Blitzeinbrüche

Gangster - „Wedding ist eine Ausbildungsstätte des Verbrechens“

Weddinger Banden rühmen sich der Überfälle auf KaDeWe oder Apple Store. Eine Herausforderung für die Ermittler, wie der RBB-Film „Hauptstadt der Diebe – Berliner Banden auf der Spur“ zeigt.

Foto: rbb

Für die neun vermummten Männer, die auf der Aussichtsplattform über dem Gesundbrunnen stehen, ist ihr Kiez eine „Ausbildungsstätte des Verbrechens“. Sie haben sie selbst durchlaufen. „Wedding ist hochkriminell“, sagt ihr Anführer.

Der türkische Kurde hat sich den Namen „AK – Außer Kontrolle“ gegeben. Er ist Gangsterrapper und Serieneinbrecher, hat dafür in Haft gesessen. In seinen Musikvideos, die „Echte Berliner“ heißen oder „Ich will alles“, geht es um Blitzeinbrüche: „Ruckzuck – rein, raus. Blitzaktion, zwei Minuten höchstens. Man nennt es ‚Arbeit‘ hier“, sagt er. „Ich rappe über Geschichten von meinen Jungs, die sie alle wirklich gemacht haben, Blitzeinbrüche, Mediamarkt, Saturn, Juweliere.“

Damit stilisiert er die Kriminalität zur Lebenshaltung, Einbrüche zu einem gängigen Tagwerk, den Gangster zum Vorbild für Heranwachsende. Auch der spektakuläre Einbruch in den Apple-Store am Kudamm am Vorweihnachtstag vor zwei Jahren sei das Werk der Weddinger Jungs. Mit einem Rammauto durch die Fensterfront, die Ware in Kopfkissenbezüge. Ruckzuck wieder raus. So geht die Masche der Blitzeinbrecher. Ihre Songtexte gehen so:

„Mit Sturmmaske und Brecheisen in den Benz steigen

Auf die Autobahn, mit geklauten Kennzeichen (…)

Lass das Geschäft steigen, was ins Geschäft schleichen / Mit der Flexscheibe durch die Decke ins Geschäft steigen / Zerfetz Scheiben mit dem 5 Kilo Hammer“

„Mit 180 durch die Stadt

Tacho platzt, kein Bulle schnappt mich“

Selbst wenn mitunter auch Prahlerei die Schilderungen der Kriminellen färben mag: Ab und zu werden dann doch welche von ihnen erwischt. Etwa im vergangenen Jahr nach einem Einbruch in einen Mediamarkt in Dresden. Auf der Flucht stellt die Berliner Polizei acht von ihnen, die längst observiert wurden. „Danach hatten wir erst einmal Ruhe in der Stadt“, sagt Michael Adamski vom Landeskriminalamt (LKA), dem Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb), der am Dienstagabend die Reportage „Hauptstadt der Diebe“ ausstrahlt. Adamski hat sich wiederum selbst auf Blitzeinbrüche spezialisiert hat. „Es zieht jetzt wieder an. Es sind neue Täter am Werk. Oder die alten, die nach ihrer Verurteilung nicht in Haft gegangen sind.“ Er schätzt ihre Zahl auf 50, die je in kleinen Gruppen bundesweit 500 Einbrüche begangen haben sollen.

Zwar werden diese Blitzeinbrüche nicht gesondert in der polizeilichen Kriminalitätsstatistik ausgewiesen, aber die Zahl der gesamten Einbrüche in Berlin (12.159) hat sich in den vergangenen zehn Jahren mehr als verdoppelt. Zur selben Zeit hat sich die Aufklärungsquote (6,6 Prozent) halbiert. Seither ist auch das Phänomen der Blitzeinbrüche aufgekommen.

Inzwischen haben die Täter ihr Wirkungsfeld vergrößert. Nachts rasen sie über die Autobahnen, suchen sich Ziele in der Nähe der Fluchtwege zurück nach Berlin. „Denn hier wurden schon zu viele Sicherheitsvorkehrungen getroffen“, sagt der Gangsterrapper AK, und meint die Poller, mit denen sich die Elektronikmärkte inzwischen vor ihren Rammautos schützen. Oder die Tatsache, dass die Auslagen nach Ladenschluss vom Personal ausgeräumt werden.

Mietwagen für Blitzeinbrüche

Die Behörden in anderen Bundesländern sind sensibilisiert: Fälle aus Kiel, aus Nordrhein-Westfalen, aus Tatorten entlang der A2, und Hessen liefen beim Berliner LKA auf. So konnte vor einigen Wochen der Einbruch in ein Bielefelder Juweliergeschäft Berliner Tätern zugeordnet werden. Wegen eines Blitzerfotos ihres 560-PS-Audis. Aber unmittelbar nach ihren Taten ist den Blitzeinbrechern nicht beizukommen. Mit dieser Gewissheit sind sie unterwegs: „Wenn die Cops hinter einem her sind, und man mit 300 Sachen über die Autobahn brettert, da trauen sie sich nicht mehr hinterher.“

Schließlich sind es aber doch die Autos, über die immer wieder einzelne Täter ermittelt werden. Sie gehören kleinen Mietwagenfirmen, die selbst in diesem kriminellen Milieu zu verorten sind. Für einen Wochenpreis von bis zu 2000 Euro werden sie an die Blitzeinbrecher vermietet, über Scheinidentitäten, für die der Vermieter am Ende nur schwer haftbar zu machen ist. So war es auch bei dem Überfall auf das KaDeWe am helllichten Tag im Vorweihnachtsgeschäft, als fünf Maskierte aus einem Audi A4 in das Kaufhaus stürmten: Sie zerstörten mit Hämmern und Äxten Vitrinen in der Schmuckabteilung und flüchteten mit Beute im Wert von rund 900.000 Euro in die nahe gelegene Tiefgarage einer Schwester von einem der Täter. Auch dieser Wagen lief auf eine kleine Mietwagenfirma aus der Szene. Sein Halter, Mitglied einer polizeibekannten arabischen Großfamilie, wurde im März in seiner Wohnung im Wedding verhaftet. Auch er hat bereits eine dreijährige Haftstrafe hinter sich. Noch am Abend nach dem Überfall feierten die Räuber ihren Coup in einem Berliner Großbordell.

Fast alle der 50 Berliner Blitzeinbrecher sind junge Migranten. Ihre Geschichte handelt auch von mangelnder Integration. So sieht es der moslemische Gefängnisseelsorger Levent Yükcu. Seit Jahren leitet er eine Gesprächsgruppe in der Justizvollzugsanstalt Plötzensee, wo einige junge Männer aus diesem Täterkreis auftauchen: „Wenn sie entlassen werden, stehen die gleichen Kumpels mit dem dicken Benz vor dem Gefängnis und sagen, ey da sind wir wieder, wir holen dich ab. Da ist es nur eine Frage der Zeit, bis er wieder kriminell wird.“ Tatsächlich liegt die geschätzte Rückfallquote bei 70 Prozent. Auch einzelne Täter aus der so genannten Weddinger „Gullydeckelbande“ besuchen diesen Gesprächskreis. Sieben Männer, die vor zwei Jahren wegen zahlreicher Blitzeinbrüche verurteilt worden sind, bei denen sie häufig einen Gullydeckel durch die Glasfront von Handyläden oder Tankstellen wuchteten.

Keine Spuren, keine Zeugen

„Da hat man keine Spuren, keine weiteren Hinweise, keine Zeugen. Da hat man meistens nichts. Wenn man so eine einzelne Tat hat, ist die Aufklärungschance verschwindend gering“, erläutert Staatsanwalt Sebastian Sendt diesen Fall. Selbst, als die Täter bei einem Einbruch in eine Kaufland-Filiale von dem Fahrer eines Lieferwagens überrascht werden, ein weiterer Zeuge sie bei ihrer Flucht sogar mit dem Handy filmt, bringt es die Täter nicht aus dem Konzept. Einer von ihnen erinnert sich im Gespräch noch genau an diese Nacht: „Man bleibt cool. Denn jeder kluge Mensch, der in einem Lkw sitzt und sieht gerade acht maskierte Leute, der bleibt einfach im Lkw sitzen.“ Staatsanwalt Sendt konnte die Bande erst vor Gericht bringen, nachdem ihre Mietwagen mit Peilsendern versehen worden waren. Über die Bewegungsprofile bei ihren Einbrüchen verrieten sie sich. Einen Führerschein hatten die meisten Bandenmitglieder nicht. Autofahren habe er man mit der „Playstation“ gelernt, sagt das Bandenmitglied.

Und sie kennen sich alle im Wedding, wo der Gangsterrapper AK erzählt, wie es nach einer Verhaftung weitergeht: „Die Kohle ist dann natürlich ganz woanders gebunkert. Und man hat Familie, Freunde, Brüder, die sich darum kümmern, die Kohle holen und die Anwälte dann bezahlen. Und der Anwalt kriegt die meisten Leute raus. Wegen geringer Beweislast werden viele freigesprochen.“ Dafür müsse man am Ende 15.000 bis 20.000 Euro hinblättern. Das Geld stammt demnach aus ihrer Beute, die sie unmittelbare nach ihren Taten bei Großhehlern in der Stadt umsetzen. „Aber bei wem die Ware am Ende bleibt, ist für uns ein schwarzes Loch“, sagt Staatsanwalt Sendt. Er habe einen Verdacht. Mehr aber nicht.

„Hauptstadt der Diebe – Berliner Banden auf der Spur“ von Adrian Batocha und Olaf Sundermeyer, heute 20:15 Uhr, rbb-Fernsehen