichen“

In der aktuellen Debatte über eine Legalisierung von Cannabis – lieber sprechen die Experten von Regulierung – gilt dem Jugendschutz besondere Aufmerksamkeit. Berliner Jugendliche kiffen deutlich mehr als junge Deutsche im Rest der Republik. Mehr als zwei Drittel der Hauptstädter zwischen 16 und 27 Jahren haben schon einmal einen Joint geraucht, jeder dritte Konsument tut das mehrmals pro Woche oder sogar täglich. Das zeigt die Studie „Jugend – Drogen – Hintergründe“ der Fachstelle für Suchtprävention und der Alice-Salomon-Hochschule (2014). Besorgniserregend sind die Gründe der jungen Menschen: Gruppenzwang steht für die unter 18-Jährigen an erster Stelle, die Befragten zwischen 18 und 20 Jahren sagen, dass sie Problemen ausweichen wollten.

Ein paar ältere Schüler eines Charlottenburger Oberstufenzentrums versammeln sich nach Schulschluss vor dem Tor. Sie rauchen eine schnelle Zigarette, lassen sich auf ein Gespräch über Cannabis ein: „Ich bin für eine Legalisierung, so wie in Holland“, sagt die 18-jährige Anna*. Wer Stoff haben will, geht in eine nahe Grünanlage. „In Berlin an Gras zu kommen, ist kein Problem“, so Anna.

Cannabis als Einstiegsdroge?

Auch wenn fast alle in der Sechserrunde eine Legalisierung ab 18 befürworten, sehen sie die Probleme: Großes Nicken auf die Frage, ob sie kiffende Jugendliche kennen, die Psychosen entwickelt haben. „Aber das sind nur ganz wenige“, wirft Laura*, 19, ein. Anna gibt zu, dass ihr das Kiffen nicht gut getan habe. Carla*, eine selbstbewusste 18-Jährige mit langen roten Haaren, ist die Einzige, die eine Legalisierung skeptisch sieht. „Man braucht ein gutes Körperbewusstsein und viel mentale Stärke, um zu wissen, ob man selbst mit Gras klarkommt.“ Für eine Gefahr hält sie außerdem, dass Cannabis eine Einstiegsdroge sein kann. Leon*, ein 18-Jähriger mit breiten Schultern, denkt, dass eher die Illegalität für Probleme verantwortlich ist: „So kann gestreckter Stoff verkauft werden.“ Für Paula* ist ein anderes Argument wichtig: Wäre Marihuana legal, könnten Schüler Hilfsangebote schneller annehmen. „Jetzt ist es schwierig, auf Lehrer zuzugehen“, sagt die 18-Jährige in der schwarzen Lederjacke.

Das Cannabis-Problem ist auch der Senatsbildungsverwaltung bewusst. Zwar beschreiben die Notfallpläne für Schulen das Vorgehen bei Suchtmittelkonsum genau, doch längst nicht jeder Fall wird gemeldet. Offenbar steckt dahinter auch die Angst vor Rufschädigung. Im Schuljahr 2014/15 hat die Senatsbildungsverwaltung ganze sieben Meldungen von Suchtmittelkonsum erhalten. Das Vorgehen liege bis zu einem gewissen Grad im pädagogischen Ermessen der Schule, sagt Beate Stoffers, Sprecherin von Bildungssenatorin Sandra Scheeres – beim Handel ist das ausgeschlossen.

Für Unter-16-Jährige „hochproblematisch“

Eigenverantwortlich entscheiden die Schulen, welche Schwerpunkte sie in der Suchtvorbeugung setzen. Hier sieht Andreas Gantner vom Therapieladen Handlungsbedarf und fordert verpflichtende Präventionsarbeit an allen Schulen. Denn vor allem für Jugendliche kann die Wirkung von regelmäßigem Cannabiskonsum über einen längeren Zeitraum verheerende Folgen haben, warnt der Psychotherapeut: „Der frühe Einstieg muss verhindert werden, weil der Reifungsprozess verzögert wird, teils sogar blockiert. Das betrifft sowohl den kognitiven Reifungsprozess des Gehirns als auch die sozial-emotionale Entwicklung.“ Den Ausdruck „weiche Droge“ hält Gantner für unpassend. Vor allem für die unter 16-Jährigen, die in einer Phase des Ausprobierens zum regelmäßigen Kiffen kommen, sei es hochproblematisch. Bei entsprechender Disposition kann Cannabis zudem das Risiko einer Psychose verdoppeln. Eine Regulierung des Cannabiskonsums für Erwachsene bietet in Gantners Augen daher auch für den Jugendschutz mehr Chancen, denn: „Die Illegalität erschwert eine offene Auseinandersetzung über die individuellen Risiken in Familien, Schulen und Jugendhilfe“. Für Montag hat er internationale Experten zu einer Fachtagung ins Rote Rathaus eingeladen, Titel: „Cannabis Future – Jenseits von Ideologie“.

„Verbot ist erfolglos“

Sehr große Zweifel an der Wirksamkeit des aktuellen Betäubungsmittelgesetzes hat Professor Heino Stöver, der am Montag als Direktor des Instituts für Suchtforschung der Frankfurt University of Applied Sciences im Rathaus dabei sein wird: „Wir brauchen jetzt den Schritt vom erfolglosen Verbot zu einer wirkungsvollen Regulierung“, sagt er. „Mit einer staatlich kontrollierten Abgabe von Drogen können wir viele Probleme lösen“. Dann könne man auch den Jugendschutz stärken: Die bestehende Regelung bringe Jugendliche, die weiche Drogen konsumieren, in Kontakt mit Dealern – mit verheerenden Folgen. Stöver ist keiner, der die möglichen Folgen von regelmäßigem Cannabiskonsum speziell für Jugendliche bagatellisiert, zeigt sich aber überzeugt, dass dem Problem allein mit polizeilichen Mitteln nicht beizukommen ist: „Ganz auf null wird sich der Drogenkonsum nie drücken lassen.“ Doch in der Legalität ließen sich Probleme besser besprechen und bekämpfen. Wie andere Experten auch betont er zudem die Möglichkeit der Stoffkontrolle und einer Festlegung des Wirkstoffgehalts an Rausch erzeugendem THC.

Der Suchtforscher verweist auch auf das Beispiel der USA, wo einige Bundesstaaten inzwischen Regelungen für den legalen Cannabiskonsum ab 21 Jahren geschaffen haben. Sowohl Produzenten wie Verkäufer müssen dort nach Stövers Darstellung eine Lizenz beantragen, die an strenge Auflagen geknüpft ist. Dafür wurde ein Kontrollsystem geschaffen.

Besser überblicken lassen sich die Folgen einer Freigabe im Fall der Niederlande, in denen es bereits seit Jahrzehnten „Coffeeshops“ gibt. „Die Zugänglichkeit hat keinen Einfluss auf die Menge des Drogenkonsums“, so Stöver. Studien zeigten, dass die deutschen Jugendlichen an der niederländischen Grenze sogar mehr rauchten als ihre holländischen Altersgenossen.

Polizei ist gegen die Freigabe

Eine wichtige Rolle in der Legalisierungs-Debatte spielt auch die Frage, ob in der Polizeiarbeit die richtigen Schwerpunkte gesetzt werden. Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) vertritt eine differenzierte Haltung: Sie ist angesichts der Probleme mit der legalen Droge Alkohol gegen die Freigabe weicher Drogen wie Cannabis – und sieht zugleich die Politik gefordert: „Polizei und Justiz sollten den illegalen Rauschgiftschmuggel und -handel bekämpfen und ausschließlich hierauf ihre Prioritäten setzen“, sagt Sprecher Steve Feldmann. Dazu muss sie aus GdP-Sicht bei Konsumentendelikten aus dem Zwang zur Strafverfolgung entlassen werden. Der Besitz von Drogen für den Eigenbedarf könnte dann beispielsweise als Ordnungswidrigkeit gelten. Für die Polizei entfiele der Aufwand, eine Strafanzeige zu schreiben.

Aus Sicht der GdP hat die Null-Toleranz-Politik die Situation für die Anwohner des Görlitzer Parks eher verschlechtert: „Der Drogenhandel wird jetzt in die benachbarten Häuser getragen, wo sich die Händler sicher glauben“, sagt Feldmann. Regelmäßig laufen beim zuständigen Polizeiabschnitt Beschwerden von Anwohnern ein, die sich über den Drogenhandel aufregen, sich bedrängt fühlen. An diesem Spätnachmittag zeigen sich die Besucher auf der Wiese allerdings gechillt. Sophie, 29, sitzt mit ihrem sechs Monate alten Sohn Max in der Sonne. Seit Jahren verfolgt die australische Journalistin die Kreuzberger Entwicklung: „Es ist definitiv mehr Polizei hier. In der ganzen Gegend kann man mehr Drogen kaufen als früher.“ Dennoch lebt die junge Mutter gern hier und findet den Görli in seiner bunten Besuchermischung „spannend“. Negative Erfahrungen hat sie nie gemacht: „Das ist Berlin. Wenn man das nicht mag, muss man in eine andere Gegend ziehen“, findet sie.

(* Namen von der Redaktion geändert)