Crowdfunding-Kita

Wie Berliner Eltern Arbeit und Familie vereinbaren wollen

In Prenzlauer Berg wollen Eltern mit „Coworking Toddler“ eine Kita gründen, in der gleichzeitig gearbeitet werden soll. Im Juni soll das Projekt starten. Finanziert werden soll es per Crowdfunding.

Foto: Reto Klar

„Wir lieben unsere Kinder“, sagt Sandra Runge. „Und wir lieben unseren Beruf.“ Damit fasst sie zwei Dinge zusammen, die nicht so recht zusammen passen wollen. Denn der Konflikt von jungen, arbeitenden Eltern ist immer derselbe: zu wenig Zeit fürs Kind, zu wenig Zeit für den Beruf und ständig ein schlechtes Gewissen.

Aber Sandra Runge hat eine Antwort auf dieses Problem, und die heißt nicht einfach „zu Hause bleiben“, sondern „Coworking Toddler“, was sich mit „Gemeinschaftsbüro Krabbelkind“ übersetzen lässt und erst mal wild klingt. „Coworking Toddler“ bietet Büroplätze für frei arbeitende Eltern und einen Kitaplatz für Kinder unter drei Jahren, und das alles an einem Ort.

Die Idee: ein Angebot mit drei getrennten Bereichen zu schaffen. In einem arbeiten die Eltern, in dem anderen spielen die Kinder unter Betreuung, und in einem dritten treffen sich alle. Zum Mittagessen, zum Trösten, zum Stillen, für all diese Momente an einem langen Kita-Tag, an dem die Kinder eben doch am liebsten bei ihren Eltern wären. Und die Eltern eben gerne da wären für ihre Kinder.

Hier wird ernsthaft gearbeitet

Noch gibt es so etwas nicht. Doch wenn es nach Sandra Runge geht, dann startet schon im Juni das Pilot-Projekt. Die erste Crowdfunding-finanzierte Kita. Dann muss man sich nicht mehr entscheiden, ob man bei seinem Kind bleibt oder ob man arbeiten geht. Dann hat man beides. Irgendwie.

Sandra Runge sitzt mit ihren zwei Kindern, ihrer Kollegin Juliane Gringer, deren Partner Dirk Lüneburg und deren zwei Kindern im Sandkasten auf einem Spielplatz an der Grenze von Mitte zu Prenzlauer Berg und führt sehr anschaulich vor, was genau daran eigentlich so schwierig ist, Beruf und Familie zu kombinieren. Während wir sprechen, verschwindet ihr ältester Sohn, Adrian, der etwas abseits an einer Sandburg gearbeitet hat. Dirk Lüneberg, der die Leitung übernommen hat, kümmert sich.

Runge ist Rechtsanwältin. Als ihr jüngerer Sohn ein paar Monate alt war, suchte sie nach einem Büroplatz, der ihr erlauben würde, ihr Kind mitzubringen. Im Netz stieß sie auf die Initiative. Die Geschichte vom „Coworking Toddler“ klingt wie eine Geschichte, die nur hier spielen kann. Kinder, die überall dabei sind, Eltern, die frei, selbstständig und wahrscheinlich kreativ arbeiten, wo immer es ihnen gerade passt.

Aber Runge und ihre Mitgründer wollen über das Klischee hinauswachsen. Sie wollen ihr Modell Unternehmen anbieten. Die könnten zum Beispiel feste Plätze buchen. Oder sich selbst eine Arbeiten-mit-Kind-Kita einrichten lassen, wenn sie wollen, dass ihre Mitarbeiter nach der Elternzeit frühzeitig wieder mit der Arbeit anfangen. „Die Jobwelt hat sich total verändert“, sagt Runge. „Durch die Digitalisierung arbeiten immer mehr Mitarbeiter flexibler – was die Zeit, aber auch, was den Ort angeht. Nur in der Kinderbetreuung ist nichts passiert.“

Zwei Familien, ein Start-up

Mit ihrem Mann Marc, Juliane Gringer und Dirk Lüneburg hat Sandra Runge „Coworking Toddler“ als Unternehmen gegründet. Marc Runge kümmert sich um Strategie und Finanzen und knüpft Kontakte zu Firmen, Gringer kümmert sich um PR, Runge um die Behörden. Zwei Familien, ein Start-up. Anders als bei vergleichbaren Eltern-Initiativen, die in Prenzlauer Berg und Mitte ja traditionell an jeder Ecke sprießen, ist „Coworking Toddler“ nicht für den Eigenbedarf. Die Kinder der Initiatoren sind bereits mit Kita-Plätzen versorgt.

In Leipzig gibt es bereits ein Eltern-Kind-Büro. Rockzipfel nennt sich das Projekt. Dort aber betreuen freiwillige Helfer und die Eltern selbst reihum die Kinder. Das Berliner Modell wird mit professionellen Erzieherinnen arbeiten. Die Kita-Plätze sollen staatlich gefördert werden und mit Kita-Gutscheinen erhältlich sein. Und die Büroplätze, die natürlich von den Eltern selbst bezahlt werden, sollen nicht dazu dienen, dass gestresste Eltern zwischendurch mal in Ruhe eine E-Mail schreiben können. Nein, hier wird ernsthaft gearbeitet. Ist das möglich, wenn die Kinder wissen, dass ihre Eltern nebenan sind? „Das können Kinder lernen“, ist sich Gringer sicher. Wenn einmal ein Kind seinen Vater oder seine Mutter brauche, dann soll die Erzieherin auch nicht mit dem schreienden Schatz auf dem Arm ins Büro marschieren, so wie auch die Eltern nicht einfach in den Spielbereich gehen sollen. „Wir werden das vermutlich wie in den Cafés hier in der Gegend machen: Die benutzen Pager, die vibrieren, wenn der Salat fertig zum Abholen ist. Solche Pager könnten wir einsetzen, wenn die Erzieherin Eltern verständigen möchte.“ Vielleicht entwickele man aber auch eine App, so Runge hinzu. Man ist ja schließlich Start-up.

Drei Erzieher auf zehn Kinder

Dazu gehört auch ein eigenes pädagogisches Konzept, dessen Grundsäulen man auf der Webseite nachlesen kann. „Im Gegensatz zu klassischen Betreuungseinrichtungen ermöglichen wir durch das Zusammensein mit den Eltern Körperkontakt, Nähe, gemeinsame Mahlzeiten, Stillen und die Vermittlung familiärer Werte“, heißt es da. Und: „Die Kinder werden bedürfnisorientiert versorgt, die Bindung zu den Eltern gestärkt.“ Erzieher und Eltern sollen mit dem Kind eine „Erziehungsgemeinschaft“ bilden. Um reine Betreuung geht es hier nicht. Die Kinder werden nach dem Flow-Effekt lernen, erklärt Gringer. Außerdem soll der Betreuungsschlüssel über die gesetzlichen Anforderungen hinaus gehen. Bei dem Modell geplant sind zehn Kinder und drei Erzieher.

Besteht bei dieser Nähe zwischen Erziehern und Eltern nicht die Gefahr, dass ein paar „Helikopter-Eltern“ gleich noch die Betreuung der Betreuung übernehmen und gar nicht mehr aus dem Spielzimmer verschwinden? Gringer und Runge sind sich sicher, dass das nicht passieren wird. Sie haben ein paar Regeln für eine „Coworking-mit-Kind-Etikette“ erstellt. Noch aber seien die nicht spruchreif. Könnte es beispielsweise Anwesenheitspflicht beim Mittagessen geben? Schließlich sind gerade Lunch-Dates wichtige Termine für Selbstständige. „Nein“, erklärt Runge bestimmt.

Über das Crowdfunding sollen jetzt 40.000 Euro zusammenkommen. Die Bewerbungsgespräche mit Erzieherinnen laufen bereits, zehn Kinder und Eltern stehen schon auf der Warteliste, und auch die Gespräche mit dem Senat verlaufen positiv. Was jetzt noch fehlt, ist eine Immobilie, die groß genug ist und bezahlbar. Gesucht wird in Prenzlauer Berg und Mitte. Wo sonst.

Weitere Infos: coworkingtoddler.com

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