Bildungspolitik

Berliner Sekundarschulen sollen attraktiver werden

Berliner Schüler sollen künftig überall Abitur machen können. Dafür werden gemeinsame Oberstufen gebildet – auch mit Gymnasien. Die Sekundarschulen sollen damit aufgewertet werden.

Foto: Krauthoefer

Nur ein grüner Sportplatz trennt die Schule am Schillerpark und das Lessing-Gymnasium in Wedding. Doch für viele Eltern, die ihre Kinder an den weiterführenden Schulen anmelden, liegen bisher Welten dazwischen. Während das Lessing-Gymnasium stark nachgefragt ist, schafft es die Sekundarschule gegenüber kaum, ihre Plätze zu besetzen.

Das soll sich nun ändern. Künftig sollen die leistungsstarken Schüler der Sekundarschule nach einem Vorbereitungsjahr an das Gymnasium wechseln können. Dieser Pilotversuch ist nur ein Modell von vielen möglichen Kooperationen, durch die Sekundarschulen ihren Schülern den Weg zum Abitur anbieten sollen. Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) hat am Montag eine Reihe von sogenannten Verbundlösungen vorgestellt, mit denen theoretisch jede Sekundarschule gemeinsam mit anderen Sekundarschulen oder Gymnasien eine eigene Oberstufe ausbauen kann. Dadurch sollen Sekundarschulen aufgewertet werden, die bei den Anmeldungen bisher wenig nachgefragt waren.

„Wir haben eigentlich genügend Anmeldungen, aber wir sind auch daran interessiert, dass der gesamte Bildungsstandort am Schillerpark aufgewertet wird“, sagt Michael Wüstenberg, Leiter des Lessing-Gymnasiums. Bisher sei es zwar theoretisch auch möglich gewesen, dass leistungsstarke Schüler von der Sekundarschule an das Gymnasium wechseln, doch praktisch sei das nie vorgekommen. Zum einen würde häufig die zweite Fremdsprache fehlen, zum anderen müssten die Schüler auch in Mathematik, Deutsch oder Englisch noch Stoff aufholen.

Dieses Problem soll nun gelöst werden, indem an der Sekundarschule eine elfte Klasse eingerichtet wird, zur Vorbereitung auf das Abitur in zwei Jahren am benachbarten Gymnasium. Die Vorbereitungsklasse soll schon zum kommenden Schuljahr starten. „Unsere Schüler wollen lieber im Kiez bleiben, das weiter entfernte Oberstufenzentrum ist deshalb nicht so attraktiv“, sagt Roland Fischer, Schulleiter der Schule am Schillerpark. Er hofft, dass sich durch die Kooperation nun mehr Schüler mit einer Gymnasialempfehlungen anmelden.

Eltern begrüßen die Öffnung der Sekundarschulen

Der Vorsitzende des Landeselternausschusses, Norman Heise, begrüßt die weitere Öffnung der Sekundarschulen für die gymnasiale Oberstufe. „Das ist auf jeden Fall eine Entlastung der Eltern bei der Schulwahl“, sagt der Elternvertreter. Bisher seien die Schulen, die auch ein Abitur anbieten, sehr stark nachgefragt, sodass es schwer sei, dort einen Platz zu bekommen. „Bei vielen Eltern ist bisher einfach nicht angekommen, dass die Schüler auch am Oberstufenzentrum ein ganz normales Abitur machen können, das nicht weniger wert ist als der Abschluss am Gymnasium“, sagt Heise. Jetzt komme es allerdings darauf an, wie diese Kooperationen zwischen mehreren Sekundarschulen umgesetzt wird. Wenn die Schüler ständig zwischen den Gebäuden hin und her wandern müssen, sei das auch ein Problem.

Als „bildungspolitisch fatal“ dagegen bezeichnet Ronald Rahmig, Vorsitzender der Vereinigung der beruflichen Schulen in Berlin, den vorgesehen Ausbau der Abiturstufe an den Sekundarschulen. „Dadurch werden enorme Ressourcen gebunden, die dann in der Mittelstufe fehlen“, sagt Rahmig. Viel wichtiger sei es an den Sekundarschulen die weniger starken Schüler zu fördern, etwa durch kleinere Klassengrößen. „Die Schüler um die wir uns stärker sorgen sollten, sind nicht diejenigen, die an das Gymnasium wechseln“, sagt Rahmig. Zudem sei es bedauerlich, dass die beruflichen Gymnasien an den Oberstufenzentren so wenig bekannt seien. Gerade für die Schüler der Sekundarschulen sei das Abitur am Oberstufenzentrum die bessere Wahl, da hier zusätzlich eine starke berufliche Orientierung geboten werde.

Die Bildungsstadträtin von Reinickendorf, Kathrin Schultze-Berndt (CDU), hält die Vorschläge der Bildungssenatorin für Versprechen an die Eltern, die in den Bezirken kaum einzulösen sind. „An den Sekundarschulen haben wir schon jetzt große Probleme, überhaupt alle Schüler unterzubringen. Ohne ein zusätzliches Bauprogramm ist da der Ausbau einer Oberstufe nicht vorstellbar“, sagt die Bildungsstadträtin. Realistischer sei die Kooperation der Sekundarschulen mit Gymnasien, denn dort gebe es auch räumliche Kapazitäten. Auch die Vorbereitungsklassen sollten deshalb eher am Gymnasium angesiedelt werden. Die Sekundarschulen sollten ihre Attraktivität eher stärken, indem sie die Schüler gut auf die Berufsausbildung vorbereiten.

Ralf Treptow, Vorsitzender der Vereinigung der Oberstudiendirektoren, begrüßt die Veränderungen als Möglichkeit, den Ruf der Sekundarschulen zu verbessern. Eine Mindestzahl an Schülern in der gymnasialen Oberstufe müsse aber unbedingt eingehalten werden, sagt er der Berliner Morgenpost, „sonst kommen keine guten Kursangebote zustande.“ Treptow sagt, dass es von Beginn an falsch gewesen wäre, zwei verschiedene Arten von Sekundarschulen zuzulassen, einige mit und einige ohne Oberstufe. In Sachsen sei das besser gemacht worden. Dort endet jede Sekundarschule nach der 10. Klasse. Schüler, die Abitur machen wollen, müssen ein berufliches Gymnasium besuchen.