Nach TXL-Schließung

CDU will für Wohnquartiere Abschnitte der Autobahn abreißen

Ein Teilstück der A 111 in Tegel soll Platz machen für ein neues Wohngebiet auf dem Flugfeld und angrenzenden Arealen mit 5000 Wohnungen. Die Industrie- und Handelskammer unterstützt den CDU-Vorstoß.

Foto: gmp Architekten

Die Perspektive eines Stadtteils ohne dröhnende Düsenjets beflügelt die Gedanken der Planer und Politiker. Für die Terminalgebäude, einige Hangars und weitere Flächen auf der Südseite des Flugfeldes in Tegel arbeitet eine landeseigene Projektgesellschaft schon länger an den Grundlagen für eine „Urban Tech Republic“: Ein Wissenschafts- und Gewerbezentrum, das sich den Zukunftsfragen der Metropolen vom Müll über Energie bis Mobilität und vernetzten Gebäuden widmen soll.

Die Berliner CDU möchte dieses hochwertige Gewerbegebiet, das sich nach der für 2017 geplanten Schließung des Flughafens TXL um einen großen Teil der Beuth-Hochschule für Technik herum entwickeln wird, um ein Wohngebiet ergänzen. Dabei greift die CDU mit ihren Plänen über die Grenzen des Flugfeldes hinaus und bezieht angrenzende Areale mit in ihre Planung ein.

Insgesamt könnten nordöstlich des Terminalgebäudes 5000 Wohnungen entstehen, jeweils etwa zur Hälfte auf dem Flugfeld und in den umliegenden Arealen. Das wären so viele neue Wohnungen, wie der Senat auf dem Tempelhofer Feld errichten wollte, ehe der Volksentscheid dieses Vorhaben stoppte.

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Neue U-Bahnstrecke zum TXL

Ein Konzept für ein „Wohnen in Berlin TXL – Schaufenster der smarten Stadt Berlin“ hat die CDU-Fraktion am Freitag bei ihrer Klausurtagung im mecklenburgischen Fleesensee beschlossen. Bis zum Sonntag haben sich die Fraktionsmitglieder und Senatoren dorthin zurückgezogen. Auf der Tagesordnung stehen auch die Themen Haushalt und ein besseres Management in den Behörden. Als Gäste sind unter anderem Kanzleramtsminister Peter Altmaier und der Berater Markus Klimmer dabei. Von Altmaier erhoffen sich die Berliner Zusagen für mehr Unterstützung des Bundes bei der Unterbringung von Flüchtlingen.

Am Tag eins der Klausur ging es aber um Tegel. Ein wichtiges Element des Plans ist ein Schritt, der für die CDU ungewöhnlich anmutet: Die Christdemokraten wollen ein Stück der Stadtautobahn A 111 zurückbauen. Und sie werben dafür, das neue Stadtquartier mit einer neuen U-Bahnstrecke vom Kurt-Schumacher-Platz aus anzubinden.

Nur ohne Autobahn lässt sich nach Meinung der Fraktion eine Verbindung schaffen zwischen einem neuen Kurt-Schumacher-Quartier an der Nordost-Ecke des Flugfeldes und den heutigen Gewerbeflächen südlich der Scharnweberstraße.

Beide Grundstücke zusammen sollen nach dem Wunsch der CDU ein „integriertes Stadtquartier“ bilden. Das geht nur, wenn das 600 Meter lange Teilstück der Autobahn zwischen der Einfahrt zum Flughafentunnel und Kurt-Schuhmacher-Damm verschwindet. Die CDU-Fraktion macht in ihrem Beschluss deutlich, dass die wirtschaftliche Nutzung des südlichen Teils des TXL-Geländes Priorität genießt. Als Berlin seine Bewerbung für die Olympischen Spiele 2024 plante, hatte es einige Irritationen gegeben. Denn das Olympische Dorf und einige Wettkampfanlagen waren auf dem Flugfeld geplant. Manche fürchteten eine Abkehr von dem Konzept für die „Urban Tech Republic“, an dem schon seit Jahren gebastelt wird. Aber die Olympia-Bauten waren immer jenseits der Grenze des Gewerbeparks vorgesehen.

IHK begrüßt CDU-Vorstoß

„Wir sehen in der Positionierung der CDU-Fraktion ein wichtiges Signal, den einvernehmlich beschlossenen Masterplan für die Nachnutzung des Flughafens Tegel nicht zu gefährden. Gerade in einer wachsenden Stadt müssen Wohn- und Gewerbeentwicklungen im Einklang erfolgen“, sagte Jan Eder, Hauptgeschäftsführer der IHK Berlin. Die Wohnbebauung sei in den Randbereichen des Areals von Beginn an vorgesehen. Sie müsse sich aber dem Markenkern der Urban Tech Republic unterordnen. „Dieser wurde stadtweit einvernehmlich abgestimmt“, betonte Eder.

Aus Sicht der CDU lässt sich nun auf eine für das Olympische Dorf geplante dichte Bebauung mit klaren Blockkanten verzichten. Weil die anderen Olympia-Bauten entfallen, gebe es mehr Platz und man könne lockerer bauen. Die Tegel Projekt GmbH sollte die Planung übernehmen und einen städtebaulichen Wettbewerb ausloben. Und weil es Sinn machte, direkt neben einem Forschungs- und Entwicklungszentrum für urbane Technologien auch die Produkte der dort ansässigen Unternehmen zu präsentieren, wünscht sich die CDU das Stadtquartier als ein Schaufenster des „smarten Berlin“. Die Wohngebiete sollen ein Experimentierfeld für neue Technologien sein. Das neue Quartier soll mit städtischen Wohnungsgesellschaften, privaten Bauherren und Genossenschaften verschiedene Eigentümer haben. Angesichts der Nähe zum neuen Campus der Beuth-Hochschule im Terminalgebäude biete sich auch studentisches Wohnen in der Nähe des Gewerbegebietes an.

Dass die Union der Tegel Projekt GmbH die Hoheit nicht nur für das Gewerbegebiet, sondern auch für das neue Wohnquartier übertragen will, ist eine klare Positionierung in einem schwelenden Konflikt mit der SPD. Denn für Wohnungsbau ist die SPD-geführte Stadtentwicklungsverwaltung unter Senator Andreas Geisel zuständig. Tegel Projekt untersteht Wirtschaftssenatorin Cornelia Yzer (CDU). Um Tegel zum Referenzstandort für urbane Technologien zu machen, sei eine Planung aus einem Guss jedoch sinnvoll, argumentiert die CDU. Eine in der Koalition erwogene Zusammenlegung der Entwicklungsgesellschaften für Tempelhof und Tegel lehnen die Christdemokraten ab.

Auf dem Flughafengelände sollen in den nächsten Jahrzehnten eine Milliarde Euro aus öffentlichen Kassen investiert werden, um daraus einen Zukunftsort zu machen. Das Gelände wird nach dem Ende des Flugbetriebs das größte Entwicklungsgebiet der Stadt sein.